Sesshaft in einer neuen Zirkuswelt

Roggwil

Über zehn Jahre diente das Areal in der Mange der Familie Gasser-Belli als Winterquartier. Jetzt will die Zirkusfamilie sesshaft werden in Roggwil und neben ihrem Weihnachtsvariété auch eine neue «Circuswelt» schaffen.

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tadt säumt den Weg zum Zirkuszelt. Wobei Zirkus in diesem Fall das falsche Wort ist, wie Daniel Gasser erklärt: Variété nenne sich jene Mischung aus Kulinarik und Artistik, die seine Familie hier mit fünf Gastartisten aus Russland und Holland sowie dem ukrainischen Orchester fast allabendlich zur Aufführung bringt. Drei Jahre hatte die Zirkusfamilie zuletzt pausiert. Mit dem Weihnachtsvariété «Unikat» ist sie jetzt zurückgekehrt. Und hat ihr langjähriges Winterquartier in der Roggwiler Mange sogleich zum neu dauerhaften Standort erklärt.

Erfolge und Niederlagen

«Das hier ist meine Pension», sagt der 51-jährige Zirkusdirektor stolz und blickt über das grosszügige Areal, das er nun seit mehr als zehn Jahren gemietet hat. Irgendwann, verrät er, werde er das alles womöglich kaufen können. Werde er alles an eine der drei Töchter übergeben oder einen Geschäftsführer einsetzen können und sich zur Ruhe setzen. Nicht jetzt zwar. «Aber man soll nie aufhören zu träumen.»

Tatsächlich wäre ein Kauf des Grundstücks heute wohl kaum eine Option. Zwar hat Daniel Gasser viele Erfolge feiern können. Lange Jahre beeindruckte er als Artist erst im elterlichen Zirkus Royal mit seinen Brüdern und später auf der ganzen Welt, und mit dem Circus Liliput gründete er schliesslich einen der zwar kleinsten, wohl aber auch schönsten Zirkusse des Landes. Doch auch gefallen ist Gasser immer wieder. Mit der Liliput GmbH wie später mit dem Circus Geschwister Gasser und der Dinnershow «Adrenalin und Protein» musste er in der konkurrenzstarken Welt der Wanderzirkusse den Konkurs anmelden. Den St.Galler Weihnachtscircus, ihr vorerst letztes Zirkusprojekt, haben Gassers 2011 ebenfalls aufgegeben. Das ewige Pendeln zwischen dem Standplatz im Oberaargau und dem Gastspielort in der Ostschweiz, die damit verbundenen Kosten, erklärt Gasser: Er habe einfach keine Kraft mehr gehabt.

Ein Neubeginn

Eine Abkehr von der Zirkuswelt, das wäre für das Zirkuskind in fünfter Generation aber nie infrage gekommen. Zu sehr hängt er an diesem Leben, das sich vorwiegend draussen abspielt. Zu sehr hat er sich an all die Entbehrungen gewöhnt, die ihm aber ebenso viele Freiheiten ermöglichen. Auch mithilfe der gesamten Dynastie hat er so immer wieder den Neubeginn gewagt. Nur drei Tage nach einem Herzinfarkt stand Gasser einen Tag vor seinem 46.Geburtstag bereits wieder vor dem Publikum. Und auch jetzt ist er wieder vor die Zuschauerschaft zurückgekehrt.

In seinem neuen Variété gibt er «den Löli zwischen Tiefsinn und Witz», während die älteste Tochter Jennifer mit Hula-Hoop und als Feuerschluckerin auftritt, die jüngste, Yayita, mit Luftakrobatik beeindruckt und Frau Rose gemeinsam mit Schwiegersohn Thomas Studhalter die abendlich bis zu 200 Gäste mit einem Mehrgangmenü verwöhnt. Doch, das Weihnachtsvariété sei gut angelaufen, zeigt sich Gasser so weit zufrieden. Weitergehen soll es in der Roggwiler Mange aber auch nach dem letzten Vorhang dieser ersten Wintersaison. Schliesslich muss die Existenz ebenso in den Sommermonaten gesichert werden. Ein Erlebnispark für Kinder und Familien soll daher nun entstehen – mit Karussell und Schiffschaukel, kleinen und speziell auf Kinder abgestimmten Vorstellungen, Bassin und Streichelzoo.

Wandelbar bleiben

Jetzt im Winter steht das Karussell still, und das grosse Bassin ist eingepackt, nur die Gänse schnattern und die Geissen meckern im Gehege, und die Pfaue schlagen im fuchssicheren Winterkäfig ihr Rad. Eine erste improvisierte Saison aber hatte letzten Sommer bereits zahlreiche kleine und grosse Besucher in die Mange gelockt – und den Zirkusdirektor entsprechend zuversichtlich gestimmt.

Jetzt will er den Erlebnispark weiter ausbauen. Nicht mit fixen Einrichtungen, wie Gasser versichert, schliesslich müsse im Zirkus wie im Leben alles wandelbar bleiben. Trotzdem müsse etwa für das dauerhafte Aufstellen des Zirkuszelts eine Bewilligung eingeholt werden. So liegt inzwischen denn auch ein offizielles Baugesuch der Belli’s Circus GmbH in der Gemeindeverwaltung zur Einsicht auf.

Mit Zirkusschule

Läuft alles plangemäss, ist Gasser überzeugt, geht die Rechnung auf. Zwar soll der Eintritt frei sein in Belli’s Circuswelt mit ihrem speziell auf Kinder bis zehn Jahre und deren Eltern abgestimmten Angebot. «Es kostet sonst schon alles so viel im Leben», sagt Gasser. Angebote wie Schminken oder Reiten aber sollen der Zirkusfamilie Einnahmen generieren. Zudem können Zirkuswagen oder das Zirkuszelt gemietet werden für Feiern und Apéros in der Mange.

Ebenso eine Zirkusschule und Projektwochen für Schulen wollen Gassers dort künftig anbieten – haben sie die Zirkuskunst doch selber von der Pike auf gelernt. Bereits heute im Angebot sind zudem das Pferde- und Ponyreiten oder die Übernachtung in einem der frisch restaurierten kleinen Zirkuswagen.

An Ideen fehlt es Daniel Gasser nicht. Und ganz gewiss nicht an Leidenschaft. Die Zirkusfamilie ist nun sesshaft geworden in der Roggwiler Mange. Hier möchte sie jetzt bleiben.

Berner Zeitung

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