Mitten im Krieg galt es, kurzfristig 10'000 Menschen unterzubringen

In Goumois im Jura erinnern am Samstag Nachkommen polnischer Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg an deren Grenzübertritt vor 75 Jahren. In einer ersten, noch sehr improvisierten Unterbringung kamen sie damals in den Oberaargau.

  • loading indicator

Im Nachlass seiner Mutter fand Hans Egli schwarzweisse Fotos von polnischen Internierten aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges. «Meine Mutter servierte im Restaurant zur Post in Röthenbach bei Herzogenbuchsee», erzählt er. Dort und in Heimenhausen waren 1940/1941 gut 200 polnische Soldaten in einem Lager untergebracht – und das bei damals rund 660 Einwohnern in den beiden Dörfern.

Dass diese Fotos in einem Nachlass zum Vorschein kamen, ist typisch. Der Grenzübertritt der Polen im Jura jährt sich heute zum 75.Mal. Erstmals wird deshalb die Gedenkfeier in den beiden Dörfern Damprichard (F) und Goumois (CH) nicht mehr von den polnischen Soldaten selbst organisiert, sondern von einer im Herbst 2013 gegründeten Interessengemeinschaft ihrer Nachkommen.

Rund 42'000 Soldaten hatten am 19. und am 20.Juni 1940 die Grenze überschritten: Das 45.französische Armeekorps. Es war in der französischen Nachbarschaft von deutschen Panzerverbänden eingekesselt und von den anderen französischen Verbänden abgeschnitten worden. Ihr Kommandant, General Marius Daille, sah keine andere Möglichkeit mehr, als sich mit seiner Truppe über die Schweizer Grenze zurückzuziehen und sich hier internieren zu lassen.

Die Schweiz improvisiert

Die Schweiz war auf diesen Grenzübertritt überhaupt nicht vorbereitet. Der Alpenraum, wo als Folge des Krieges viele Hotels leer standen, hatte im Rahmen der neuen Reduit-Strategie eben eine neue Aufgabe erhalten: Dorthin wollte sich General Henri Guisan im Falle eines deutschen Angriffs mit der Armee zurückziehen, um die Schweiz zu verteidigen. In einer ersten Phase wurden die Internierten deshalb recht improvisiert im Napfgebiet einquartiert, wobei die Polen vor allem dem Oberaargau und dem angrenzenden Emmental zugeteilt wurden.

Polen war zu Beginn des Zweiten Weltkrieges von Deutschland überrannt worden. Viele junge Männer flohen in der Folge nach Frankreich, wo vor allem in den Kohlegruben und in der Landwirtschaft seit dem Ende des Ersten Weltkrieges bereits viele Polen Arbeit gefunden hatten.

Dort baute die polnische Exilregierung in London deshalb eigene Verbände auf, die in die französische Armee integriert wurden. Teil des 45.Armeekorps war die 2.polnische Schützendivision unter dem Kommando von General Bronislaw Prugar-Kettling. Ihre rund 10'000 Mann wurden in den Dörfern des Oberaargaus und der Umgebung untergebracht (siehe Karte). Ähnliche Zahlenverhältnisse wie in Heimenhausen-Röthenbach waren in verschiedenen Dörfern üblich.

Es entstand eine «Volksuni»

Improvisiert werden musste auch für die Beschäftigung der Internierten. Arbeitseinsätze durften die Schweizer Arbeitskräfte nicht konkurrenzieren. In Melchnau entstand eine «Volksuniversität» für die Internierten, Vorläufer eines späteren eigentlichen Bildungssystems mit Gymnasium, Universität, Technischer Hochschule und Handelshochschule.

Legendär wurde auch der Polenchor, den der Rohrbacher Lehrer Max Bühler ins Leben rief und leitete. In Grünenmatt entstand ein Divisionsthater. Huttwil beherbergte den Divisionsstab und wurde mit der erst 1939 gebauten katholischen Kirche zum religiösen Zentrum der Internierten.

Nachdem Frankreich mit Deutschland Frieden geschlossen hatte, konnten die Franzosen Anfang 1941 wieder in ihr Land zurückkehren. Die Polen jedoch mussten bleiben, weil sich ihr Land nach wie vor im Kriegszustand mit dem Hitler-Regime befand. Für die meisten von ihnen ging jedoch die Zeit im Napfgebiet im Februar darauf ebenfalls zu Ende.

Kein zentrales Grosslager

Denn inzwischen hatte die Schweiz die Internierung besser zu organisieren begonnen. Bereits im Herbst 1940 war in Büren an der Aare ein zentrales Grosslager für 6000 Internierte gebaut worden. Den Kontrast zwischen den beiden Phasen beschrieb ein Internierter so: «Bevor wir nach Büren kamen, waren wir auf Bauernhöfe verteilt. Dort arbeiteten und lebten wir einzeln oder in Gruppen. Ich war in eine Familie integriert. Die Bäuerin und den Bauern sprach ich als damals 18-Jähriger mit Mutti und Vati an. Dann plötzlich brachte man uns hierher.»

Doch das Lager in Büren funktionierte nicht, weil man die Disziplin nicht in den Griff bekam. Verlegt wurden die Internierten nun in Lager in den Alpen, wo sie beim Strassen-, Verbauungs- und Kraftwerkbau eingesetzt wurden.

Im Oberaargau hinterliessen die Polen vielerorts Zeugnisse ihres künstlerischen Schaffens, so auch in Röthenbach bei Herzogenbuchsee, wo sie am 7.Oktober zusammen mit der Dorfbevölkerung ein Denkmal einweihten, «zur steten Erinnerung», wie es darauf hiess. So stetig blieb die Erinnerung allerdings nicht: Das Denkmal auf einer grosszügigen Terrasse vor dem Restaurant zur Post ist heute verschwunden. Andere Andenken blieben bis heute erhalten, so zwei Wandbilder im Keller des Landgasthofs Bären und im Dorfzentrum in Madiswil oder ein Brunnen in Melchnau.Jürg Rettenmund

Zur Internierung der 2.polnischen Schützendivision in der Region vgl. den Beitrag des Verfassers, «Polnische Internierte in der Region Napf 1940/1941», im Jahrbuch des Oberaargaus 1995 und 1996.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt