Wynigen

Ungezählte Unerwähnte

WynigenDie Männer und Frauen Wynigens hielt es in früheren Zeiten nicht im Tal. Sie machten sich auf, die umliegenden Hügel zubesiedeln. Walter Christen hat darüber lange nachgedacht.

Als bestünde die Welt nur aus Wynigen: Blick vom Oberbühlchnubel über die weitverzweigte Gemeinde.

Als bestünde die Welt nur aus Wynigen: Blick vom Oberbühlchnubel über die weitverzweigte Gemeinde. Bild: Thomas Peter

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Breitenegg, Rüedisbach, Ferrenberg, Mistelberg – die Liste liesse sich problemlos verlängern. Geht es um «unerwähnte» kleine Dörfer und Weiler, hat Wynigen eine ganz Anzahl zu bieten. Da gäbe es zum Beispiel noch Leggiswil, Kappelen, Schwanden und –nicht zu vergessen – Brechershäusern mit der berühmten «Glungge» aus Franz Schnyders Gotthelf-Filmen.

Und auch wenn Wynigen natürlich nicht die einzige Gemeinde im Emmental ist, deren Einwohner weitherum verstreut wohnen, fragt man sich schon: Warum sind die Wyniger in die Höger ausgezogen? Was hat sie dazu gebracht, das Tal zu ver­lassen?Fragen wir nach. Bei einem, der sich seit vielen Jahren Gedanken um und über den Ort macht: Walter Christen, Ur-Wyniger, Alt-Landwirt, Alt-Grossrat, Alt-Gemeinderat, interessiert an Lokalgeschichte und entsprechend ­belesen.

«Die Kappeler wehrten sich und waren erfolgreich. Ihr Schulhaus ist noch in Betrieb.»Walter Christen

Zusammen mit seiner Familie wohnt auch er in einem der vielen Weiler rund ums Dorf, im Mösli hinter Leggiswil. «Wissenschaftlich belegen kann ich es nicht», leitet Christen seine Erklärung ein, «aber es wird wohl so gewesen sein, dass irgendwann der Platz im Tal knapp wurde.» Also seien die Menschen auf die Wynigenberge ausgewichen.

Diese Vermutung liegt nahe. Nicht zuletzt, weil «in der Höhe» nicht etwa unwirtliches Felsgestein auf die Menschen wartete, sondern sanft gewelltes, mit Wald überwachsenes Land. Damit wir uns richtig verstehen: Sanft gewellt ist die Gegend vor allem für das Auge der Betrachterin und die Beine eines geübten Wanderers. Wer hier aber etwas anpflanzen und ernten will, der muss schon eine gute Kondition haben – oder, in jüngerer Zeit, für Hanglagen gebaute Maschinen.

Die Römer waren da

Auf den Höhen ob Wynigen tummeln sich nicht erst seit ein- oder zweihundert Jahren Menschen. Im Ortsbuch, das 1985 aus Anlass der 800-Jahr-Feier der Gemeinde entstanden ist, steht geschrieben, dass die Hügel schon viel früher mit Verkehrswegen erschlossen waren. Natürlich gab es die Strasse im Tal, von Burgdorf über Wynigen nach Langenthal. Dort sollen schon die Römer unterwegs gewesen sein.

Etwas später, im 12. und 13. Jahrhundert, waren die Zähringer in der Gegend aktiv. Sie haben während ihrer Zeit die ersten Wege über die Höhen angelegt. Der Wichtigste war gemäss dem Ortsbuch jener von Burgdorf über die Lueg nach Huttwil. Von dieser Hauptverbindung zweigte ein Zubringer zur Burg Schwanden und weiter nach Wynigen ab.

Eine dritte Verbindung schliesslich führte über einen Hohlweg von Wynigen über das Bühl, Oberbühl, Ferrenberg in Richtung Huttwil. Diese alten Hohlwege sind zum Teil noch erhalten. Und sie bringen uns auf der Spurensuche zurück zu den Aussiedlern. Sie nutzten, da ist sich Walter Christen sicher, für ihre Umzüge genau diese Verbindungen. Eine andere Möglichkeit, auf die Hügel zu kommen, gab es nicht.

Sie waren Bauern

So weit, so gut. Jetzt wissen wir, warum und wie die Menschen in die Wynigenberge kamen. Was aber machten sie dort? Sie betrieben Landwirtschaft. «Jeder war in erster Linie Selbstversorger», sagt Christen. Und damit ist auch klar, warum die meisten der Weiler noch heute ein sehr landwirtschaftliches Gepräge haben. Behäbige Bauernhäuser, schöne Stöckli und Speicher dominieren die Gebäudegruppen. Was nicht bedeutet, dass es die Menschen dort oben einfach hatten. Erst mal galt es nämlich, den Wald zu roden, dann, Häuser zu bauen, und schliesslich, Felder anzu­legen.

