So schlimm ist es doch gar nicht

Heimisbach

Männer erzählen in geselliger Runde gerne von ihren Erlebnissen im Militär. Nicht selten kommt dabei die Verpflegung zur Sprache, und sehr oft lautet der Tenor der Gastrokritik: Schauderhaft. Zwei Frauen machen die Probe aufs Exempel. In Heimisbach.

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Ach, was haben sie gelitten, unsere Väter, Brüder, Ehemänner, Freunde und Kollegen. Mehr als einmal gerieten sie während der RS und der nachfolgenden WK ans Ende ihrer Kräfte. Nicht die 50-Kilometer-Märsche mit Vollpackung, das stundenlange Ausharren im strömenden Regen oder das Wacheschieben am Wochenende habe ihnen zugesetzt – das alles hätten sie locker weggesteckt, sagen sie. Was die starken Männer an den Rand der Verzweiflung getrieben hat, sei die Verpflegung gewesen.

Glaubt man den Erzählungen, gibt es in der Schweizer Armee wenig taugliche Köche. Schauderhaft sei der Frass gewesen, verkocht oder versalzen. Hätte es einmal geschmeckt, habe es natürlich zu wenig gegeben, um all die hungernden Männer satt zu bekommen. Erst kürzlich erzählte ein Kollege, wie er sich jeweils beim Frühstück sämtliche Taschen mit Brotscheiben vollgestopft habe, um dem drohenden Hungertod tagsüber zu entgehen.

War es wirklich so schlimm, liebe Männer? Man mag es fast nicht glauben und macht sich auf, die Sache selber zu testen. Nicht in der Kaserne, zugegeben, sondern im Gasthof Bären im Heimisbach. Dort lädt Wirt Thomas Germann zum wiederholten Mal zu Manöverwochen. Wobei, nach Einladung tönt es nicht, was da zuoberst im entsprechenden Inserat steht: Marschbefehl. Nun denn, beugen wir uns der militärischen Gewalt und treten an zum Probeessen.

Die Speisekarte versöhnt sogleich mit dem harschen Befehlston der Anzeige. Sie ist in zartem gelb gehalten und bietet eine reiche Auswahl: Saftplätzli, Kutteln oder Rindszunge etwa, jeweils mit Kartoffelstock und Gemüse, Manöver-Cordon-bleu mit Pommes frites oder Gehacktes und Hörnli mit Apfelmus. Weiter gehts mit Tomatenravioli, überbacken mit Käse, Suppe mit Spatz, Käse- oder Fotzelschnitte. Tönt alles gut, und wer die Wahl hat, hat die Qual.

Ins Manöver zieht man nicht alleine, und so sind auch die Testesserinnen zu zweit unterwegs. Sie bestellen eine kleine Portion Manöver-Cordon-Bleu und die Rindszunge. Bald wird serviert. «Die Form ist speziell», lautet der erste Kommentar der Mitstreiterin, auf deren Teller sich ein hübscher runder Turm erhebt. Der Fleischkäse aus der Büchse, mit Käse und Paniermehl zum Cordon bleu umfunktioniert, mundet ihr dann aber ganz gut. Nichts zu mäkeln gibt es auch an der Rindszunge. Fleisch, Gemüse, Pommes frites und Kartoffelstock: Alles schmackhaft zubereitet. Eine Frage drängt sich auf: «Haben Sie als Küchenchef im Militär tatsächlich Pommes serviert, Herr Germann?» – «Ja», gibt der Wirt zur Antwort, das sei durchaus vorgekommen.

Wo also ist das Problem? Beim Kaffee suchen die Ausflüglerinnen nach Gründen für den schlechten Ruf der Militärküche. Liegt es an der Ambiance? In einer lauschigen Gartenwirtschaft mundet das Essen bestimmt besser als in einem seelenlosen Kasernensaal. Oder liegt es daran, dass in der Armee gegessen wird, was auf den Tisch kommt? Es ist natürlich blöd, wenn einem nach Hackbraten gelüstet und der Küchenchef auf Fotzelschnitten setzt. Apropos: Der Mann mit dem Brot in den Taschen weist darauf hin, dass es eben auch sehr auf den Chefkoch ankomme. «Es gibt Küchenchefs und Küchenchefs», meint er vielsagend.

Trotz alledem. Am Ende drängt sich der Verdacht auf, dass es mit dem Essen im Militär doch nicht ganz so schlimm gewesen sein kann, wie die Väter, Brüder, Ehemänner, Freunde und Kollegen erzählen. Diesen Eindruck bestätigt auch Bären-Wirtin Marlies Germann, wenn sie sagt: «Viele Gäste rühmen das Essen bei der Armee.» Nur ganz selten spreche einer von schlechten Erfahrungen.

Berner Zeitung

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