Schafhausen

Ungewisse Tage im Asylzentrum

SchafhausenSeit drei Jahren fungiert das Schulhaus in Schafhausen als sogenannte Kollektivunterkunft für Asylsuchende. Nach anfänglichen Widerständen hat sich die Bevölkerung mit der Situation arrangiert.

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Es ist 9 Uhr. Im Schulhaus in Schafhausen ist nur wenig Betrieb. Ein junger Mann kehrt mit dem Besen den Vorplatz, im Treppenhaus wischt eine junge Mutter mit einem Lappen die Stufen sauber. Ihre Kinder treten zurückhaltend aus dem Dunkeln des alten Schulhauskellers hervor und lächeln scheu. Sie scheinen glücklich und unbeschwert.

Die künftige Sozialarbeiterin Tanja Meier* geht durch die Gänge und kontrolliert Badezimmer, Aufenthalts- und Essräume. Alles scheint in Ordnung und ist blitzblank gesäubert. «Heute hat wohl jemand verschlafen», sagt Meier, denn auf dem Pausenplatz liegen immer noch Zigarettenstummel und Laub am Boden. Dass Arbeiten nicht erledigt werden, komme selten vor, denn die Bewohner könnten sich so ein wenig Geld dazuverdienen, erklärt die junge Frau (siehe Zahlen und Fakten).

Regelmässige interne und externe Deutschkurse

Es ist ein gewöhnlicher Mittwoch in der Kollektivunterkunft. Der grösste Teil des ehemaligen Schulhauses scheint noch zu schlafen, und es ist angenehm ruhig. Im Obergeschoss angekommen, begrüsst Tanja Meier die Bewohner und wechselt einige Worte mit ihnen. Ein junger Afghane, der sich Ali Faizi nennt, weil er seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will, scheint sich über den Besuch zu freuen. «Er kommt oft ins Büro, um mit uns zu plaudern», sagt Tanja Meier.

Er sei seit zwei Jahren in der Schweiz, 15 Monate davon in Schafhausen, erzählt Ali Faizi. Obwohl er sich gut verständigen könne, würden seine Sprachkenntnisse noch nicht ausreichen. Um diese zu verbessern, ­besucht er regelmässig interne Deutschkurse der Heilsarmee-Flüchtlingshilfe (HAF). Zweimal in der Woche reist er mit dem Zug nach Hasle, wo Freiwillige einen zusätzlichen, externen Sprachunterricht anbieten.

«Ich würde gerne Kurse in Bern besuchen, aber das Zugticket ist zu teuer», sagt Ali Faizi enttäuscht. So müsse er auch auf sein Hobby, das Boxen, verzichten. Die Trainings und der Weg zum Berner Boxclub sind zu teuer für ihn. Trotzdem scheint er aktiv und ambitioniert. Sein grosser Wunsch ist, gut Deutsch zu sprechen. Denn nicht nur in Gesprächen mit Menschen würde es vieles erleichtern: Bessere Sprachkenntnisse würden ihm unter ­anderem den Zutritt zu einer Schweizer Schule ermöglichen oder die Aussichten auf einen Job in der Autobranche verbessern. Zudem hätte er bessere Chancen auf einen Transfer in eine Wohnung. Auf eine solche hoffe er schon seit langer Zeit, sagt Ali Faizi. Er könne sich aber glücklich schätzen, teile er hier sein Zimmer nur mit zwei Personen.

Wohnen im Massenschlag

Das Schulhaus bietet Platz für rund 150 Flüchtlinge. So gibt es unter den vielen kleinen Zimmern auch Massenschläge mit bis zu 20 Betten. Trotz der überschaubaren Anzahl Mitbewohner von Ali Faizi sind die Nächte für ihn schwierig: «Mein Zimmergenosse schnarcht so laut, dass ich in der Nacht kein Auge zukriege», sagt er.

Seine Augen sind durch die Müdigkeit klein und die Augenlider stark angeschwollen. Trotz der nicht immer einfachen Bedingungen und der langen Zeit des Wartens auf den ersehnten Asylentscheid wirkt der 22-jährige Afghane gefasst und aufgestellt. Langweilig sei es ihm nie. Wenn er nichts zu tun habe, versuche er zu schlafen oder unterhalte sich mit seinen Freunden. Er schätzt den Kontakt zu den ­Bewohnern im Schulhaus. «Wir sind wie eine grosse Familie», sagt Ali Faizi. So lädt er kurz nach 11 Uhr im Lernzimmer zu Tee, Schokolade und Keksen ein. Umgeben von alten Wandschränken, die gefüllt sind mit deutschen Schulbüchern, geniesst er das Gespräch mit seinen Freunden.

