Pfeffergel-Einsatz der Kontrolleure: Es hagelt Kritik

Langenthal

Haben die Kontrolleure im «Huttu-Schnägg» zu hart durchgegriffen? Der Vater des Schwarzfahrers jedenfalls kritisiert die BLS harsch.

Harte Landung: Am Bahnhof wurde der Schwarzfahrer zu Boden gedrückt. Jetzt stehen die BLS-Kontrolleure in der Kritik.

Harte Landung: Am Bahnhof wurde der Schwarzfahrer zu Boden gedrückt. Jetzt stehen die BLS-Kontrolleure in der Kritik.

(Bild: Leserreporter)

Die zivilen Kontrolleure der BLS kennen kein Pardon: Auf der Strecke Huttwil–Langenthal haben sie einen 44-jährigen Schwarzfahrer grob angepackt, zu Boden gedrückt und zweimal mit einer Ladung Pfeffergel eingedeckt. Der Vorfall ereignete sich am Montag und sorgt seither für viel Gesprächsstoff – auch auf auf www.bernerzeitung.ch. Mehrere Leser schreiben, der Vorfall überrasche nicht. In BLS-Zügen würden die Kontrolleure oft sehr unfreundlich und aggressiv auftreten. Ein Beispiel könnten sie sich an ihren Berufskollegen bei den SBB nehmen. Andere Leser finden, der Fall nehme zu viel Platz ein. Schliesslich handle es sich hier klar um einen Schwarzfahrer

Gemeldet haben sich auch die Eltern des Schwarzfahrers. «Der Vorfall beschäftigt mich sehr, ich habe schlecht geschlafen in den letzten Nächten», sagt der Vater, der anonym bleiben will. Nicht verstehen kann er, weshalb die Kontrolleure zweimal Pfeffergel gegen seinen Sohn eingesetzt haben. «Die BLS sagt, sie verwende die Substanz nur bei tätlichen Angriffen und in äussersten Ausnahmefällen. Mein Sohn war aber bestimmt nicht gewalttätig, davon bin ich überzeugt.»

BLS hält sich zurück

Haben die Kontrolleure zu hart eingegriffen? BLS-Pressesprecher Stephan Appenzeller: «Zu diesem Fall wurde eine interne Untersuchung eingeleitet, eine rasche und umfassende Abklärung ist uns wichtig. Bis zum Abschluss des Verfahrens darf ich zu Tathergang und Verhältnismässigkeit keine Angaben machen.» Klar ist für die BLS: Sie wird gegen den Schwarzfahrer Anzeige erstatten. Es handle sich um ein Offizialdelikt, mit dem sich ein Gericht befassen werde. Um eine saftige Busse dürfte der Schwarzfahrer nicht herumkommen.

«Das ist nicht richtig», so der Vater. «Mein Sohn hat Fehler gemacht. Im Grunde genommen ist er aber ein armer Cheib.» Der heute 44-Jährige hat eine Lehre als Käser abgeschlossen, ist aber seit längerem arbeitslos und bezieht IV-Geld. «Er ist psychisch angeschlagen, das müssen die Kontrolleure gemerkt haben», findet sein Vater.

Schwer zu schaffen gemacht hat dem arbeitslosen Käser offenbar ein Vorfall, der zwei Jahre zurück liegt: Wegen eines Nachbarschaftsstreits sei er von einer Sondereinheit der Polizei abgeholt und brutal verprügelt worden, erzählt der Vater. «Seither leidet er unter Verfolgungswahn und hat oft panische Angstzustände. Das dürfte auch der Grund sein, warum er bei der Billettkontrolle schleunigst den Zug verlassen und weglaufen wollte.»

«Kontrolleuren-Sturheit»

Anders verhalten hat sich ein junger Mann, der am letzten Sonntag Bekanntschaft mit den zivilen Kontrolleuren auf der Linie Huttwil–Langenthal machte. Auch er hatte kein gültiges Ticket in der Tasche, versuchte aber nicht, zu flüchten, sondern gab ruhig seine Personalien zu Protokoll. Im Abteil nebenan sassen Stefan und Barbara Bühler aus Madiswil – und sie können ob der «Kontrolleuren-Sturheit» in diesem Fall nur den Kopf schütteln.

In einem Leserbrief schreiben sie, der junge Mann habe ganz klar eine Fahrkarte auf sich getragen – «für eine einmalige, einfache Fahrt». Sein Fehler: Er verpasste es offenbar, das Billett auf dem Perron abzustempeln. Mit der Erklärung, er fahre nur sporadisch Zug und kenne sich mit Billettautomaten nicht aus, habe er die «resolute Kontrolleurin» nicht umstimmen können, so Stefan und Barbara Bühler. «Uns ist bewusst, dass das Bahnpersonal es sehr oft mit schwieriger Klientel zu tun hat. Gerade deshalb sollten in solchen Fällen ein wenig Fingerspitzengefühl und vor allem gesunder Menschenverstand eingesetzt werden.»

BLS-Sprecher Stephan Appenzeller nimmt die Kontrolleure in Schutz: «Bezieht ein Passagier ein Billett ohne Datum, muss er es vor der Fahrt entwerten. Für den Kontrolleur ist es nicht möglich, zu beurteilen, wer absichtlich ohne Fahrausweis fährt oder wer einmal vergessen hat, sein Billett zu entwerten. In beiden Fällen ist derselbe Zuschlag fällig.»

Berner Zeitung

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