Rüegsau

Sekundarschulhaus mit bewegter Geschichte

Rüegsau Gotthelf, Lehrermangel, Spanische Grippe, Entbehrungen während der Kriege: Um das Sekundarschulhaus Rüegsau ranken sich viele Geschichten. Vor 100 Jahren wurde es eröffnet.

Der Neubau im Stil eines bernischen Patrizierlandhauses kostete 1918 rund 180'000 Franken.

Der Neubau im Stil eines bernischen Patrizierlandhauses kostete 1918 rund 180'000 Franken. Bild: PD

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Als in Rüegsau das erste Mal überhaupt von einer Sekun­darschule die Rede war, lag das 20. Jahrhundert noch in weiter Ferne. Ein Albert Bitzius, alias Jeremias Gotthelf, war gerade Schulkommissär des Kreises Lützelflüh geworden.

Im Kanton Bern hatte die liberale Gesinnung seit der Julirevolution 1830 dafür gesorgt, dass an vielen Orten die Sekundarschulen nur so sprossen. Im Emmental etwa in Ranflüh, Sumiswald, Kirchberg, Utzenstorf, Wynigen.Auch in Hasle und Rüegsau, die bis anhin noch Primar- und Privatschulen hatten, machten sich der Bildungshunger und die Aufbruchsstimmung breit.

Unter dem Vorsitz des Pfarrers Lüthy von Rüegsau taten sich um 1835 einige Männer zusammen, um im Rüegsauschachen eine Sekundarschule zu gründen, die Schülern aus Lützelflüh, Hasle und Rüegsau Platz bieten sollte.

Schon bald darauf reichte Schulkommissär Bitzius das Reglement beim Erziehungsrat ein. Nur hatte die Obrigkeit einiges an dem Papier zu bemängeln. Vor allem, dass die Rüegsauer für 20 Schüler nur einen Lehrer hätten bereitstellen können.

Etliche Schüler blieben zu Hause, um auf dem Hof bei der Anbauschlacht mitzuhelfen.

Es sei unmöglich, dass ein einziger noch so ausgezeichneter Lehrer den Unterricht in allen Fächern auf gehörige Weise erteile, so die Antwort. Und weil mit nur einem Lehrer die Schule eher auf Primarniveau bleiben würde, fand die Obrigkeit, es wäre besser, erst einmal das Primarschulwesen zu fördern.

Danach war das Thema lange Zeit vom Tisch. Das hatte auch damit zu tun, dass in Lützelflüh eine Sekundarschule eröffnete und die Schulen in Burgdorf ab 1881 durch die Emmentalbahn und die Burgdorf-Thun-Bahn leichter erreichbar wurden.

Florierendes Gewerbe

Die Zeit stand nicht still. Das 20. Jahrhundert begann, Hasle und Rüegsau entwickelten sich durch die Textil-, Tabak- und Lederindustrie, die sich angesiedelt hatten, zu florierenden Gemeinden.

Angesichts des blühenden Gewerbes durfte Bildung nicht fehlen. Bereits rund 60 Kinder besuchten die Mittelschulen in Burgdorf und Lützelflüh, was dort aber zu Platzmangel führte. Eine Sekundarschule wurde immer dringender.

Es war das Jahr 1916, der Erste Weltkrieg tobte, und ein Initia­tivkomitee aus sechs Männern, einem Arzt, einem Posthalter, einem Landwirt, einem Fabrikanten, einem Pfarrer und einem Buchbinder, forderte die jewei­ligen Primarschulkommissionen auf, ihren Gemeinderäten die Anträge zur Gründung einer Sekundarschule zu stellen.

Dieses Mal gab es keinen Widerstand, und auch von Lehrermangel konnte nicht mehr die Rede sein. Auf die spätere Stellenausschreibung meldeten sich 27 Bewerber.

Sparsame Baukommission

Am 13. Oktober 1918 wurde das neue Schulhaus mit 60 Schülern in zwei Klassen eröffnet. Auf grosse Feierlichkeiten wurde wegen der Grippe verzichtet, wie es in der Gedenkschrift heisst. Gemeint ist die Spanische Grippe, die auch in der Schweiz die halbe Bevölkerung in den Tod riss.

