Aeschau

Nicht nur Fische brauchen das Emmewasser

AeschauDie Emme bei Aeschau muss fischgängig werden. Deshalb sollen die hohen Schwellen abgetragen werden. Das Problem: Die Stadt Bern bezieht einen grossen Teil ihres Trinkwassers aus der unmittelbaren Nähe.

Die Emmeschwellen in Aeschau müssen fischgängig gemacht werden.Momentan können die Tiere sie nicht überwinden.

Die Emmeschwellen in Aeschau müssen fischgängig gemacht werden.Momentan können die Tiere sie nicht überwinden. Bild: Walter Pfäffli

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Etwa 35 Kilometer Luftlinie liegt Aeschau von Bern entfernt. Doch die kleine Ortschaft, die politisch zur Gemeinde Eggiwil gehört, liegt der Bundesstadt näher, als es den Anschein macht. Ja, man könnte sogar sagen, dass das Schicksal Berns zu einem Teil in den Händen, oder besser: im Boden von Aeschau liegt. Denn aus dem dortigen Grundwasservorkommen beziehen die Stadt und acht umliegende Gemeinden gut ein Drittel ihres Trinkwassers: 26'000 Liter des lebenswichtigen Gutes fliessen jede Minute von der Trinkwasserfassung Aeschau aus durch eine Röhre das Emmental hinunter Richtung Bundesstadt (siehe Infobox).

Die Schwellen müssen weg

Die Trinkwasserfassung ist also für Bern und Umgebung von höchster Bedeutung. Es ist keine Reminiszenz aus dem Ancien Régime, dass der Wasserverbund Region Bern AG für die Emme in Aeschau verantwortlich ist – sondern nichts als logisch: Schliesslich deckt das Grundwasser aus dem Eggiwiler Weiler ein Drittel des Trinkwasserbedarfs des Verbundes.

Doch die AG kann vor Ort nicht uneingeschränkt walten, sondern braucht für den Trinkwasserbezug eine Konzession vom Kanton. Diese muss alle paar Jahrzehnte erneuert werden – zuletzt war es 2008 so weit: «Wir erhielten die Bewilligung unter der Auflage, unseren Flussabschnitt fischgängig zu machen», erzählt der Geschäftsführer des Wasserverbundes, Bernhard Gyger. Das Problem: Eine Serie von hohen Schwellen stellt derzeit für die Fische ein unüberwindbares Hindernis dar. Forelle und andere Wasserlebewesen können wegen dieser Sperre weder die Emme hinauf- noch hinabwandern.

30 bis 40 Zentimeter hohe Blockschwellen, die aus rund fünf Tonnen schweren Steinen zusammengesetzt und hufeisenförmig angeordnet werden, würden Abhilfe schaffen.

Hier weiden Pferde statt Kühe

Die Platzverhältnisse bei der Emme in Aeschau sind eng: Praktisch unmittelbar am rechten Emmeufer verläuft parallel die Kantonsstrasse, die Signau mit Eggiwil verbindet. Am linken Ufer liegt die Trinkwasserfassung. Diese ist durch strenge gesetzliche Auflagen geschützt. Aus diesem Grund weiden auf der Wiese über dem Grundwasservorkommen keine Kühe, sondern Pferde. Erstere würden durch ihre Exkremente das Grundwasser zu stark verschmutzen. Auch jeder baulichen Tätigkeit sind enge Grenzen gesetzt: Jede Veränderung des Erdreichs kann dazu führen, dass sich das Oberflächenwasser mit dem Grundwasser vermischt – und dieses dadurch verschmutzt. Es bräuchte also nicht einmal eine Maschine, die Öl verliert, um das Berner Trinkwasser ernsthaft zu gefährden.

Mögliche Varianten geprüft

Bereits seit vier Jahren weiss der Wasserverbund, dass er die für Fische unüberwindbaren Schwellen entfernen muss. «Wir haben von Anfang an auch andere Interessengruppen, wie etwa das Fischereiinspektorat und die lokalen Schwellenkooperationen, mit ins Boot geholt. Die Idee war und ist immer noch, dass man die vorgesehenen Blockverbauungen in einen grösseren Gesamtzusammenhang stellt und beispielsweise in ein Renaturierungsprojekt einbetten könnte», führt Gyger aus.

