Kurzer Prozess für einen Schnellfahrer

Nichtwissen schützt vor Strafe nicht: Das lernte ein Walliser bei seinem Auftritt vor der Justiz in Burgdorf. Er wurde auf der A1 geblitzt, als er einen Anhänger mit 122 Stundenkilometern an einem Radarkasten vorbeizog.

Für das Fahren mit Anhängern gilt eine Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h.

Für das Fahren mit Anhängern gilt eine Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h.

(Bild: iStock/Symbolbild)

Johannes Hofstetter

Der Mann war in aller Herrgottsfrühe aus den Federn gestiegen. Er wollte in der Ostschweiz ein Motorrad abholen. Weil er wusste, dass auf der Autobahn A1 tagsüber viel Verkehr herrscht, machte er sich um 4.30 Uhr auf den Weg. Den Anhänger, auf dem er den Töff nach Hause ins Wallis bringen wollte, hatte er kurz zuvor gemietet.

Als der 56-jährige Familienvater Kirchberg passierte, zuckte ein Blitzlicht auf. Er konstatierte, dass er soeben eine Radarfalle ausgelöst hatte. Sein Tacho zeigte 126 Stundenkilometer an. 120 waren seiner Ansicht nach erlaubt: «Das gibt 20 Franken Busse», dachte er.

Aber oha: Ein halbes Jahr später flatterte dem Mann ein Strafbefehl der Berner Staatsanwaltschaft ins Haus. Er habe, las er ungläubig, «als Lenker eines leichten Anhängerzuges die fahrzeugbedingte Höchstgeschwindigkeit von 80 Stundenkilometern auf Autobahnen um 42 Stundenkilometer überschritten, wodurch er eine ernstliche Gefahr für andere Verkehrsteilnehmer schuf und auch in Kauf nahm». Wegen «grober Verkehrsregelverletzung» büsste ihn die Anklagebehörde mit einer bedingten Geldstrafe von 5600 Franken.

Keine Hinweise

Das mochte der Mann, der noch nie mit der Strafjustiz zu tun gehabt hatte, nicht auf sich sitzen lassen. Er zog den Fall weiter ans Regionalgericht Emmental-Oberaargau. Gegenüber Einzelrichter Roger Zuber erklärte er, er lege grundsätzlich höchsten Wert auf Regeln. Als Sicherheitsfachmann und Krisenmanager sei es für ihn elementar wichtig, weder im Berufs- noch im Privatleben Fehler zu machen.

«Dass Autos mit Anhängern nur mit 80 Stundenkilometern fahren dürfen, steht nirgendwo geschrieben», behauptete er. Solche Hinweise gebe es weder in Form von Gesetzesartikeln noch von Schildern am Strassenrand. Auch eine Kurzrecherche im Internet habe zu keinem Ergebnis geführt. Im Übrigen hätten sich der National- und der Ständerat dafür ausgesprochen, das Tempolimit für Autos mit Anhänger aus Sicherheitsgründen auf 100 Stundenkilometer zu erhöhen. Diese Gesetzesänderung trete demnächst in Kraft.

«Zumindest fahrlässig»

Ähnlich argumentierte der Verteidiger: Wer mit 80 auf der Autobahn dahinschleiche, stelle eine grössere Gefahr dar als jemand, der wie alle anderen mit 100 oder 120 Stundenkilometern von A nach B brause.

Nach einer Urteilsberatungspause von knapp einer Viertelstunde sprach Roger Zuber den Westschweizer schuldig. Wegen einer einfachen Verkehrsregelverletzung büsste er ihn mit 1000 Franken. «Wenn ich im Ausland ein Auto miete, muss ich mich vorher erkundigen, welche Tempolimits dort gelten», sagte Zuber. Dass sich der Beschuldigte vor dieser – seiner ersten – Fahrt mit einem Anhänger nicht darüber informiert habe, was er dabei zu beachten habe, sei «zumindest fahrlässig» gewesen.

Von einer vorsätzlichen und rücksichtslosen Verkehrsregelverletzung im Sinne des Raserartikels sei er aber nicht ausgegangen, stellte der Vorsitzende fest. Eine ernsthafte Gefahr habe der Mann nicht dargestellt, denn Autobahnbenutzer müssten damit rechnen, dass die anderen Lenker ebenfalls mit 100 bis 120 Stundenkilometern fahren würden.

Wäre der Mann mit 160 Stundenkilometern geblitzt worden, hätte das Urteil anders gelautet, liess Zuber durchblicken. Dann wäre die Straftat als Vergehen geahndet worden. So aber handle es sich lediglich um eine Übertretung. Sie werde nicht ins Strafregister eingetragen, teilte er dem Mann mit.

Letztes Kapitel: Ausweis weg

Wie viel der Verurteilte von Zubers Worten mitbekam, ist unklar: Während der Urteilseröffnung brach er in Tränen aus. Ob aus Frust über den verlorenen Prozess oder aus Freude darüber, mit einem blauen Auge davongekommen zu sein, behielt er für sich.

Klar ist: Das letzte Kapitel seiner Geschichte schreibt das Strassenverkehrsamt. Es entscheidet – auch mit Blick auf dieses Urteil –, für wie lange es dem Walliser den Ausweis entzieht.

Berner Zeitung

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