Madiswil

Kühe beschlagnahmt - Bauer psychiatrisiert

MadiswilEs war wie ein Überfall, als die Behörde im Frühjahr auf Roger Herrmanns Problemhof in Madiswil hart durchgriff: Seine Kühe wurden beschlagnahmt, ein Teil getötet, er selber psychiatrisiert. Zu Recht? Nun erzählt Bauer Herrmann seine Sicht. Bald steht er vor Gericht. Mit ihm aber auch der Tierschutz.

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Sanft packt Bauer Roger Herrmann mit seiner mächtigen Hand die feuchte Kuhschnauze. Auf seine gemütlichen Worte gibt das Tier schnaubend Antwort. Die Kühe kommen ihm neugierig entgegen. Sie kennen ihn. Obwohl sie ihm gar nicht gehören und bloss zu Gast sind. Denn über Herrmann wurde das schlimmste Verbot verhängt, das einen Bauern treffen kann: ein Tierhalteverbot.

Zu enge Handschellen

Herrmann wird laut, wenn er darauf angesprochen wird. Ruft vom Hof in den Wald, dass das Echo seinen Schmerz und Zorn noch vergrössert. Ein Bauer ohne Kühe, was das solle, er wisse nicht, woran er sei, wann er wohl wieder Tiere haben dürfe. Heftig verwirft er die Hände.

Diese Hände zu bändigen, das versuchten die Polizisten am 27.Februar 2008 gar nicht erst. «Vergiss die Handschellen, die sind zu eng», sagte der eine Beamte zum anderen, als er Herrmanns enorme Handgelenke sah. Sie bewahrten respektvoll Abstand, als sie den Bauern auf seinem Hof in der Gemeinde Madiswil bei Langenthal festnahmen. Denn Herrmann ist ein Baum von einem Mann. Zwei Meter gross, 130 Kilogramm schwer, ein Kraftpaket mit gewaltigen Oberarmen.

Wenn er die Handschellen erwähnt, lacht er, obwohl die Erinnerung an den 27.Februar nicht zum Lachen ist. Damals fuhr die Tierschutzbehörde ein auf seinem Hof, um den sich abenteuerlich Gerümpel und Gerät türmte. Und sie fuhr wieder ab mit all seinen Kälbern und teilweise verdreckten Kühen. Auch Herrmann wurde weggeschafft. In die Psychiatrische Klinik. Der 27.Februar ist den Madiswilern in Erinnerung wie ein Erdbeben.

Vorwurf Tierquäler

Im Dezember muss Herrmann auf Schloss Aarwangen vor Gericht erscheinen. Die Anklage lautet: Zuwiderhandlung gegen das Tierschutzgesetz. Es wird ihm vorgeworfen, ein Tierquäler zu sein. Ein «Schmuddelbauer», wie das heftige Medienwort für Bauern lautet, denen der eigene Hof über den Kopf wächst.

Herrmanns Hof klebt oben am Waldrand im Wyssbach, dem hügeligen Hinterland von Madiswil. Im Oberaargauer Dorf trifft Bauernland auf das moderne S-Bahn-Mittelland. Diese zwei Welten befinden sich im Frühjahr 2008 in einer Art Kriegszustand. Hoch gehen die Emotionen, als die Berner Landwirtschaftsbehörde auf eine Reihe von Höfen stösst, in deren Ställen vernachlässigte Tiere mit ungeschnittenen Klauen knöchelhoch im Mist stehen. Vor allem Tierfreunde aus Stadtregionen empören sich in Leserbriefen über die schmutzigen Auswüchse in der Welt, aus der das Fleisch auf ihrem Teller stammt.

Bauern am Pranger

Die überforderten Bauern sind Einzelfälle. Dennoch steht in der Öffentlichkeit die ganze Landwirtschaft am Pranger. Und mit ihr der Landwirtschaftskanton Bern. Alle Frühwarnsysteme haben versagt. Behörden und Agrarverbände stehen unter Druck. Sie wählen die Flucht nach vorn und greifen durch. Zum Beispiel bei Roger Herrmann.

In der Öffentlichkeit kursiert, wie ein Fahndungsbild, ein Muster des überforderten Bauern: über 50-jährig, gesundheitlich angeschlagen, alkoholsüchtig, allein, weil die Frau weg ist oder die Mutter gestorben ist. Roger Herrmann ist 32 Jahre alt und strotzt vor Kraft. Alkohol rührt er nie an. Die Eltern sind schon vor ein paar Jahren gestorben, er ist es gewohnt, ohne Hilfe zu arbeiten. Herrmann passt nicht in das Bild des bösen Bauern.

