Hettiswil

Von Menschen und Maschinen

Hettiswil Schon in den 1980er-Jahren gab es im kleinen Dorf Hettiswil ein Computergeschäft und einen Computerclub. Was damals als fortschrittlich galt, ist heute vielerorts von der Bildfläche verschwunden. Nicht so in Hettiswil.

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Steil geht es bergauf entlang von Bauernhäusern und Feldern. Ein junger Mann auf dem Töffli braust vorbei, ansonsten hat es kaum Verkehr an diesem frühen Feierabend. In der Ferne leuchtet der Wald in bunten Farben. Ganz versunken in den herbstlichen Zauber könnte man die Abzweigung fast übersehen. Was auch an der Beschilderung liegt. Über die Jahre gewuchert, verschlingt das Gebüsch den Wegweiser beinahe. Compu-Trade steht da.

Am Ende einer Quartierstrasse im beschaulichen Hettiswil werden die neusten technischen Gadgets verkauft. Vom Tablet bis zum Flash-Speicher. Johann Wyss, hochgekrempelte Hemdsärmel, Jeans, Headset auf dem Kopf, berät gerade einen Kunden. Sein Sohn Marc tippt derweil am Computer. Einer, auf dem wohl eines der bekanntesten Markenzeichen prangt: der angebissene Apfel. Auch auf den meisten anderen Geräten im hellen Büro ist es zu sehen. Mittlerweile hat Wyss das Telefongespräch beendet. Ganz der Vertreter der Marke, sagt er folgenden Satz als einen der ersten. «Unser Herz schlägt klar für Apple.» Und das schon seit 32 Jahren. «Wir sind sozusagen der Dinosaurier unter den Computergeschäften.»

Seit 1987

Angefangen hat alles im Jahr 1986. Damals arbeitete Wyss in der Werbung. Neben dem Brotjob baute er sich sein eigenes Geschäft auf. Er verkaufte Computer von Atari, Windows und vor allem Apple. Von den Anfängen zeugen ganze Regale voller alter Geräte. Wyss zeigt auf den Macintosh Plus, Baujahr 1987, beiges Gehäuse, bunt gestreifter Apfel, Diskettenlaufwerk. 9000 Franken habe der gekostet. Vor allem Kreative hätten damals auf die teuren Computer gesetzt, Grafiker, Architekten, Werber.

Heute noch machen KMU dieser Branchen einen grossen Teil seiner Kunden aus. Zudem beziehen Schulen und Privatpersonen ihre Geräte bei Compu-Trade. So sei das Geschäft über die Jahre immer etwas grösser geworden. Drei Angestellte und zwei freie Mitarbeiter hat Wyss. «Stark wachsen und mehrere Filialen eröffnen war aber nie mein Ziel.» So wie jetzt, mit einem kleinen Team, das passe gut für ihn.

Der Junior übernimmt

Beinahe die ganze Familie wirkt im Geschäft mit. Frau Lilo macht die Buchhaltung, und Sohn Marc tritt in die Fussstapfen des Vaters. Dass der Junior einstieg, war Glück im Unglück. Johann Wyss hatte 2012 einen Autounfall, konnte sich drei Monate lang kaum bewegen. Marc Wyss, mitten im Studium, sprang ein. Und blieb, auch als der Vater sich vom Unfall erholt hatte. «Es ist schön, zu sehen, dass es weitergeht», sagt Johann Wyss.

Immer voran ging es mit dem Geschäft bereits in den letzten dreissig Jahren. Und das in einer Branche, in der sich nicht nur die Produkte grundlegend gewandelt haben. Vom kleinen Händler zum grossen Discounter, zum Onlinehandel – immer neuer Konkurrenz war Compu-Trade ausgesetzt. «Wir müssen preislich mit dem Onlinehandel mithalten», sagt Wyss. Das könne man unter anderem dank kleiner Ladenfläche. Denn Compu-Trade lebt nicht von der Laufkundschaft. Vielmehr ist man bei den Kunden vor Ort. So hat das Geschäft seine Nische behalten.

«Wir setzen auf den persönlichen Kontakt.» Wenn sich der Computer ein Virus eingefangen hat, wenn eine ältere Dame Netflix einrichten möchte, wenn es um professionelle Netzwerklösungen geht: Wyss und sein Team gehen bei den Leuten vorbei oder unterstützen telefonisch. Eine Strategie, die sich bewährt. «Wir haben viele langjährige Kunden.»