Nach und nach erwacht das grosse, stille Haus. Dass es etwas später wurde heute, kann auch damit zu tun haben, dass am Vortag das Sozialgeld ausbezahlt wurde. Der eine oder andere Bewohner gönne sich am Zahltag ein Bierchen am Abend oder auch zwei, sagt Monika Müller*, die seit den Anfängen im Schulhaus Schafhausen als Betreuerin arbeitet (siehe Chronik).

Junge Männer in Flipflops und in kurzen Hosen schlurfen mit Schlafzimmerblick durch die Gänge. Ein Duft von gedünsteten Zwiebeln macht sich im ganzen Haus breit. Die Mittagszeit ist ­angebrochen. In der Küche im Untergeschoss dampfen ein halbes Dutzend Pfannen. Zwiebeln und Peperoni werden gehackt, ein junger Mann wäscht gerade ein halbes Poulet unter dem Wasserhahn, ein anderer schlägt ein Ei über das angedünstete Gemüse. Drei Eritreer haben sich um eine grosse Pfanne versammelt und fügen dem köchelnden Eintopf aus ihrem Heimatland Pfeffer hinzu. Viel Pfeffer. Es riecht nach allerhand Gewürzen. Ein Mann aus Afghanistan brät sich ein paar Cevapcici. Wie man so hört, sind gewisse Herdplatten beliebter als andere. Nicht alle liefern die nötige Hitze, und so gibt es ein kleines Gedränge. Im Vorraum der Küche sitzen bereits die ersten in kleineren Gruppen zusammen und essen zu Mittag.

Wie ein ruhiger Sonntag in einem Quartier

Draussen ist die Sonne zwischen den Wolken herausgekommen. Auf dem Pausenplatz vor dem Schulhaus sitzen die Bewohner auf den Treppen, auf Plastikstühlen, auf Bänken, trinken Tee aus dem Samowar, wischen über ihr Handy und geniessen die plötzliche Wärme. Es kommt ein wenig Quartierstimmung auf. Es hat ­etwas von einem gemütlichen Sonntag in einem Vorort. Man steht herum, raucht, plaudert, spaziert um das Haus herum. Und doch liegt eine eigentümliche Stimmung in der Luft.

Betreuerin Monika Müller findet die richtigen Worte für dieses Gefühl: «Jeder ist hier am Warten.» Ja, jeder, der hier ist, wartet auf eine Entscheidung darüber, wie es mit ihm weitergeht. Manche sind schon seit Monaten hier. Andere erst ein paar Tage. «Es gibt alles», sagt Müller. «Von zwei Wochen bis zwei Jahre.» Im Schnitt dauere der Aufenthalt im Schulhaus ein Jahr. Für die jungen Männer sind die Wartezeiten oft etwas länger. Für Familien und alleinerziehende Mütter finden sich viel leichter Wohnungen. Junge Männer wie Ali Faizi haben es da schwerer.

Die langen Tage irgendwie verkürzen

Es gibt Angebote dafür, dass man die Zeit irgendwie ertragen, die Leere auffüllen kann. Im ersten Stock beim Eingang sind sie an einer Pinnwand aufgehängt. Aktivitäten wie Fussballtrainings und -turniere, gemeinsames Joggen sollen helfen, die langen Tage zu verkürzen.

Wolken ziehen vor die Sonne. Drei eritreische Kinder rennen auf dem Pausenplatz herum. Monika Müller raucht eine Zigarette und sagt: «Ich bin sehr froh, dass wir wieder Kinder hier haben.» Dann gebe es keinen Rassismus mehr. Liebevoll kümmern sich die jungen Männer um die Kleinen. Ob Eritreer oder Afghane, spielt keine Rolle. Das sei nicht immer so, sagt Monika Müller. Oft wollten die einen mit den anderen nichts zu tun haben. «Die Kinder haben eine verbindende Wirkung.»