Je weiter draussen auf dem Land, desto grösser das Verständnis für einen überforderten Bauern. In Madiswil glauben viele, dass die «Razzia» bei Herrmann zu weit gegangen ist. Sie haben eingezahlt auf das Spendenkonto, mit dem Herrmanns Anwalt finanziert wird. Dass der Bauer jetzt trotz Tierhalteverbot provisorisch Kühe haben kann, verstehen viele als Eingeständnis der Behörde, dass sie am 27.Februar überreagiert hat.

Unangemeldete Kontrolle

Im August 2007 ist bei einer Kontrolle auf Roger Herrmanns Hof noch alles in Ordnung. Im Spätherbst kommen seine Kühe von der Alp im Berner Oberland zurück. Eine hat dort die Rekordmilchleistung erbracht. Jetzt drängen sie sich in den engen alten Ställen. Das gibt viel Arbeit. Auch ein Riese wie Roger Herrmann kann dabei an Grenzen stossen. Nach Neujahr kränkelt er. Eine Grippe. Ende Januar schaut der Madiswiler Tierarzt Markus Staub bei Herrmann nach einer kranken Kuh. Im vorderen Stall fällt ihm keine übermässige Unordnung auf.

Als die ersten Fälle vernachlässigter Höfe bekannt werden, sind die Kontrolleure mit erhöhter Aufmerksamkeit unterwegs. Einer kommt unangemeldet bei Herrmann vorbei, als dieser am Holzen im Wald ist. Die Nachbarn haben ihn gesehen. Den Stall betreten darf der Kontrolleur in Abwesenheit des Bauern nicht, aber er sieht offenbar genug und macht Meldung nach Bern. Herrmann erfährt nichts davon.

Razzia um drei

Am Morgen des 27.Februar schauen zwei Chefbeamte des Veterinärdienstes auf dem Hof vorbei und telefonieren umgehend nach Bern. Herrmann ist nicht da. Als er am Nachmittag mit dem Traktor nach Hause fährt, erkennt er im Rückspiegel ein Auto. Und ein Gesicht, das jeder Bauer kennt. Jenes von Benjamin Hofstetter, dem kantonalen Tierschutzbeauftragten. Sie kommen um 15 Uhr. «Die wussten warum», sagt Herrmann, «gemistet wird erst am Abend. Und wenn man nicht mistet, häuft es sich schnell an.»

Vor dem Hof steigen auch Polizisten aus. Er habe im Stall nichts mehr zu suchen, sagen sie Herrmann und schirmen ihn auf der Heubühne ab. «Ich war auf zweihundert», erinnert er sich. Er wird laut. Aber er vergreift sich nicht an den Polizisten. Später sagt er kein Wort mehr. Was Herrmann von der Heubühne aus nicht sieht: Die Behördenvertreter fotografieren alles minuziös. Verdreckte Tiere, wadenhohen und auch aufgetürmten Mist, das Durcheinander ums Haus. Auf den ersten Blick sieht es schlimm aus.

Dreckig, aber gesund

Der Veterinärdienst hat mittlerweile Madiswils Gemeindepräsidenten Fritz Sigrist und Verena Flückiger, Gemeinderätin und Fürsorgevorsteherin, aufgeboten. Beide sind selber Bauern. Flückiger geht mit Hofstetter in den Stall. «Es herrschte ein Chaos, aber ich war skeptisch, ob die Kühe wirklich litten», erinnert sie sich. Die Klauen der verdreckten Tiere sind geschnitten, der Ernährungszustand ist gut, zu trinken haben sie auch. «Aber Herr Hofstetter ist der Fachmann und Tierarzt», sagt Flückiger. Fachmann Hofstetter erklärt Roger Herrmann knapp, die Tiere seien schwer vernachlässigt und würden deshalb weggebracht.

Obwohl es nicht in die Zuständigkeit des Veterinärdienstes gehört, gehen Hofstetter und Flückiger auch durch Roger Herrmanns Haushalt. Denn im Haus jault Herrmanns kranker Hund. Tierarzt Staub wird sich später weigern, ihn einzuschläfern. Auch drei kranke Katzen sind im Haus.

Nerven liegen blank

Gegen Abend sieht Ulrich Graber, Bauer auf einem Nachbarhof, Tiertransporter das enge Strässchen zu Herrmanns Hof hinauffahren. Er ahnt nichts Gutes. Susanne Kohler, eine Madiswiler Bäuerin, hört, dass die Transporter schon am Dorfrand bereitstanden. Als Graber zusammen mit Hans Jordi, einem weiteren Nachbarn, auf Herrmanns Hof eintrifft, ist schon Bauer Peter Oberli da und ist in erregte Wortwechsel mit der Behörde verwickelt. Die Nerven liegen bei allen Beteiligten blank.