«25 Jahre Geschichte einer kleinen Schule sind sehr unwesentlich im heutigen Kriegsgetöse.»Aus der Gedenkschrift zum 25-Jahr-Jubiläum

Der Neubau hatte 180'000 Franken gekostet. Dass die Baukommission sachte mit den Gemeindefinanzen umgegangen war, ist einem Protokoll der Schulkommission zu entnehmen.

Man hatte sich geeinigt, dass, um Lohnkosten zu sparen, die Knaben der Schule mitanzupacken und Steine aus dem Emmenbett zu hieven hatten. Man rechnete mit rund 60 Kubikmetern, also mit rund 100 Tonnen.

Bereits 1923 zählte die Sekundarschule Rüegsau vier Klassen, und lange blieb es dann bei 110 bis 120 Schülern.

Der Zweite Weltkrieg

Während des Zweiten Weltkrieges sah sich die Schule mit ganz anderen Entbehrungen konfrontiert. Die Lehrer wurden eingezogen und an die Grenze geschickt, sodass Stellvertreter gesucht werden mussten. Etliche Schüler blieben zu Hause, um auf dem Hof bei der Anbauschlacht mitzuhelfen.

Schon die Einleitungszeilen der Jubiläumsschrift, geschrieben 1943 von Lehrer Walter Läderach, lassen spüren, wie sich die Welt damals angefühlt haben muss: «25 Jahre Geschichte einer kleinen Schule sind sehr unwesentlich im heutigen Kriegsgetöse, in dem die ganze Welt erzittert und nach neuen Fundamenten sucht.»

Hunger, Not und Angst beherrschten die Leute. Im Winter 1945, so ist es überliefert, ging an der Schule das Heizmaterial aus. Die Schüler wurden aufgefordert, zu Hause und bei Bekannten nach Brennmaterial zu suchen.

Im Sommer des gleichen Jahres sammelten sie Tannzapfen als Streckung des Heizmaterials für den kommenden Winter. Insgesamt seien fast 9 Tonnen zusammengekommen, heisst es.

Die Zukunft

So wird die neue Schulanlage dereinst aussehen, wenn das Stimmvolk denn Ja zum Baukredit sagt. Visualisierung: PD

Nach den Kriegswirren begann die Schule zu wachsen. In den 1950er-Jahren entstand die Turnhalle mit dem Verbindungsbau, später wurde die Aula umgebaut, ein neuer Sportplatz kam hinzu.

Der Kopierer löste den Umdrucker ab, der Beamer den Hellraumprojektor, irgendwann wurde die 5-Tage-Woche eingeführt. Mitte der 1990er-Jahre kam ein neuer Lehrplan. Und um das Jahr 2000 wurde in Rüegsau erst einmal eine neue Schulanlage ins Auge gefasst.

Jetzt, nochmals 18 Jahre später, am 23. September, wird die Rüegsauer Bevölkerung an der Urne darüber abstimmen, ob die Gemeinde 18 Millionen Franken in die Erneuerung und Erweiterung und somit in die Zukunft der Sekundarschule investieren will.


Interaktive Ausstellung: Freitag, 7. September, 16 bis 21 Uhr. Sekundarschulhaus, Gempenstrasse 1. Nach Möglichkeit die App Actionbound aufs Mobiltelefon laden. (Berner Zeitung)

Erstellt: 15.08.2018, 06:15 Uhr

Ehemaligen-Verein

Ebenfalls mitten im Krieg, im Jahr 1943, wurde der Verein ehemaliger Sekundarschüler gegründet. Er feiert heuer sein 75-jähriges Bestehen. Mit 1200 Mitgliedern ist der Ehemaligen-Verein der grösste in der Gemeinde.

Dies, weil jeder Sekschulabgänger automatisch Mitglied wird. Gestern wie heute fördert der Verein die Schule und unterstützt sie finanziell. Gerade während des Krieges sei manches Kind dankbar gewesen für den Beitrag an die Auslagen für das Schulmaterial, heisst es etwa in der Gedenkschrift.

Mit den konstant einbezahlten Mitgliederbeiträgen konnte die Schule seither immer wieder wichtiges Material anschaffen. In den Anfängen waren das etwa ein Klavier und ein Tonbandgerät, später kamen Filmprojektor, Videokameras, Beamer und zuletzt zwei Tischfussballkästen hinzu.
(mbu)

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