Fast ein wenig gewöhnlich

Vom Dorf her kommen drei weitere Knirpse mit Schulranzen an den Rücken die Strasse herauf. Der älteste Junge sagt Hallo und lacht. Er und seine zwei jüngeren Geschwister kommen gerade von der Schule in Hasle. Sie rennen die Treppen in den zweiten Stock hinauf. Dort wartet ihre Mutter mit dem Mittagessen. Es gibt Poulet mit Kartoffeln. Die Familie ist seit vier Monaten hier. Auch sie wollen lieber anonym bleiben und denken sich ihre Namen selber aus.

Die 37-jährige Mutter will Christa genannt werden, der 12-Jährige Sohn Daniel, die 10-jährige Tochter Leona und der Jüngste, 8 Jahre alt, Timon. Auch wenn sie zu viert nur ein kleines Zimmer bewohnen, trotz all dessen, was sie hinter sich und auch noch vor sich haben, trotz der Ohnmacht, der Hilflosigkeit, wirkt die kleine Familie fröhlich und ungezwungen. Und auch ihr Alltag ist auf eine eigentümliche Weise gewöhnlich.

Für Christa beginnt der Tag um 5.50 Uhr mit der morgendlichen Toilette, wie sie sagt. Dann betet sie, sie bereitet das Frühstück vor, weckt ihre Kinder und macht sie bereit für die Schule. Später macht sie den Haushalt, schaut für Ordnung im gemeinsamen Zimmer. Gegen Mittag kocht sie das Mittagessen, wartet darauf, dass die Kinder von der Schule kommen.

Daniel erzählt von dem Singunterricht an diesem Morgen, von den Hausaufgaben, die er zu erledigen hat. Nachher, am Nachmittag, wird er draussen mit den anderen Fussball spielen, die Mutter Christa wird in ihrem Zimmer bunte Armbänder knüpfen, Deutsch lernen, dann ist bald wieder Essenszeit. Um 21 Uhr wird es für die Kinder Zeit, ins Bett zu gehen. Morgen ist wieder Schule. Gewöhnlicher Alltag. ­Wäre da nicht die Ungewissheit.

*Auf Wunsch der Heilsarmee Flüchtlingshilfe wurden die Namen der Betreuerinnen anonymisiert. (Berner Zeitung)

Erstellt: 12.09.2017, 06:09 Uhr

Zahlen und Fakten

Ein Leben nach der Pinnwand

Ein Blick in die Statistik zeigt, dass das Schulhaus in den drei Jahren eine stattliche Anzahl von Asylsuchenden beherbergt hat. Seit seiner Eröffnung im Jahr 2014 hat diese stetig zugenommen, sodass es zwischenzeitlich sogar überbelegt war. Im Schnitt waren aber 120 bis 130 Asyl­suchende einquartiert. Anfangs war es ein eigentliches Familienhaus, heute wird es vor ­allem von jungen Männer bewohnt. Derzeit sind von den total 97 Personen nur gerade 10 Frauen. Gut ein Drittel der Asylsuchenden kommt aus Afghanistan, 22 sind aus Sri Lanka und 15 aus Eritrea. Weitere Herkunftsländer sind etwa Äthiopien, Irak, Syrien oder Somalia.

Aktuell sind acht Betreuer der Heilsarmee-Flüchtlingshilfe (HAF) im Einsatz. Um den Menschen eine gewisse Struktur zu ermöglichen, gibt es im Schulhaus diverse Aktivitäten. An einer Pinnwand im Erdgeschoss wird auf verschiedene Angebote hingewiesen. So bietet die HAF täglich Deutschkurse an, die im Schnitt von 10 Asylsuchenden besucht werden. Auch Freiwillige aus Hasle bieten ihre Hilfe an und geben Sprachunterricht. Doch auch der Spass soll nicht zu kurz kommen: Wöchentlich findet in Rüegsau ein Treffpunkt statt und ermöglicht einen Austausch zwischen Dorfbewohnern und Asylsuchenden. Am Montagabend steht gemeinsames Joggen an, es gibt regelmässig Fussballspiele. Auch Anmeldetalons etwa für den Stadtlauf vom letzten Wochenende sind an der Wand zu finden. Ziel ist es, Normalität und Ruhe in das Leben der Asylsuchenden zu bringen und sie bestmöglich auf den Alltag in der Schweiz vorzubereiten, sagt Standortleiter Markus Alt.