Oberli ist ein leutseliger und hilfsbereiter Mann. Er hat besorgte Telefonate erhalten, die Kontrolleure hätten den und den Hof im Auge. Er solle da mal vorbeischauen, bevor die Behörde eingreife. Er weiss um die Angst, die unter den Bauern umgeht: Wenn die zu mir kommen, meine Tiere abholen und mir das Bauern verbieten würden.

Oberli kennt den eigenwilligen Herrmann. Wo der Roger sei und wo dessen Kühe hingebracht würden, will er von Hofstetter und dessen Leuten dringend wissen. Das gehe ihn nichts an. Oberli lässt nicht locker. Er, Graber und Jordi bieten für einige von Herrmanns Kühen Platz in ihren Ställen an, Gemeindepräsident Sigrist hätte gar einen leeren Stall. Die Behörde sei auf das Angebot gar nicht eingegangen.

Ab nach Münsingen

Die Stimmung ist vergiftet, als es dunkel ist im Wyssbach und die Viehtransporter wegfahren. Roger Herrmann wird angekündigt, er werde zum Arzt gebracht. Widerstandslos steigt er ins Polizeiauto. In den dreckigen Arbeitskleidern. Sie lassen ihn nicht mehr ins Haus, um sich umzuziehen. «Wir konnten ihn nicht allein und ohne Tiere dalassen. Die Medien wären über ihn hergefallen, und er hätte sich selbst oder andere in Gefahr bringen können», erklärt Verena Flückiger heute. «Roger ist ein herzlicher Typ, der niemandem etwas zu Leide tut», ärgert sich Peter Oberli, wenn er das hört.

Herrmann weigert sich, beim Arzt auszusteigen. Dieser reicht ein offenbar vorbereitetes Papier durch das heruntergekurbelte Autofenster. Es ist eine Einweisung in die Psychiatrische Klinik Münsingen. Sie fahren los. Später wird Herrmann für die unfreiwillige Überführung ein Betrag von 900 Franken in Rechnung gestellt. Er hat sie nicht bezahlt. «Ich hätte ihn billiger nach Münsingen gebracht», sagt Peter Oberli.

Nachbar Hans Jordi fährt am Abend aufgewühlt im Dorf herum. Er entdeckt Roger Herrmanns Rinder in einem provisorischen Gehege. Auf nacktem Betonboden, ohne Stroh und Futter. Auf dem Areal des einstigen Madiswiler Schlachthofs. Kein gutes Zeichen, denkt Jordi.

Der Zorn der Bauern

Am Wochenende nach dem schwarzen Freitag knüpfen Tierarzt Markus Staub und die Nachbarbauern ein Netz, das Roger Herrmann nach dessen Rückkehr aus der Klinik auffangen soll. Bauern sind Einzelkämpfer und als Unternehmer Konkurrenten. Jetzt aber schweisst sie der Imageschaden ihres Berufsstands und die Angst, dass es ihnen wie Herrmann ergehen könnte, zusammen. Sie organisieren die Reinigung von Herrmanns Hof. Sie verfassen mit Gemeindepräsident Sigrist eine Beschwerde an die Volkswirtschaftsdirektion, in der sie bei Herrmann einen reduzierten Tierbetrieb vorschlagen.

Die Gruppe sitzt seither regelmässig zusammen. Sie ist überzeugt, dass die «Razzia» von langer Hand geplant war. Die Viehtransporter standen doch schon da, der Arzt hatte die Überweisungspapiere offenbar bereit. Und Herrmanns behinderte Schwester, die bei ihm wohnte, wurde von der Arbeit weg direkt in ein Wohnheim gebracht.

Trophäe für Öffentlichkeit

Sie hätten im Voraus nichts gewusst, beteuern Gemeindepräsident Sigrist und Gemeinderätin Flückiger. Die Behördenvertreter hätten erst hektisch herumtelefonieren müssen, um einen Viehtransporteur zu finden. Für die Gruppe um Roger Herrmann ändert das nichts an ihrem Verdacht: dass ihr Nachbar nach den unangemeldeten Kontrollen als Opfer auserlesen wurde, an dem die Kantonsbehörden ein Exempel statuierten. Als Trophäe, die man der Öffentlichkeit präsentieren konnte.

«Was Roger Herrmann passierte, darf in einem Rechtsstaat nicht vorkommen», empört sich Tierarzt Markus Staub. Thomas Biedermann, Herrmanns Anwalt aus Langenthal, hat bei der Volkswirtschaftsdirektion eine Beschwerde deponiert: Die Tierschutzbeauftragten hätten ohne richterliche Bemächtigung ein privates Anwesen betreten. Es sei unverhältnismässig durchgegriffen worden: Herrmann seien kein rechtliches Gehör und keine Frist gewährt worden. Über den Gesundheitszustand der Tiere gebe es kein Gutachten, das eine Notlage belege.

