Schwein gehabt!

Sauen stehen für Fruchtbarkeit, Stärke und Wohlstand. Ihren Haltern im Emmental bringen sie tatsächlich auch Glück – mindestens im übertragenen Sinn.

Glückseligkeit besteht für die Borstentiere selber darin, im Boden zu wühlen und sich in Erdkuhlen zu suhlen.

Glückseligkeit besteht für die Borstentiere selber darin, im Boden zu wühlen und sich in Erdkuhlen zu suhlen. Bild: Marc Imboden

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Marzipansäuli oder bunte Karten mit karikierten Schweinege­sichtern sind beliebte Begleiter zum Jahresende: Sie werden als Glücksbringer zuhauf verschenkt. Warum eigentlich?

Als Symbol von Stärke und Fruchtbarkeit wurden Schweine während Jahrtausenden geehrt. Die kurzbeinigen Säugetiere mit den gedrungenen Körpern wurden in vielen Kulturen Erd- oder Muttergöttinnen zugeschrieben. Das Schwein versinnbildlichte bei den Griechen beispielsweise die geistige Kraft des Weiblichen.

So wurden der Fruchtbarkeitsgöttin Demeter trächtige Sauen oder Ferkel geopfert, und mythische Sauorakel konnten die Zukunft voraussagen. Den germa­nischen Göttern war der wilde Eber heilig. In Japan steht das Wildschwein für Stärke, in China die Sau für Zufriedenheit und Glück – damit bringen auch wir sie in Verbindung.

Im Mittelalter kam insbe­sondere der Wohlstand als At­tribut dazu. Denn wer es sich damals leisten konnte, ein Schwein mit seinen Resten durchzu­füttern, der war vergleichsweise wohlhabend. Weil sich Schweine früh, zahlreich und schnell wieder fortpflanzen, brachten sie ganze Familien über karge, kalte Winter.

Aus derselben Zeit stammt der Ausspruch «Schwein haben», der so viel bedeutet wie, dass jemand unverdientes oder unerwartetes Glück hat. Er geht auf die mittelalterlichen Wettkämpfe zurück, während deren auch der Verlierer mit einem Trostpreis bedacht worden ist. Damit wären wir beim Schwein als Glücksbringer, wie es bis heute überliefert worden ist.

«Wandelnde Vorratskammer»

Auf die mittelalterliche Bedeutung des Schweins als «wandelnde Vorratskammer» und Trostpreis verweist auch Adrian Schütz. Laut dem stellvertretenden Geschäftsführer des Schweinezucht- und -produzentenverbands Suisseporcs funktioniert das aber auch andersrum: Die Zucht der Paar­hufer habe sich als Glücksfall für die Schweiz entpuppt, die heute als angesehene Sauenhochburg gelte.

In den letzten zweihundert Jahren habe man durch Einkreuzungen unter anderem mit asia­tischen Hängebauchschweinen versucht, unsere Hausschweinerassen noch fruchtbarer zu machen. «Weil hier die Schweine bewusst früh veredelt wurden, geniessen wir ein gutes Image.» Dabei haben laut Schütz die kleinen bäuerlichen Strukturen dazu beigetragen, eine grosse Vielfalt zu pflegen.

Ein wichtiges Standbein

Strukturen, wie sie im Emmental noch immer vorhanden sind. Dass sie einem grossen Wandel ausgesetzt sind, das weiss Beat Röthlisberger, der in Rüegsauschachen eine grosse Schweinemästerei betreibt. Gross ist dabei relativ: Sein Betrieb in Otzenberg ist mit 600 Tieren zwar über dem landesweiten 300er-Durchschnitt, aber angesichts der Tendenz zu immer grösseren Hallen im Ausland bescheiden. Bringen ihm seine Schweine Glück? ­Röthlisberger lacht.

«Ich glaube schon.» Immerhin trügen sie zu seinem Lebensunterhalt bei; die Mast sei das wichtigste Standbein, zu denen auch Milchkühe und ein Lohnunternehmen mit drei Angestellten zählen. Und ja, er sei ein sehr glücklicher Mensch, sinniert der Produzent. «Es geit üs scho guet.»

Vom eigenen Hof

Der Strukturwandel hat dazu geführt, dass es kaum mehr Be­triebe wie den Hollernhof im Oberfrittenbach gibt, die lediglich 30 Mastschweine halten. Das funktioniere auch nur, weil man deren Fleisch selber verwerte, selber vermarkte und verkaufe, sagt Simon Meister. Mit seiner Frau Sandra hat er 2009 den Landwirtschaftsbetrieb weit hinten im Chrache von Susann und Samuel Hofstetter übernommen. In einem gewissen Sinn, sagt Meister, seien ihre 30 Mastschweine schon Glücksbringer. «Mit ihnen zu schaffen, ist ein schönes Gefühl.»

Das trifft nicht nur auf andere Produzenten zu, sondern auch auf andere Schweine: auf Wollschweine etwa. Für Daniela Burkhalter, die mit ihrem Mann in Lützelflüh-Goldbach solche üppig behaarten Freilandtiere hält, besteht Glück darin, zu wissen, woher das Fleisch auf ihrem Teller stammt: vom eigenen Hof. Vier Zuchttiere hat die Familie, drei Moren und einen Eber.

Glückliche Schweine, wie Daniela Burkhalter sagt, allen voran der neunjährige Prachteber Mario. Umgekehrt habe sie Dusel gehabt, als sie zuletzt um das Pachtland gebangt habe, das direkt von ihrem Küchenfenster aus zu sehen sei. «Mit viel Glück haben wir es nun kaufen können.» Schwein gehabt! (Berner Zeitung)

Erstellt: 05.01.2018, 14:00 Uhr

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