Eggiwil

Rasch «flussaufwärts»

Eggiwil Das Projekt Integration in Eggiwil erhielt zum 20. Geburtstag ein Buch. Rückblick auf ein Projekt, das mit einer Idee aus Zürich und einem Problem aus dem Emmental begann.

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Ausgerechnet jetzt. Ausgerechnet im Jahr, als das Jugendhilfe-Netzwerk mit einer Buchpubli­kation seine 20-jährige Erfolgsstory feiern will, kommt der Dämpfer: Seit dem 1. August 2018 figuriert es nicht mehr auf der ­IVSE-Liste.

Das Netzwerk profitiert also nicht mehr von der interkantonalen Vereinbarung für soziale Einrichtungen – wie übrigens auch alle anderen Organisationen, die mit Pflegefamilien zusammenarbeiten und kein Heim führen. «Das können wir überhaupt nicht nachvollziehen», sagt Marc Baumeler, Geschäftsführer des in Eggiwil beheimateten Netzwerks.

Denn das bedeutet mehr Aufwand. Die ­bestehenden Pflegeverhältnisse seien dank einer Übergangslösung zwar nicht betroffen. Aber bevor künftig ein psychosozial gefährdetes Kind aus einem anderen Kanton zu einer Bauern­familie des Jugendhilfe-Netzwerkes Integration ziehen kann, muss eine Vereinbarung mit der jeweiligen Aufsichtsbehörde abgeschlossen werden.

Mit der Stadt Zürich habe man bereits einen Rahmenvertrag unterzeichnet. «Die Initiative dafür ging von den Zürchern aus», betont Baumeler. Im Kanton Luzern liefen ebenfalls Verhandlungen. Das Netz wird deswegen also nicht reissen.

Den Kindern helfen

Die Geschichte begann in Zürich. Ein gewisser Urs Kaltenrieder kam in den 1990er-Jahren zur Überzeugung, dass verhaltensauffälligen Kindern und Jugendlichen aus städtischen Agglomerationen geholfen werden könnte, wenn sie bei intakten Familien in naturnaher Umgebung leben könnten.

«Wer sich gegen die Platzierungen aussprach, war ein Einkommensverhinderer der Pflegefamilien.»Ruedi Wyss, Lehrer

Weil der psychologisch geschulte Stratege und das kaufmännische Organisationstalent Susanne Frutig ein Büro gegründet hatten, das sich die «systemische Gemeinde- und Regionalentwicklung» auf die Fahne geschrieben hatte, schalteten sie im Infoblatt des Verbands Bernischer Gemeinden ein Inserat.

Sie suchten «Partnergemeinden in Landregionen, welche sich im Rahmen eines Projektes der Jugendhilfe für Leistungsaufträge interessieren». Das Echo war gleich null.

Auch der Eggiwiler Gemeindepräsident Ueli Haldemann meldete sich nicht. Obwohl er sich in einem Interview im gleichen Blatt darüber beklagt hatte, dass die Gemeinde ihren Verpflichtungen nur dank dem Finanzausgleich nachkommen könne. «Wir haben diese Aussage in unserem Sinne dahingehend interpretiert, dass er offen ist für innovative Entwicklungsansätze.»

So wird Urs Kaltenrieder im Buch «Flussaufwärts» zitiert. Es erzählt, «wie die Stiftung Innovation Emmental-Napf ihre Chancen nutzt». Vom Inserat bis zu den ersten neun Kindern, die in Eggiwiler Bauernfamilien platziert wurden, vergingen zwei Jahre.

Eigentlich eine kurze Zeit, wenn man bedenkt, welche Hürden es zu überwinden galt: Ein Emmentaler SVP-Gemeinderat musste sich auf die Idee zweier SP-Leute aus Zürich einlassen. Familien mussten gefunden werden, die bereit waren, Kinder aus der Stadt bei sich aufzunehmen.

Die Angst vor einem Wiederaufleben des Verdingkinderwesens musste ausgeräumt werden. Und vor allem: Lehrer mussten davon überzeugt werden, dass sie es schaffen würden, die fremden Kinder in ihren Klassen zu inte­grieren.

