Sie schreinern in der 1.Liga

Schüpbach

Die Röthlisberger AG aus Schüpbach gehört heute zu den führenden Schreinereien in der Schweiz. Sie schreckt auch vor den ganz komplexen Aufträgen nicht zurück und hat ihren Umsatz seit 2004 fast verdoppelt.

  • loading indicator

In der «Maison de la paix» in Genf steht seit kurzem eine hypermoderne Bibliothek. Im Hauptcampus des Hochschulinstituts für internationale Studien und Entwicklung waren keine einfachen rechtwinkligen Bücherregale gefragt, sondern bogenförmige Gestelle und Tresen. Die Schreinereien in der Schweiz, die in der Lage sind, derart anspruchsvolle Grossaufträge auszuführen, lassen sich an zwei Händen abzählen.

Den Zuschlag erhielt die Röthlisberger AG in Schüpbach. Die gleiche Firma also, die auserkoren war, für Nestlé Purina Petcare Europe in Lausanne Spezialwandverkleidungen in 3-D-Optik vorzunehmen. Und als es im Grand Hotel Alpina in Gstaad eine Résidence komplett neu auszubauen galt, konnten ebenfalls die Emmentaler ans Werk gehen.

Es hat ihnen gefallen, die 650 Quadratmeter grosse Wohnung vom Boden bis zur Decke mit Eichenholz auszukleiden. «Aber wohnen könnten wir darin nicht», sagen Christoph und Adrian Röthlisberger. Selber würden sich die Brüder in der pompösen Umgebung nicht wohl fühlen. Sie mögens bescheidener, obwohl sie in zweiter Generation einen Schreinerbetrieb führen, der in der Schweiz in der obersten Liga spielt.

Technik auf dem Höchststand

Produziert werden die einzelnen Elemente der umfangreichen Innenausbauprojekte in Schüpbach, wo heute 100 Festangestellte beschäftigt werden. Das sind 30 mehr als vor zehn Jahren. In der gleichen Zeit habe sich der Umsatz fast verdoppelt, sagt Adrian Röthlisberger (siehe Kasten). Die Entwicklung soll weitergehen. Letztes Jahr hätten sie eine neue Maschine in Betrieb genommen, wie es laut dem Lieferanten europaweit in Bezug auf die Bestückung keine vergleichbare gebe, sagen die Brüder. Sie haben dafür 1 Million Franken investiert.

Gerüstet für Schwieriges

Dank dem neusten Technologieschub können sich die Emmentaler ans Ausführen noch so unförmiger Kundenwünsche machen. Als die Röthlisberger AG nun beispielsweise die Unibibliothek in Angriff nahm, schickte sie keinen Schreiner mit Messband, Bleistift und Papier nach Genf.

Vielmehr stellte sich ein Mitarbeiter mit einem modernen Lasermessgerät (Theodolit) in den leeren Raum und vermass diesen in Höhe, Breite und Tiefe. Dann wurden die Daten auf den Computer übertragen, sodass ein Spezialist in Schüpbach vor dem Bildschirm sitzend nicht nur die Möbel planen, sondern auch gleich die genaue räumliche Anordnung der verschiedenen Elemente auf dem Plan des Architekten festlegen konnte.

Einen Mausklick später machte sich die neuste technische Errungenschaft in der Produktionshalle an die Ausführung des Auftrags. Wie von Geisterhand gelenkt, holte sich die Maschine aus dem mit 82 verschiedenen Werkzeugen bestückten Wechsler die richtigen Instrumente. Der Schreiner musste nur noch die Holzplatte auflegen – und hatte wenig später das fixfertig bearbeitete Möbelteil in der Hand.

Fleissige Monteure fügten dann die Möbel in Genf anhand der zu Beginn gespeicherten und nun rückprojizierten Montagepunkte zusammen. – Ein Kinderspiel. Diesen Eindruck jedenfalls erhält, wer das Video betrachtet, das die Röthlisberger AG auf ihrer Website aufgeschaltet hat. Denn alles passte auf den Millimeter genau.

Die Rolle der Mitarbeiter

Auf Anfang Jahr haben Christoph Röthlisberger als technischer Geschäftsleiter und sein Bruder Adrian ihrem Familienbetrieb einen neuen Auftritt verpasst. Sie nennen sich jetzt nicht mehr simpel Schreinerei Röthlisberger AG, sondern «Röthlisberger, die Schreinermanufaktur».

Haben sie sich nie mit dem Gedanken getragen, ihren Betrieb, der heute in der ganzen Schweiz tätig ist, näher an die Autobahn zu verlegen? «Das ist kein Thema», versichern beide. Beim 2,4-Millionen-Auftrag in Genf hätten die Transportkosten gegen 25000 Franken ausgemacht. «Das ist nicht entscheidend», sagt Adrian Röthlisberger. Sein Bruder doppelt nach: «Die Treue unserer Mitarbeiter und ihre Einstellung zum Betrieb sind viel wichtiger.»

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt