Plötzlich flossen Bäche von überall her

Rüderswil

Das Gewitter vom Montagabend konzentrierte sich auf Zollbrück und den Unterfrittenbach. Aber nicht nur im Einflussbereich des Bachs richtete es grosse Schäden an, sondern völlig unerwartet auch in der Bomatt.

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Dass ihre Wohnung einmal überschwemmt werden könnte, damit hatten Edwin und Carmen Stürchler wirklich nicht gerechnet. Seit 15 Jahren wohnen sie in der Bomatt in Zollbrück auf der Höhe des Jakob-Markts gleich hinter den Geschäftshäusern, in denen die Valiant und Computech untergebracht sind. Ihr Mehrfamilienhaus ist am Bordweg 7 an den Hang gebaut. Edwin und Carmen Stürchler bewohnen mit ihrer 18-jährigen Tochter den ersten Stock. Bach gibt es hier weit und breit keinen, der bei starken Gewittern eine Gefahr darstellen könnte. Vor einem Hangrutsch fühlen sie sich dank der Stützmauer hinter dem Haus ebenfalls sicher. Und dennoch stand ihr Sitzplatz am Montagabend auf einmal einen Meter hoch unter Wasser. Die dreckige Masse drang in die Wohnung ein und ergoss sich in die Küche, unter die Polstergruppe, in die Schlafzimmer, das Bad, überallhin. Ein begossener Laptop, an Haufen liegende, von Schlamm durchtränkte Teppiche, ersoffene Kakteen – gestern Vormittag bot sich in der einst liebevoll eingerichteten Wohnung ein chaotisches Bild.

In 65 Jahren nie erlebt

Etwa eine Stunde lang sei das Wasser durch die Wohnung und in den Keller hinuntergeflossen, erzählt Edwin Stürchler. Bis morgens um halb zwei seien sie mit Auspumpen und Putzen beschäftigt gewesen. Auch Beat Rindlisbacher, der gleich unterhalb des Mehrfamilienhauses eine Schreinerei betreibt, hatte eine kurze Nacht. Er berichtet von einem etwa 70 Zentimeter hohen Bach, der sich die Treppe hinunterergossen habe. «Ich bin seit 65 Jahren hier, aber so etwas habe ich noch nie erlebt», sagt er.

Auf der Ebene oberhalb des überbauten Hangs, auf dem Ebnit, muss es geschüttet haben wie noch selten. Der ausgetrocknete Boden konnte das Wasser nicht aufnehmen, sodass es sich wie ein Bach den Hang hinunterstürzte und reihenweise Keller und Erdgeschosse unter Wasser setzte. Bei Computech und Valiant war die Feuerwehr gestern Vormittag immer noch am Pumpen.

Umgestürzte Bäume

Die Feuerwehrleute hatten viel zu tun in der Nacht zuvor. Denn auch der Frittenbach hatte sein Bett verlassen und als breiter, lehmiger Fluss die Hauptstrasse und alle angrenzenden Keller unter Wasser gesetzt. Bis spät am Abend war die Kantonsstrasse gesperrt, bis weit in die Nacht hinein pumpte die Feuerwehr Keller aus und befreite die Strassen im Unterfrittenbach von umgestürzten Bäumen. Auch Hangrutsche habe es weiter hinten im Graben gegeben, erzählt Jürg Rothenbühler, Gemeindepräsident von Rüderswil. In sein Zuständigkeitsgebiet fällt die Frittenbachstrasse, die teilweise mitgerissen wurde und nur noch einspurig befahrbar ist. Der Bach gehört zur Gemeinde Lauperswil.

Frittenbach soll saniert werden

Dass der Frittenbach gefährlich werden kann, war der zuständigen Schwellenkorporation Lauperswil bewusst. Schon vor ein paar Jahren sei er über die Ufer getreten, und Ende der 1990er-Jahre habe er sogar noch grössere Schäden angerichtet als jetzt, berichtet Rothenbühler. Planungsarbeiten für eine Bachverbauung und damit zusammenhängende Strassenanpassungen seien im Gang. «Wir sind am Abklären wegen der Finanzierung», sagt Rothenbühler.

Wie grosse die Schäden sind, die Hagel und Regen vom Montagabend in Zollbrück angerichtet haben, konnte Regierungsstatthalter Markus Grossenbacher gestern noch nicht abschätzen. Mitarbeiter der Gebäudeversicherung des Kantons Bern seien daran, systematisch in jedem Gebäude die Schäden aufzunehmen. «Sie brauchen etwa bis Ende Woche Zeit», sagt Grossenbacher und weist damit auf die grosse Zahl der Betroffenen hin. Wie am 4.Juli in Bumbach muss sich laut dem Statthalter nun auch über Zollbrück «ein Regenpfropfen gebildet haben, der über dem Ort hocken blieb und sich komplett entleerte».

Berner Zeitung

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