Seither seien viele Ideen entworfen und wieder verworfen worden. Von einer grösseren Ausweitung nach dem Vorbild der «Emmenbirne» in Aefligen etwa war die Rede. «Zurzeit sind wir aber wieder bei der ‹minimalistischen› Ausgangsidee angelangt: den fischgängigen Blockschwellen», erklärt Gyger.

Wer bezahlt wie viel?

Das wiederum hätte Auswirkungen auf die Finanzierung. Im Projekt sind diverse Fachstellen unter der Führung des kantonalen Tiefbauamts involviert. Eine dieser Fachstellen ist das Bundesamt für Umwelt (Bafu), das eine wichtige Rolle spielt. Denn 70 Prozent der Projektkosten würden Kanton und vor allem Bund übernehmen – allerdings nur, wenn genug «Ökologie» im Projekt steckt. «Und das ist bei der Variante ‹Nur Blockschwellen› nach Ansicht unter anderem des Bafu nicht der Fall», erklärt Christoph Matti vom kantonalen Tiefbauamt. Das bedeutet: Nach derzeitigem Stand der Dinge könnte die öffentliche Hand nur die Hälfte der Kosten übernehmen. Die beteiligten Parteien stehen also vor einem Dilemma: Wird das Projekt «ökologischer» gemacht, sprich: erhalten Aufweitungen den Vorzug vor Blockverbauungen, gibt es mehr Geld vom Bund. Aufweitungen aber sind mit grösseren Bauarbeiten verbunden, die wegen der angrenzenden Grundwasserschutzzone ein gewisses Risiko bergen.

Möglicherweise gibt es doch einen Ausweg: «Der Projektperimeter ist mit 1,5 Kilometer Flusslauf grosszügig gezogen. Das bedeutet, dass wir auch ober- und unterhalb der Grundwasserschutzzone ökologisch bauen könnten. Dort könnte effektiv etwas gemacht werden, da mehr Platz vorhanden ist», führt Matti aus. Damit könnten die Auflagen des Bundes doch erfüllt werden.

Gestalt, Investitionsvolumen, Zeitplan: Ein Grossteil des Projekts in Aeschau ist zurzeit noch unklar. Sicher ist einzig: Bis die ersten Forellen die Emme bei Aeschau überwinden werden, wird noch viel Wasser den Fluss hinunterfliessen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 08.10.2012, 06:30 Uhr

Aus dem Emmental nach Bern

380'000 Quadratmeter gross ist die Grundwasserschutzzone am linken Emmeufer bei Aeschau. Seit 1906 fliesst Trinkwasser von hier nach Bern. Dort wird es von der Stadt und acht weiteren Gemeinden genutzt. Fast 19 Milliarden Liter Wasser verbrauchte der Wasserverbund Region Bern im vergangenen Jahr – davon stammten 7,5 Milliarden Liter aus Aeschau. Mit Wasser aus dem Emmental könnte das Berner Weyermannshaus alle 16 Stunden komplett neu gefüllt werden. Das «Weyerli», das als eines der grössten Freibäder Europas gilt, fasst 25 Millionen Liter Wasser.

Das Erstaunliche: Diese gewaltige Wassermenge – pro Minute fliessen konstant 26000 Liter durch eine 33 Kilometer lange Röhre – bewegt sich ohne zusätzlichen Energieeinsatz Richtung Bundesstadt. Grund dafür ist das Gefälle: Aeschau liegt auf 690 Meter über Meer, Bern im Schnitt 150 Meter tiefer. Vom Eggiwiler Weiler Aeschau aus fliesst das Wasser das Emmental hinunter Richtung Oberburg, wo die Trinkwasserröhre Richtung Krauchthal abbiegt. Bei Ittigen muss das Wasser gar noch eine Steigung bewältigen, bevor das Nass aus den Berner Wasserhähnen kommt.

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