Walter Christen weiss über Wynigen bestens Bescheid. Foto: Thomas Peter

Walter Christen hält es nicht mehr an seinem Küchentisch. «Kommen Sie, wir fahren auf den Oberbühlchnubel, ich will Ihnen das alles im Überblick zeigen.» Mit seinem geländegängigen Wagen fährt der Senior bis fast ganz zuoberst auf den bekannten Aussichtspunkt. Die letzten paar ­Meter gehen wir zu Fuss. Der Himmel ist nicht ganz klar, die Aussicht aber trotzdem atemberaubend. Auf der einen Seite der Jura, auf der anderen die Berner Alpen – an diesem Tag zwar von Wolken bedeckt, aber erahnbar.

Und dazwischen, so scheint es, besteht die Welt nur aus der Gemeinde Wynigen. Walter Christen beginnt aufzuzählen: Rüedisbach ist zu erkennen, dann die Breitenegg, der Mistelberg und – ganz nah, quasi zu unseren Füssen – der Ferrenberg, zu dem der Oberbühlchnubel gehört. Hier oben steht man übrigens auf 818 Metern über Meer.

Bewegte Vergangenheit

Die Weiler in den Wynigenbergen haben nicht nur eine bewegte, sondern auch eine erfolgreiche Vergangenheit. Einst war Wynigen eine Viertelgemeinde, bestehend aus dem Dorf, Rüedisbach, Kappelen und Mistelberg. An diesen vier Orten hatte die Gemeinde auch je ein Schulhaus. Jene in Rüedisbach und Mistelberg wurden wegen Schülermangel geschlossen. «Die Kappeler wehrten sich», sagt Walter Christen, «und waren erfolgreich. Ihr Schulhaus ist noch in Betrieb.» Darüber sei man heute froh, schiebt er nach.

Weniger Erfolg als die Kappeler hatten die ehemals sieben Käsereigenossenschaften. Sie wurden allesamt aufgelöst. Die eine oder andere der Käsereien dient heute als Milchannahmestelle. Auch Kleingewerbe gab – und gibt – es in den Wynigenbergen.

«Schuhmacher, Schneider, Schreiner, Wagner, sie alle hatten ihr Auskommen», zählt Walter Christen auf. Als nun mit den Handwerkern der Warenaustausch zwischen Berg und Tal ins Rollen kam, ging es los mit dem Strassenbau. «Die alten Hohlwege waren nur zu Fuss oder mit einem Pferdefuhrwerk nutzbar», erklärt Christen. Für Autos waren sie denkbar ungeeignet, geschweige denn für Lastwagen.

Strassen mussten her

Die Menschen auf den Hügeln kämpften dafür, bessere Strassen zu erhalten. Manche gar bis in den Tod. Da gab es zum Beispiel jenen Bauern, der in seinem Testament verfügt hat, ein Teil seines Erbes sei für den Strassenbau zu verwenden. In der Zeit um 1890 bis in die 1920er- und 30er-Jahre hinein sind die heutigen Verkehrswege entstanden. Doch auch diese Errungenschaft fiel den «Berglern» nicht einfach so zu. Die Gemeinde schaute zwar, dass die grösseren Verbindungen zustande kamen. Für die Zufahrten zu ihren Höfen und Häusergruppen mussten die Leute dann selber schauen. «Zeitweise waren bis zu 11 Weggemeinden aktiv», sagt Walter Christen. Eine jede zog den sogenannten Wegtell ein, und mit diesem Geld wurden die Zufahrten finanziert.

Das Gespräch ist um, Zeit, ins Büro zurückzufahren. «Nehmen Sie diese Strasse», sagt Walter Christen und weist auf einen Feldweg. «Die ist zwar nicht geteert, aber so sehen Sie noch ein bisschen mehr von der Gemeinde.» Nun denn, wenn er meint. Nach etwa zwei Kilometern ist die Strasse erreicht, die eigentlich direkt ins Dorf führen würde. Zurück ins Büro? Nein, dann lieber doch noch eine kurze Ausfahrt in die Wynigenberge. Vorbei an gepflegten Bauernhäusern in Oberbühl, Brechershäusern, Rüedisbach, Wil, Häusern, Ferrenberg, Friesenberg, Kappelen, Fuhren, Mistelberg, Hofholz, Schwanden . . .

(Berner Zeitung)

Erstellt: 20.08.2018, 07:46 Uhr

Serie

40 Gemeinden umfasst das Emmental. Ortschaften, die meist aus deutlich mehr als nur einem Dorfkern bestehen, die sich in grössere Ortsteile und kleinere Weiler gliedern. Diesen kleineren Einheiten widmen wir eine Serie: «Die Unerwähnten» heisst sie, weil sich ihre Bezeichnungen der Gemeindehierarchie unterwerfen.

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