Ruth Gschwind und ihre Sisyphusarbeit

Huttwil

Seit fünf Jahren säubert die Wyssacherin Ruth Gschwind die Strassenränder. Eine Sisyphusarbeit – und ein Spiegel unserer Wegwerfgesellschaft, der nachdenklich stimmt.

Zigarettenpackungen, Plastik, Müslibecher: Die betrübende Ausbeute von Ruth Gschwinds Sammlung.<p class='credit'>(Bild: Thomas Peter)</p>

Zigarettenpackungen, Plastik, Müslibecher: Die betrübende Ausbeute von Ruth Gschwinds Sammlung.

(Bild: Thomas Peter)

«Wir Menschen sind die grösste Umweltkatastrophe»,  haben «Jäger+Heger Wyssachen» mit fünf Ausrufezeichen auf eine Tafel neben dem Fritzenfluh-Tunnel geschrieben. Dessen ungeachtet findet Ruth Gschwind auf dem Waldboden unweit daneben eine PET-Flasche. «Ich schleppte auch schon die Tafel selbst wieder den Hang hoch, nachdem sie heruntergeworfen worden war», hält sie fest.

Rund alle drei Wochen läuft die 67-jährige Wyssacherin die Kurven auf der Oberaargauer Seite unter dem Scheiteltunnel ab und sammelt den Abfall ein, den Automobilisten achtlos zum Fenster hinausgeworfen haben. Begonnen habe sie ihr «Hobby» 2008, nachdem sie ihr letztes Pferd abgegeben habe, erzählt sie. Sie habe die Wegstücke, die sie vorher beim Fahren benützt habe, nun halt zu Fuss abgelaufen. Dabei sei ihr aufgefallen, wie viel Abfall dort stets herumliege.

Mit der Zeit systematisch

Nach und nach wurden daraus systematische Wanderungen im Bereich von der Hornbachpinte bei Wasen und dem Fuchsloch bei Dürrenroth bis nach Huttwil und von dort weiter bis zur Haltestelle Gondiswil und bis zur Laupern-Kurve zwischen Gondiswil und Melchnau.

Lediglich die Ortskerne lässt sie dabei aus. Dort, findet sie, können die Bewohner selbst für Sauberkeit sorgen. Nichts entgeht Ruth Gschwind auf ihren Wanderungen, weder die PET-Flasche noch die Alugetränkedose, der Flaschendeckel, das Zigarettenpäckchen und seine Plastikhülle, noch ein Zigarettenstummel. «Für eine Zigarettenschachtel bücke ich mich in der Regel dreimal», erklärt sie, «einmal für die Schachtel und zweimal für die beiden Teile der Plastikhülle.» Auch der Becher eines Knuspermüsli ist diesmal unter dem Fundgut. «Da hat einer meiner ‹Kunden› die Route gewechselt», bemerkt Ruth Gschwind trocken. «Normalerweise finde ich diese Becher bei Schwarzenbach.»

Bei ihren «Touren» trägt die Wyssacherin immer zwei Tragtaschen mit sich: In eine kommt das Material, das sie in den Separatsammlungen ins «Brings» entsorgen kann, in die andere der Hauskehricht. Sechs Aludosen und drei PET-Flaschen finden sich mittlerweile in der einen, die andere ist halb voll, als Ruth Gschwind wieder bei ihrem Auto ist.

Keine Besserung

Sie erhalte viele lobende bis bewundernde Reaktionen auf ihre Säuberungstouren, erklärt sie, zuweilen stecke ihr jemand sogar ein Nötli als Trinkgeld zu. Andere helfen ihr beim Abtransport sperriger Sachen.

Viel mehr freuen würde sie jedoch, wenn die Abfallmenge, die sie einsammelt, abnehmen würde. Doch das Gegenteil sei der Fall. «Es wird immer mehr und schlimmer.» Die zunehmende Rücksichtslosigkeit der Natur und Umwelt gegenüber betrübt die Wyssacherin, obschon sie ihre Sammeltouren sportlich nimmt: «Sie halten mich fit, ohne dass ich ein Fitnessstudio brauche.»

Slow-up: Nicht besser

Einmal im Jahr ist ein grosser Teil der Strassen, deren Ränder Ruth Gschwind säubert, für Autos gesperrt und jenen vorbehalten, die sich wie Ruth Gschwind aus eigener Kraft fortbewegen: Dann ist zwischen Huttwil und Sumiswald Slow-up. Doch auch dieser erlaubt ihr keine Verschnaufpause. «Zum Glück war dieses Jahr schlechtes Wetter», hält sie fest: So fand sie zwischen Huttwil und Schweinbrunnen bloss 5 Mustertuben Sonnencreme am Strassenrand und nicht 15 wie vor einem Jahr. Dafür kamen 27 Rivella-Flaschen zusammen, zum Teil nicht einmal ausgetrunken. «Dabei wurde bei der Abgabestelle noch explizit dazu aufgerufen, sie nicht wegzuwerfen», empört sich Ruth Gschwind.

Berner Zeitung

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