Die Windows-Anhänger

Auch andernorts geht es um die persönlichen Kontakte hinter den Maschinen. Einmal in der Woche trifft sich der Computerclub Hettiswil im Handarbeitszimmer der Schule. Zwar ist es bereits halb acht Uhr abends, die Schüler sind schon längst zu Hause. Ruhig ist es in den Klassenzimmern trotzdem nicht. Im Erdgeschoss probt der Chor. Im Obergeschoss werden die Pulte zurechtgerückt und die Laptops verkabelt. Dass der Computerclub und das Computergeschäft fast zeitgleich gegründet worden seien, sei Zufall, so Thys Röthlisberger, Präsident des Clubs. Schon in einem Punkt würden sie sich grundlegend unterscheiden. «Wir sind Windows-Anhänger.»

1987 kamen sechs technikverrückte Männer ewrstmals zusammen. Schon zu der Zeit im Schulhaus Hettiswil. Thys Röthlisberger war dort Primarlehrer. Sie durften das Klassenzimmer als Clublokal nutzen, im Gegenzug warteten sie die fünf Schulcomputer, frühe IBM-Modelle. In der Umgebung sei man wohl die erste Schule mit Computern gewesen, meint der Pensionierte.

Doch mit der Anschaffung war es nicht getan. Schon nur das Word zu installieren, war damals ein kompliziertes Prozedere. «Wir haben zwölf verschiedene Disketten eingeworfen und bei jeder gehofft, dass wir nicht wieder vorne beginnen müssen.» Überhaupt brauchte es früher ein grosses Mass an Expertise. Die Anleitungen hätten oft Lücken gehabt und seien erst noch in Englisch gewesen. So tüftelten die Clubmitglieder gemeinsam an der Lösung von Problemen.

E-Banking und Shopping

Zusammen Probleme lösen ist heute ebenfalls Sinn und Zweck des Clubs. 21 Mitglieder zählt er. Die meisten sind im Ruhestand. Auch Jolanda Fässler. Sie will die Fotos von ihrem Handy auf den Computer laden. Sie, die früher als Putzfrau arbeitete, sagt von sich: «Ich bin mehr der praktische Typ und keine Knöpflidrückerin.» Trotzdem weiss sie seit der Pensionierung die Vorzüge des Computers zu schätzen. Jolanda Fässler verschickt Mails oder recherchiert über Blumen und Porzellan. E-Banking oder Onlineshopping traut sie sich allerdings nicht zu. Das will sie im Computerclub lernen. «Hier kann ich jede Frage stellen, und es ist sehr familiär.»

Mehr der Experte und weniger der Fragesteller ist Peter Wittwer, seit 25 Jahren beim Computerclub und dessen Kassier. Der pensionierte Elektroniker gibt seine Programmierkunststücke zum Besten: Kreise, Dreiecke, Rhomben schweben über den Bildschirm. Er finde es wichtig, dass es einen solchen Club gebe, sagt Wittwer. Je länger, je mehr. «Klar kann man alles googeln, aber in der Fülle der Informationen die richtige zu finden, ist schwierig.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 26.10.2018, 21:28 Uhr

Das Dorf

889 Einwohner zählt Hettiswil, das zu Krauchthal gehört. 1933 wuchsen die Viertelsgemeinden Krauchthal, Hettiswil, Hub und Dieterswald noch enger zusammen, wie der Gemeindewebsite zu entnehmen ist. Mit dem Gesetz über die Organisation und die Geschäftsführung der Gemeinde vom 20. Dezember 1933 wurden die verbindlichen rechtlichen Grundlagen für die Bildung der Einwohnergemeinde Krauchthal geschaffen.

Die Unerwähnten

40 Gemeinden umfasst das Emmental. Es sind Ortschaften, die meist aus deutlich mehr als nur einem Dorfkern bestehen, die sich in grössere Ortsteile und auch in Weiler gliedern. Diesen kleineren Einheiten widmen wir eine Serie: «Die Unerwähnten» heisst sie, weil sich ihre Bezeichnungen der Gemeindehierarchie unterwerfen.

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