Kritische Lehrer

1998 startete das Projekt Integration. Obwohl sich eine kritische Lehrergruppe aktiv dagegen ­gewehrt hatte. Ihre Argumente seien bei den Gemeindebehörden «leider» auf steinigen Boden gefallen, berichtet Ruedi Wyss. Der Lehrer im Schulhaus Siehen gehörte nicht zu jenen, die sich wehrten, und sitzt heute im Vorstand des Trägervereins Integration.

Doch im Buch beschönigt er die Stimmung nicht, die damals herrschte: «Wer sich gegen die Platzierungen aussprach, war ein Einkommensverhinderer der Pflegefamilien.» Selbstkritisch geben die Exponenten des Netzwerks dort zu, dass sie der schulischen Problematik zu wenig Beachtung geschenkt hatten.

Das angespannte Verhältnis zwischen der Schule und den Projektinitianten entspannte sich dann, als das Jugendhilfe-Netzwerk 2004 im Schächlihubel hinter Eggiwil eine eigene heilpädagogische Schule eröffnete. Platzmangel führte 2009 zu einem Neubau in Horben. Und 2014 expandierten die Eggiwiler ins Entlebuch, wo sie im Escholzmatter Schulhaus Lehn eine Filiale eröffneten.

Das Jugendhilfe-Netzwerk wird heute als gemeinnützige ­Aktiengesellschaft geführt. Denn damit, dass heute pro Jahr im Emmental und im Entlebuch 34 Bauernfamilien und 41 Mitarbeitende mit der Betreuung fremder Kinder 3,1 Million Franken verdienen, ist noch nicht alles erzählt, was aus der Begegnung zwischen Ueli Haldemann, Urs Kaltenrieder und Susanne Frutig entstanden ist. Die Stiftung Innovation brachte der Region noch zusätzlichen Schub.

Sorgenkind Symposium

Kein quantifizierbarer Erfolg war dem Duo Kaltenrieder/Frutig aber mit dem Eggiwiler Symposium beschieden. Die regelmässigen Gespräche zwischen Stadt- und Landvertretern haben jedenfalls kaum sichtbare Früchte ­getragen. Aber wie man jetzt aus dem Buch «Flussaufwärts» erfährt, ist das auch nicht verwunderlich.

Die Veranstaltungen – jedenfalls die erste ihrer Art – hatten bloss die Absicht eines ­Ablenkungsmanövers: Sie sollten neugierige Medien davon abhalten, fremdplatzierte Kinder aus der Stadt auf den Eggiwiler Bauernhöfen aufzusuchen.

Aber das Buch macht nun bekannt, wie das zuweilen tönte, wenn Urs Kaltenrieder und Susanne Frutig potenziellen Partnerfamilien gegenübersassen: Ob denn da auch Neger kommen würden, wollte eine Bäuerin wissen. Provokativ antwortete Kal­tenrieder: «Ja, fast ausschliesslich.

Ist das für Sie ein Problem?» «Deren begehren wir dann keine», sagte sie und erklärte auf Nachfrage Kaltenrieders: «Weil ich Angst habe, dass ich bei dunkelhäutigen Gesichtlein nicht erkennen kann, wenn es diesem Kind schlecht geht.»


Ab dem 7. September kann das Buch «Flussaufwärts» bei der Stiftung Innovation Emmental-Napf, Eggiwil, bezogen werden. (Berner Zeitung)

Erstellt: 29.08.2018, 06:09 Uhr

Innovation im Emmental

Mit dem Ziel der nachhaltigen Gemeinde- und Regionalentwicklung wurde die Stiftung ­Innovation Emmental-Napf gegründet. Diese entliess das Jugendhilfe-Netzwerk 2014 in die Selbstständigkeit und gründete dafür eine gemeinnützige AG.

Die Stiftung pflegt aber weitere Projekte: So förderte sie Triasol (eine neue Technologie im Holzbau), und sie leistete Vorarbeiten, die dazu führten, dass in Eggiwil die Gesundheitszentrum Oberes Emmental AG gegründet wurde. In der Gemeinschafts­praxis arbeiten heute drei und ab nächstem Jahr fünf gleich­berechtigte Ärzte.

Seit gut einem Jahr ist die Stiftung Besitzerin des Gasthofs Bären in Eggiwil. Mit dem Kauf wollte sie die Dorfbeiz am Leben erhalten. Aber den Verantwort­lichen schwebt weiter vor, darin ein Bildungs-, Kultur- und Tourismusnetzwerk entstehen zu lassen. sgs

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