«Schule ist für mich wie eine Treppe»

Lützelflüh

Hassan Soleimani verliess mit 16 Jahren den Iran, wohin seine Familie geflüchtet war, und schlug sich alleine durch in die Schweiz. Er wohnt in Lützelflüh und spielt beim FC Zollbrück Fussball.

Hassan Soleimani und seine Lehrerin Evelyne Arni im Schulzimmer in Konolfingen. Die Lehrerin der Integrationsklasse ist seine wichtigste Bezugsperson in der Schweiz.

Hassan Soleimani und seine Lehrerin Evelyne Arni im Schulzimmer in Konolfingen. Die Lehrerin der Integrationsklasse ist seine wichtigste Bezugsperson in der Schweiz.

(Bild: Urs Baumann)

Hassan Soleimani fasst in der Schweiz Fuss: Er spielt leidenschaftlich Fussball – und hat soeben einen ersten Schritt Richtung Berufswelt gemacht. Nach dem Schnuppern habe er zwischen mehreren Lehrbetrieben auswählen können, erzählt der junge Mann. Ein Lehrmeister habe ihm gesagt: «Du bist motiviert, arbeitest genau und gibst Vollgas.» Nun freut sich der 18-jährige Afghane, im August als Maler eine Vorlehre anzutreten.

Kontinuierlich macht Soleimani Schritt für Schritt: Vor anderthalb Jahren kam er als unbegleiteter minderjähriger Asylsuchender in die Schweiz, heute wohnt er mit einem Freund in einer eigenen Wohnung in Lützelflüh, steht vor dem Abschluss des zehnten Schuljahres und kickt bei den A-Junioren des FC Zollbrück. Auch Deutsch spricht er nahezu akzentfrei.

Ohne Papiere im Iran

Als Soleimani 5 war, flohen seine Eltern mit ihm und den zwei Schwestern aus Afghanistan in den benachbarten Iran. Damit verloren sie ihr Aufenthaltsrecht in ihrem Heimatstaat, im Iran erhielten sie nie neue Papiere. Der Kleine lebte fortan im Schatten der iranischen Gesellschaft: Überlange Arbeitstage am Fliessband prägten ebenso seinen Alltag wie die Angst vor einer Rückschiebung in die alte Heimat und der Besuch einer Schule, in der es keine Pulte gab.

Als Soleimani 10 war, starb seine Mutter. Das Leben wurde noch beschwerlicher. Als 16-Jähriger beschloss er deshalb, seine Zukunft selber in die Hand zu nehmen. Er kramte seine spärlichen Ersparnisse hervor und ging – ohne sich vom Vater zu verabschieden. «Er hielt nichts von meinen Plänen, in den Westen zu gehen, denn die Reise ist gefährlich.» Erst an der Grenze zur Türkei habe er den Vater angerufen und sich für sein plötzliches Verschwinden entschuldigt.

Die Reise in die Schweiz war beschwerlich. Während fünf Monaten schlug er sich nach Europa durch. Vorbei an schiessenden Soldaten an der iranisch-türkischen Grenze, in einem Gummiboot auf unruhigem Gewässer nahe Griechenland. Präzise beschreibt er seine Flucht: Das Gelände in den Bergen sei «abschüssig» gewesen, die Nacht «stockdunkel».

«Schwiizerdütsch lernen!»

Soleimani spricht von einem grossen Glück, dass er in Konolfingen in der Integrationsklasse das zehnte Schuljahr besuchen darf: «Für mich ist die Schule wie eine Treppe. Ich komme weiter und weiter.» Seine Lehrerin Evelyne Arni sei für ihn die wichtigste Person in der Schweiz. Wenn er etwas nicht verstehe, erkläre sie alles nochmals oder zeige ihm, was sie meine. Auf die Frage nach seinen Zukunftsplänen überlegt Hassan nicht lange: «Schwiizerdütsch lernen!»

Flüchtlingstag, 13.Juni, von 10 bis 17 Uhr, Waisenhausplatz, Bern.

Berner Zeitung

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