Tanzen verbindet

Burgdorf

Für die Solätte in Burgdorf studieren die Schüler der Heilpädagogischen Tagesschule erstmals mit jenen der Regelklassen eine Choreografie ein. Lange Zeit waren die Kinder mit geistiger Beeinträchtigung am Traditionsfest etwas aussen vor.

Kinder und Lehrer tanzen zusammen: Die Klassen der Primarschule Lindenfeld und der HPS Burgdorf proben für die Solätte.

Mehr als hundert Kinder kauern am Boden nahe beieinander. Nach und nach stehen die Schüler auf, laufen in alle Richtungen. Blaue, weisse, rote und braune Tücher schwenken sie im Rhythmus der Musik. Sie stehen für Wasser, Luft, Feuer und Erde.

Die Kinder laufen im Kreis, die Elemente treffen aufeinander und vermischen sich. Sinnbildlich verkörpert die Choreografie den Kern der Projektwoche der Primarschule Lindenfeld und der Heilpädagogischen Tagesschule Burgdorf (HPS): Kinder mit einer geistigen Beeinträchtigung treffen auf Schüler der Regelklassen. Gemeinsam haben sie einen Tanz für die Solätte einstudiert.

Neue Freunde

An diesem sonnigen Vormittag gilt es nun schon fast ernst. Die Hauptprobe auf der Schützenmatte steht an. Dort, wo dann auch am grossen Tag getanzt wird. Tanzpädagoge Martin Wanzenried gibt letzte Anweisungen, ruft die Schritte in Erinnerung. Damit die Kinder mit ganz unterschiedlichen Fähigkeiten mitmachen können, hat er sich einige Tricks überlegt. So tanzen auch Lehrpersonen und Praktikantinnen mit. Sie nehmen Jungen und Mädchen, die mehr Unterstützung brauchen, bei der Hand. Und andere, die schneller lernen, haben schwierigere Schritte einstudiert. «Das gemeinsame Projekt tut den Kindern beider ­Schulen gut», sagt die Schulleiterin der HPS Burgdorf, Ursula Bürki. Sie hätten so neue Freunde gefunden, meint sie.

Und einen solch gemeinsamen Auftritt an der Solätte gab es noch nie. Die Schüler der HPS waren in vergangenen Jahren immer etwas aussen vor. Erst nahmen sie gar nicht am Umzug teil. Dann waren sie viele Jahre in einem ­geschmückten Planwagen mit Rossgespann unterwegs. Die Kinder der Regelklassen gingen hingegen zu Fuss. Sandra Schelker, die damals Lehrerin an der HPS war, setzte sich dann dafür ein, dass ihre Schüler keine Sonderstellung mehr hatten. «Die meisten haben gar keine körperliche Beeinträchtigung und können ganz gut am Umzug mitlaufen», sagt sie auf Anfrage.

So waren die Kinder 2006 erstmals zu Fuss oder mit Leiterwagen unterwegs. Nur bei den Tänzen auf der Schützenmatte waren sie nach wie vor nicht dabei. Stattdessen machten sie auf ihrem Pausenplatz eine kleine Aufführung für die Eltern. 2008 brachte Sandra Schelker im Kollegium ein, die Tanzaufführung fortan auch auf der Schützenmatte zu machen. Während die anderen Schulklassen jeweils stufenweise gemeinsam mit den übrigen Schulhäusern eine Choreografie einstudierten, führte die HPS einen eigenen Tanz auf.

Lehrerin gibt den Anstoss

In diesem Jahr wird nun ein weiterer Schritt Richtung Gemeinsamkeit gemacht. Und wieder gab eine Lehrerin den Anstoss: Sabrina Zurbuchen, die an der Primarschule Lindenfeld unterrichtet. «Ich fand es immer schade, dass die Kinder der HPS so allein tanzten», sagt sie. Um die Schüler langsam ans Tanzprojekt heranzuführen, trafen sich die Klassen der beiden Schulen seit einem Jahr regelmässig.

Im Winter gingen sie auf die Eisbahn, im Sommer an die Emme, grillierten Schlangenbrot oder bastelten einen Heissluftballon. Am Anfang hätten die Kinder schon etwas Berührungsängste gehabt, erzählt Zurbuchen. Doch diese hätten sich schnell gelegt. Die Schüler würden die Unterschiede gar nicht gross wahrnehmen, sagt sie. «Manchmal fragen sie mich, weshalb die Kinder der HPS nicht mit ihnen in der Klasse seien, die seien ja gar nicht anders.»

Der Heissluftballon fliegt

Dass sich die Klassen durchmischt haben, lässt sich dann am besten in der Pause beobachten. Einige Mädchen und Jungen ­sitzen nebeneinander auf dem Bänkli, plappern munter und essen Sandwich. Andere zünden mit einem Lehrer den selbst gebastelten Heissluftballon. Fasziniert verfolgen sie, wie er davonfliegt, immer kleiner wird und langsam am Horizont ver­schwindet.

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