Emmental

Lehrerin ist die eigene Mutter

EmmentalDie drei Schüler, die Ruth von Balmoos unterrichtet, sind ihre Kinder. Sie sitzen zu Hause in der Käserei Vorderthalgraben am Schulpult. So will von Balmoos dreien ihrer sechs Kinder die Lust am Lernen erhalten.

Die Pulte stehen zu Hause (von rechts): Celestina, Rosina und Raphaël drücken bei ihrer Mutter Ruth von Ballmoos die Schulbank.

Thomas Peter

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Das Schulzimmer befindet sich gleich hinter der winterlich geschmückten Stube. Hier, wo Pulte, Regale voller Ordner und eine Wandtafel für eine entsprechende Atmosphäre sorgen, beugen sich der 13-jährige Raphaël und seine um zwei Jahre jüngeren Schwestern Celestina und Rosina über ihre Lernhefte. Deutsch steht für den Jungen auf dem Programm und schriftliches Addieren und Subtrahieren für die Mädchen – mit einem Rätsel sind die drei zuvor gemeinsam in die Woche gestartet: Ruth von Ballmoos, ihre Mutter, hat ihnen die Geschichte von Sven vorgelesen, der zwölf Stearinkerzen einkaufen soll, aber nur acht nach Hause bringt und erzählt, vier Stück seien ihm unterwegs in einen Teich gefallen und gleich völlig untergegangen. Warum er gelogen haben muss?

Die Kinder überlegen hin und her, fragen sich, ob sich der Junge verrechnet hat, ob eine Kerzenschachtel von selber aufspringen kann – bis sie merken: Eine Stearinkerze kann gar nicht untergehen. Sie schwimmt.

Nur drei von sechs Kindern

Schon über drei Jahre geht es an den Vormittagen so zu und her in der Käserei Vorderthalgraben, die im Hügelland südlich von Lützelflüh liegt. Denn schon so lange unterrichtet Ruth von Ballmoos ihre Kinder in den heimischen vier Wänden gleich selber. Dogmatikerin sei sie aber keine, hält die 40-Jährige gleich am Anfang fest, «wir sträuben uns nicht einfach gegen Schulen und Lehrer». Timo, der Drillingsbruder von Celestina und Rosina, besuche ja die öffentliche Schule und Jasmin, die Jüngste, den öffentlichen Kindergarten. Und auch Joël, der Älteste, sei vor Beginn seiner Lehre in eine Privatschule gegangen. Warum sie überhaupt zu Hause unterrichte? «Ich lasse mich nicht gerne auf diese Frage fixieren», antwortet Ruth von Ballmoos. Um mit Blick auf die Kinder, die sie nun seit der vierten und der zweiten Klasse unterrichtet, doch einen Hinweis auf ihre Motivation nachzuschieben: «Ich stellte fest, wie ihre Lernfreude sank und sank, und wollte nicht länger zuschauen.»

Denn lernen, sinniert Ruth von Ballmoos, sei in einer Welt stetiger Veränderungen ein lebenslanger Prozess und das lustvolle Lernen deshalb umso wichtiger. Dass sie sich ziemlich ins Zeug legen muss, um ihren Kindern genau dies mitgeben zu können, sagt sie offen. Nicht unbedingt weil ihr als kaufmännischer Angestellten die spezifisch pädagogische Ausbildung fehlt. Oder weil sie wie jede Lehrerin vorbereiten und korrigieren muss: Schwierig, sagt sie, sei vor allem, aus dem Dschungel vielfältigster Lehrmittel das richtige herauszufinden. Wobei: «Auch früher, als unsere Kinder in die öffentliche Schule gingen, waren wir gefordert.» Regelmässig habe sie zu Hause Dinge geübt, für die im Unterricht die Zeit gefehlt habe. «Der Aufwand war genau gleich da, einfach anders.»

Für Ruth von Ballmoos ist es keine Frage, dass ihr heutiges Engagement sie weit mehr befriedigt. Sie könne besser auf jedes Kind eingehen und fliessender von der Theorie im Schulzimmer in die praktische Arbeit in Haus und Garten übergehen – klare Grenzen zum Familienalltag gibt es trotzdem. So lernen die Kinder nach einem Stundenplan, sie haben Schul- und Ferienzeiten, und sie reden im Unterricht Hochdeutsch.

Ein Buch mit Geschichten

Und die sozialen Kontakte zu Gleichaltrigen? Die kämen nicht zu kurz, sagt Ruth von Ballmoos und weist auf die Sport- und Musikstunden hin, die ihre Kinder auswärts in der Gruppe belegen. Zudem spannt sie regelmässig mit anderen Familien in der gleichen Situation zusammen. Für Projektwochen, für Exkursionen oder sogar für längere Unterrichtssequenzen.

Zu diesen Aktivitäten gehört der Geschichtenwettbewerb, der heuer bereits zum zweiten Mal über die Bühne gegangen ist. 34 Kinder haben teilgenommen, am Wochenende ist das Buch mit ihren Erzählungen an einer Vernissage vorgestellt worden – «Ich war erfreut zu sehen, wie die Kinder Fortschritte gemacht haben.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 26.01.2010, 10:09 Uhr

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