Sie haben die Titanic überlebt

Lotzwil/Aarwangen

Am 14. April 1912 – genau heute vor 99 Jahren – sank die Titanic. Zwei Oberaargauerinnen waren an Bord, und beide überlebten: Die 17-jährige Bertha Lehmann aus Lotzwil sowie die 24-jährige Gouvernante Emma Sägesser aus Aarwangen.

Am 10.April 1912 verliess die Titanic den Hafen von Southampton (Bild). Nach der Kollision mit einem Eisberg sank sie vor Neufundland.

Am 10.April 1912 verliess die Titanic den Hafen von Southampton (Bild). Nach der Kollision mit einem Eisberg sank sie vor Neufundland.

(Bild: Keystone)

Keine Schiffskatastrophe in Friedenszeiten war grösser, und keine ist so ausgiebig erforscht worden wie der Untergang der Titanic. Deshalb findet man in Büchern und im Internet ausführliche Angaben über die 2207 Menschen an Bord. Auch über zwei Oberaargauerinnen, die unabhängig voneinander reisten und zu den 712 Überlebenden zählten. An Bord der Titanic waren je nach Quelle 25 oder 27 Schweizer. 14 oder 16 davon kamen ums Leben, 8 gehörten zur Crew.

In Cherbourg war die am 31.März 1895 in Lotzwil geborene Bertha Lehmann zugestiegen. Sie wurde als Dienstmädchen oder Kellnerin bezeichnet. 12 Pfund oder 330 Franken kostete ihr Ticket in der 2.Klasse. Bezahlt worden war es von ihrem Bruder Friedrich Lehmann und ihrer Schwester Marie Zembrunnen-Lehmann. Am Ostersonntag begleitete sie Vater Johann Lehmann-Kupferschmied nach Basel. Beim Abschied soll er gesagt haben: «Jedes Mal wenn du mich begleitest, bringt das Unglück.»

Im Rettungsboot Nummer 12

Die noch nicht mal ganz 17-jährige Bertha reiste via Paris. An Bord bezog sie eine Kabine auf der Steuerbordseite. Sie wurde gleich nach der Abfahrt seekrank und blieb deshalb von Mittwoch bis Samstag in ihrer Kabine. Am Sonntag, 14.April, ging sie um 23.30 Uhr zu Bett. Der Zusammenstoss mit dem Eisberg und Geschrei in der Nachbarkabine weckten sie wieder auf. Sie verstand kein Englisch. Draussen auf dem Flur traf sie den französisch sprechenden Musiker Roger Bricoux. Der half ihr, die Schwimmweste anzuziehen, und brachte sie zu den Rettungsbooten. In Nummer 12 wurde sie um 1.30 Uhr zu Wasser gelassen.

«Ich bin noch am Leben»

In einem Brief an ihre Eltern schrieb sie nach der Rettung an Bord der Carpathia: «Ich bin noch am Leben und will Euch, so gut ich es eben kann, von unserem Unglück mitteilen. Die Angst, welche ich ausgestanden, kann ich nicht schildernIch sprang aus dem Bett, kleidete mich an und legte alle Sachen in den Koffer, was ich nicht brauchte, bis an meine Uhr und etliche kleine Geschenke, welche ich noch von Freunden als Andenken an die Heimat erhalten. Diese Kleinigkeiten steckte ich in mein Sammetsäcklein, schloss die Koffer und sprang, das Säcklein am Arme, auf das Verdeck. Die Rettungsboote waren schon alle bereit. Nun ein kühner Sprung, und ich befand mich im Rettungsboote. In aller Eile wurde fortgerudert, und kaum waren wir eine Viertelstunde auf offener See, da – ein Krach, und das Schiff versank in der Tiefe. Wir glaubten zuerst, dass alle gerettet wären. Ein Mann wurde aus dem Wasser gefischt und ist dann auf unserem Rettungsboote erfroren. Nun habe ich nichts mehr, als was ich auf dem Leibe trage, und mein Täschen; alles andere ist verschwunden im tiefen Meere.»

Neue Kleider und 50 Dollar

In New York wurde Bertha Lehmann im Spital versorgt, bekam vom Roten Kreuz Kleider und 50 Dollar. Hier schrieb sie: «Bin aber nun gut aufgehoben, und meine verlorenen Sachen sind mir vergütet. Alle die reichen Damen und Herren haben sich löblich erwiesen gegenüber den hartbetroffenen Einwanderern. Diese Zeit werde ich in meinem Leben nie vergessen.» Dann fuhr sie nach Central City in Iowa zu ihrer Schwester. 1913 heiratete sie John Zimmermann. Sie hatten einen Sohn. Ihr Mann starb im Ersten Weltkrieg. In Minnesota traf sie ihren zweiten Ehemann, Carl Luhrs. Mit ihm hatte sie fünf Kinder. Ein einziges Mal kam sie 1965 zurück nach Lotzwil und besuchte ihre Schwester Ida Sägesser-Lehmann. 1967 starb sie.

Gouvernante der Geliebten

Den Untergang der Titanic überlebte auch die am 16.August 1887 in Aarwangen geborene Emma Sägesser. Die 24-jährige Gouvernante teilte in der 1.Klasse die Kabine B-35 mit der Pariser Sängerin Leontine Pauline Aubart. Die Tickets dürfte der verheiratete Banker Benjamin Guggenheim-Seligman bezahlt haben: Die Sängerin war seine Geliebte. Der Banker überlebte nicht. Seine Brüder wollten einen Skandal verhindern und zahlten der Geliebten eine Abfindung. Am 3.Mai reisten die zwei Frauen zusammen mit weiteren rund 40 Überlebenden zurück nach Europa. Zunächst lebte Emma Sägesser in St.Gallen, 1917 zog sie nach Zürich. Dort arbeitete sie bei Globus und Jelmoli. Sie heiratete Karl Ernst Arnold. An der Kanzleistrasse 91 führten sie ein Zigarrengeschäft. Kinder hatten sie keine. Emma Sägesser starb am 24.Mai 1964.

Quellen: Encyclopedia Titanica und «Reise auf der Titanic» von Günter Bäbler, Chronos-Verlag.

Berner Zeitung

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