Sumiswald

«Muss es denn immer Sumiswald sein?»

Sumiswald Im Gebiet Horn, nur etwa einen Kilometer von ­jener in Tannenbad entfernt, soll eine Nachfolgedeponie entstehen. Einige Anwohner fühlen sich überrumpelt.

Enge Verhältnisse: Rita und Christoph Jakob machen sich Sorgen wegen der bis zu acht Lastwagen pro Tag, die hier täglich passieren werden.

Enge Verhältnisse: Rita und Christoph Jakob machen sich Sorgen wegen der bis zu acht Lastwagen pro Tag, die hier täglich passieren werden. Bild: Thomas Peter

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Rita Jakobs Lieblingswort an ­diesem Nachmittag ist «Verhältnismässigkeit». Sie sagt es in jedem dritten Satz – mit Absicht, manchmal mit einem Schmunzeln. Noch ein anderes Wort gebraucht sie gezielt: «Idylle».

Rita Jakob wohnt mit ihrer Familie seit dreissig Jahren im Rubishaus in der Sumiswalder Abgeschiedenheit. Etwas weiter östlich vom Restaurant Tannenbad, einen Kilometer entfernt von der Inertstoffdeponie Tannenbad. Jakobs sind keine Bauern, bewirtschaften aber eine Hektare Land. Sie suchten hier in der Idylle vor allem Ruhe vor der lauten Welt.

Nicht auf die Barrikaden

Wie kürzlich bekannt wurde, ist die Kapazität der Deponie Tannenbad bald ausgeschöpft. Ein Nachfolgestandort ist bereits bestimmt. Geplant ist er zwischen der Süllenbachstrasse und Ober Horn, also quasi vor der Haustür der Familie Jakob.

Die Mitwirkung für den neuen Standort ging gerade erst zu Ende. Laut der Gemeindebehörde gab es keine Eingaben. Nur an der Informationsveranstaltung, die Ende März stattfand, führte das Vorhaben zu Diskussionen.

«Jeder hat an seinem Wohnort  irgendein Handicap, mit dem er leben muss.»Fritz Kohler, Gemeindepräsident Sumiswald

Vor allem direkte Anwohner äusserten ihre Bedenken über die Verkehrssicherheit, die Staubentwicklung und Infrastrukturschäden während der Auftauphase. Auch der Gewässerschutz war ein Thema. Die Anliegen wurden in die Überbauungsordnung aufgenommen.

Auch Jakobs haben Ängste. Sie haben zwar nicht vor, gleich auf die Barrikaden zu steigen. Sie verstehen es sogar, dass eine solche Deponie für die Region wichtig ist. Und auch, dass es für einen Landbesitzer rentabel sein kann, ein schwer zu bewirtschaftendes Landstück für zwanzig Jahre an die Betreiber einer Deponie zu veräussern. Der jährliche Betrag könne einem von niedrigen Milchpreisen gebeutelten Landwirt ein längerfristiges Überleben sichern, sagen sie.

Seit dreissig Jahren betroffen

Und doch hat die Familie Jakob, Rita, Christoph und auch der Schwiegersohn Florian Rüttimann, da noch ein paar Fragen ­— und Bemerkungen. So stört sie ­etwa die Aussage von Fritz Kobel, Leiter Bau und Betrieb der Gemeinde, die er letzte Woche in dieser Zeitung gemacht hat: «Selbstverständlich ist der zusätzliche Verkehr eine Belastung», sagte er. Letztlich sei es aber auch eine Verhältnisfrage. Denn eine Deponie sei für die ­gesamte Region nun mal unerlässlich.

Was denn unter «verhältnismässig» zu verstehen sei, will Rita Jakob wissen. Schliesslich wohnten in der näheren Umgebung an die vierzig Menschen. Sie sagt: «Mich dünkt, dass wir – verhältnismässig – unseren Beitrag geleistet haben.» Und meint damit eben die Deponie Tannenbad, die seit dreissig Jahren in der Nachbarschaft liegt.

«Muss es immer Sumiswald sein?», fragen sich Jakobs am Küchentisch sitzend und sinnieren darüber nach, wieso es eigentlich nie Alternativen gab. Denn schliesslich sei eine solche Deponie eine Belastung für die Anwohner und auch für die Natur.

So locke sie doch fünf bis acht Lastwagen pro Tag an, verursache Lärm und Staubverschmutzung. Die Strassen seien schon jetzt eng, meint Rita Jakob. Und obwohl extra zusätzliche Ausweichstellen geschaffen werden sollen, graut ihr vor dem vielen Schwerverkehr. Sie habe Angst um ihre Enkel, um ihre Katzen, sagt sie. Ja, auch um ihre Idylle.

Und dann sagt ihr Mann, Christoph Jakob, eben noch das: «Es ist doch schon ein bisschen komisch, wenn das Land, auf dem die neue Deponie hinkommt, dem Nachbarn des Gemeindepräsidenten gehört.»

Alles hat seine guten Gründe

Gemeindepräsident Fritz Kohler versteht die Sorgen seiner Bürger. Er gibt auch gerne Auskunft über die geplante Deponie, betont aber, dass an der Informationsveranstaltung Ende März viele dieser Fragen bereits besprochen worden seien.

Laut Kohler hat der ausgewählte Standort nichts mit Willkür zu tun, sondern es gebe ganz konkrete Gründe. So will die regionale Kommission Abbau, Deponie und Transporte (Kadre), dass es je eine Deponie im oberen, mittleren und unteren Emmental gibt. Jene im Tannenbad ist historisch gewachsen. Dort wurde früher Kies abgebaut, weshalb sich die Grube vor rund dreissig Jahren für eine Deponie quasi angeboten hatte.

Die Betreiber, in diesem Fall die ISD Tannenbad GmbH, eine Gesellschaft aus sechs Bauunternehmungen der Region, sind daran interessiert, dass ein Nachfolgestandort in der Nähe realisiert wird. Das hat vor allem zwei Gründe. Erstens kann die alte Deponie teilweise mit dem Humus aus der neuen auf­gefüllt werden. Zudem wird im Tannenbad auch weiterhin Beton und Teer rezykliert. Eine Nachfolgedeponie in der Nähe verhindert also zusätzliche, längere Transportwege.

Grundsätzlich, sagt Fritz Kohler, würden sich die Betreiber aber immer selber nach einem neuen Standort umsehen und dem Landbesitzer ein ­Angebot machen. Am neuen Standort Horn seien zum einen die topografischen Verhältnisse ideal, und zum anderen sei die Schutthalde nicht von überallher zu sehen.

Kohler verschweigt nicht, dass eine Deponie für die Gemeinde auch finanziell reizvoll ist. So würden die Betreiber nicht nur die Strassenbenützung und den Unterhalt bezahlen, ­sondern die Deponie generiere auch Steuereinnahmen. Wie hoch diese sind, kann Kohler nicht beziffern.

Es gehe allen gleich, sagt Fritz Kohler noch. Jeder habe an seinem Wohnort irgendein Handicap, mit dem er leben müsse. (Berner Zeitung)

Erstellt: 05.05.2018, 19:55 Uhr

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