Jeweils am Dienstag versammeln sich alle Bewohner. Denn dann findet die Geldausgabe statt. Ein alleinstehender Asylsuchender bekommt pro Tag 9.50 Franken. Mit sogenannten Workfare-Angeboten können sie ihr Portemonnaie aufbessern. Dazu gehören etwa Rasenmähen und verschiedene Putzarbeiten im und ums Haus. Dafür gibt es 3 Franken pro Stunde. Was die Zukunft der Bewohner angehe, sei jeder Fall anders, sagt Alt. Erhalten sie eine Aufenthaltsbewilligung, verlassen sie im Normalfall das Durchgangszentrum Schafhausen. Idealerweise ziehen sie in eine eigene Wohnung, finden eine Arbeitsstelle und integrieren sich in ihrer Gemeinde. Bei einer Ablehnung des Gesuchs müssen die Asylsuchenden die Schweiz verlassen. Von einer freiwilligen Rückreise in ihre Heimat über eine Ausschaffung bis zum Untertauchen ist alles möglich. (mbu/sst)

Chronik

Vom Protest zum Wohlwollen

Seit nunmehr drei Jahren wird das früher leer stehende Schulhaus in Schafhausen als Durchgangszentrum genutzt und als sogenannte Kollektivunterkunft von der Heilsarmee-Flüchtlingshilfe geführt. Als damals, im Oktober 2014, bekannt wurde, dass bald bis zu 150 Flüchtende in das alte Schulhaus einziehen sollten, kam es zu einem Aufschrei im Dorf. Rund 150 Einwohner Schafhausens haben auf dem Schulhausplatz gegen das Vorgehen der Behörden protestiert. Angeprangert wurde an ­jenem Abend und später an einer Informationsveranstaltung aber vor allem die Gemeinde­exekutive dafür, dass sie die Bevölkerung erst kurz vor dem Einzug der ersten Asylsuchenden vor vollendete Tatsachen gestellt hatte. Gemunkelt wurde auch, dass die Gemeindevertreter nicht nach humanitären, sondern finanziellen Überlegungen handelten, spült das Asylzen­trum der Gemeinde Hasle doch monatlich brutto 25'000 Franken in die Kasse.

Und natürlich kamen auch Ängste und Befürchtungen zum Ausdruck, dass 150 Asylsuchende auf etwa gleich viele Einwohner zu Konflikten führen könnten. Die Gegner provozierten denn auch eine Urnenabstimmung, die eine Kündigung des Mietvertrages mit dem Kanton Bern für das Schulhaus vorsah. Chancenlos. Im Februar 2016 sprachen sich fast 80 Prozent der Urnengänger für die Flüchtlinge aus und machten das Schulhaus damals zum ­einzigen von der Bevölkerung abgesegneten Durchgangszen­trum in der Schweiz.

Dann wurde es ruhig in dieser Sache und ist es bis heute geblieben. Das sagt auch der damals in die Kritik geratene Gemeindepräsident Walter Scheidegger. Am alle zwei Monate stattfindenden runden Tisch mit Anwohnern, Vertretern von Kanton, Flüchtlingshilfe und freiwilligen Helferinnen und Helfern der Kirchgemeinde gebe es wenige bis keine Beschwerden, erklärt er auf Anfrage. Ab und an sei der Lärm ein Problem. Das könne jeweils mit einem Anruf im Zentrum geregelt werden. Sorgen bereitet den Einwohnern lediglich, dass die Asylsuchenden auf ihrem Weg von Schafhausen nach Hasle abends keine Leuchtwesten trügen, was wegen des fehlenden Trottoirs gefährlich sein könnte. Oder wenn sie mit dem Velo ohne Licht unterwegs seien. Grundsätzlich laufe aber alles geordnet, so Scheidegger. Die Leute im Dorf hätten sich an die Situation gewöhnt. Es gebe zwar immer noch welche, die nicht gerade Feuer und Flamme seien, die Bereitschaft zur Hilfe sei aber spürbar. So läuft der Vertrag mit dem Kanton vorläufig weiter. Er beinhaltet eine beidseitige Kündigungsfrist von 6 Monaten. Wollte die Gemeinde den Vertrag auflösen, wäre eine erneute Urnenabstimmung nötig. «Aus meiner Sicht gibt es derzeit keinen Grund, den Vertrag zu kündigen», sagt Scheidegger. Erst wenn plötzlich andere sinnvolle Umnutzungsideen auftauchen würden, könnte es ein Thema werden. (mbu)

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