Leiser Einzug der Flüchtlinge

Schafhausen

Die ersten 17 Asylbewerber sind am Freitag im Durchgangszentrum im Schulhaus Schafhausen eingezogen. Im Dorf regte sich kein Widerstand.

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Urs Egli

Kuhglockengebimmel, Pferde auf der Weide, äsende Schafe, Bauern, die Jauche ausbringen, Sonnenschein – Idylle pur im 300-Seelen-Weiler Schafhausen. Um die Mittagszeit erreichen ein Ehepaar aus Äthiopien und eine Mutter mit ihrer Tochter aus Eritrea das kleine Dorf im Emmental. Die vier Asylsuchenden wurden mit dem Auto von der Zivilschutzanlage Riggisberg nach Schafhausen gefahren.

Paul Mori, der Geschäftsführer der Heilsarmee-Flüchtlingshilfe, steht auf dem Pausenplatz, begrüsst die ersten Bewohner des Durchgangsheims und überreicht jedem einen Lebkuchen mit Berner Bär aus Zuckerguss. Die Verständigung ist schwierig. Die Ankömmlinge sprechen Amharisch und Arabisch, kein Englisch, Deutsch schon gar nicht. Deutschunterricht erhalten die Asylsuchenden aber in den nächsten Monaten.

«Bevölkerung ist korrekt»

Am frühen Nachmittag steigt im Bahnhof Schafhausen noch eine zehnköpfige syrische Familie aus dem Zug. Bisher waren sie in der Zivilschutzanlage in Hindelbank untergebracht. Begleitet werden sie von einer Verwandten, die in Bern wohnt und etwas Deutsch spricht. Mit Sack und Pack gehen sie dem Schulhaus zu. Kein Einheimischer ist zu sehen, der sich über die Ankunft der Asylsuchenden zu nerven scheint. «Uns gegenüber ist die Bevölkerung sehr korrekt und hilfsbereit», sagt Paul Mori. Etliche Personen hätten ihre Hilfe angeboten, andere hätten Sofas für den Aufenthaltsraum im Durchgangszentrum gebracht.

Er erlebe die Leute im Dorf in einer ganz anderen Tonlage als Mitte Oktober am Informationsanlass des Gemeinderates in der Mehrzweckanlage. «Die Kritik und Wut richtete sich gegen die Behörden, nicht gegen uns.» Aber er verstehe, dass im Dorf Ängste vorhanden seien. Meist könnten diese aber mit einem einzigen Gespräch zerstreut werden. Die Flüchtlinge seien in einer neuen Welt und müssten sich zuerst zurechtfinden, erklärt Mori und ergänzt: «Wir müssen die Leute daran gewöhnen, wie man es bei uns richtig macht.»

Am späten Nachmittag trifft dann noch eine kleine Familie aus Sri Lanka ein, die bis jetzt unter Tag in Hindelbank untergebracht war. 17 Personen leben nun in den ehemaligen Lehrerwohnungen in Schafhausen. Der von der Bevölkerung befürchtete Ansturm auf das Durchgangszentrum im Schulhaus ist vorerst ausgeblieben. In jedem der Zimmer der drei Wohnungen stehen bis zu vier Kajütenbetten. 60 Personen werden hier in Bälde leben. «Wir sind glücklich, dass wir gerade Familien noch etwas anderes bieten können als eine Zivilschutzanlage».

Kraftakt der Handwerker

Im Parterre werden die drei Schulzimmer zu Schlafsälen mit je 15 Kajütenbetten umfunktioniert. Nächsten Freitag soll das Durchgangszentrum für total 150 Flüchtlinge bereitstehen. Bis dann müssen neben den Mitarbeitern der Heilsarmee und den Zivildienstlern der Armee auch etliche Handwerker noch einen Kraftakt leisten. Die Brandmeldeanlage konnte zwar rechtzeitig vor der Ankunft der ersten Asylbewerbern installiert werden, viele Arbeiten müssen aber noch ausgeführt werden.

In nur drei Wochen werden die aus der Region kommenden Elektromonteure, Sanitärinstallateure, Spengler und Schreiner das ehemalige Schulhaus zu einem Mehrfamilienhaus umfunktioniert haben. Zum Beispiel: Der Boiler war bisher für den Warmwasserverbrauch von drei Wohnungen und dem gelegentlichem Duschen der Schüler konzipiert. Neu werden 150 Personen täglich duschen.

Zudem wurden drei Waschmaschinen mit Tumblern installiert. Der Einbau einer grossen Küche, in welcher für die 90 Bewohner im Parterre gekocht werden wird, kann noch nicht erfolgen. Erst vor einer Woche war hierfür das Baugesuch eingereicht worden.

Berner Zeitung

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