Der Notstandsartikel 25

Artikel 25 des Tierschutzgesetzes erlaubt «bei starker Vernachlässigung oder völlig unrichtiger Haltung von Tieren», dass sie «vorsorglich beschlagnahmt, verkauft oder getötet» werden. Das Bundesamt für Veterinärwesen formuliert für dieses drastische Prozedere Regeln, zu denen das rechtliche Gehör, die schriftliche Information, die Einräumung einer Frist und der Grundsatz der Verhältnismässigkeit gehören. Diese Regeln werden bei Rechtsfällen als Interpretation des Tierschutzgesetzes herangezogen. Die Berner Behörden aentschieden, bei der Notlage in Madiswil erübrige sich die Beachtung dieser Regeln.

Auf Schloss Aarwangen steht deshalb auch der Tierschutz vor Gericht. Es geht um die Frage, wie weit im Namen der Tiere die Privatsphäre der Menschen angetastet werden darf.

Erstmals im Leben Ferien

«Wie ein Sauhund» sei er nachts in Münsingen in seinen dreckigen Kleidern eingeliefert worden, berichtet Herrmann. Beim Eintritt in die Klinik ist er hoch erregt. Sein rasender Puls lässt sich nicht messen. Die Klinik fürchtet ein Kreislaufversagen. Herrmann verbringt eine schlaflose erste Nacht in einem zu kurzen Bett. Es hämmert im Kopf. Er will wissen, wo seine Tiere sind. Er fürchtet, dass er «versorgt» sei, nicht mehr rauskomme.

«Ich hatte ein falsches Bild, es war ganz anders, der Klinik kann man nichts vorwerfen», sagt Herrmann rückblickend. Am ersten Morgen bringen sie ihm seine gewaschenen Kleider. Nun lässt sich der ruhigere Puls messen. Sie diagnostizieren eine beginnende Zuckerkrankheit. Die hat ihn im Januar zurückgeworfen. Sie reden mit ihm über seine Lage: eine Ärztin, freundliche Betreuerinnen, die zwei Köpfe kleiner sind als Herrmann. Das Personal habe sich gewundert, dass einer wegen Dreck im Stall eingeliefert werde.

Herrmann macht zum allerersten Mal in seinem Einzelkämpferleben Ferien. In der Klinik ist er beliebt, wird mit seinen Bärenkräften geschätzt bei der Gartenarbeit.

Status «tot» in Datenbank

In Madiswil versuchen die Bauern derweil, herauszufinden, was mit Herrmanns Kühen geschieht. Auf die Beschwerde, die sie am 5.März an die Volkswirtschaftsdirektion abschicken, bekommen sie keine Antwort. Das Schicksal der Kühe ist da schon besiegelt. Peter Oberli und Ulrich Graber rufen Tierhändler an, verfolgen die Spur der Tiere. Auf einen Leserbrief von Susanne Kohler im «Schweizer Bauern» meldet sich ein Metzger aus einem Zürcher Schlachthof: Tiere aus Madiswil seien geschlachtet worden, auch hochträchtige.

In der Tierdatenbank stossen sie bei einigen von Herrmanns Tieren auf den Status «tot». Sie gleichen die Daten mit Herrmanns Besamungsordner und Tierarzt Staubs Trächtigkeitsuntersuchung ab und errechnen, dass tatsächlich hochträchtige Kühe geschlachtet worden sind, darunter solche im neunten Monat. Eine Vorschrift, bis zu welchem Trächtigkeitsmonat Kühe geschlachtet werden dürfen, gibt es nicht. Aber so etwas wie eine ethische Grenze. Bei acht Monaten ist sie überschritten.

Gemeindepräsident Fritz Sigrist eröffnet Roger Herrmann Ende Woche, dass viele seiner Tiere geschlachtet worden sind. Zum Glück erfährt es Herrmann in der Klinik in Münsingen, wo er reden kann und wo man ihm zuhört.

Die Herde des Vaters

Die Behörde rechnet so: Es ist günstiger, unverkäufliche Tiere zu schlachten, statt sie teuer unterbringen zu lassen. Roger Herrmann rechnet anders: Er hat die Hälfte seines einzigen Besitzes verloren. Bis zu 4000 Franken beträgt der Nutzwert einer Kuh. Für eine geschlachtete Kuh gibt es noch etwa 1500 Franken. Das ist Herrmanns Restkapital. Geraubt wurde ihm auch Zeit. Fünf Jahre habe der Aufbau der Herde etwa gedauert. Er habe fortgesetzt, was sein Vater begonnen habe.

Der Vater ist früh an Krebs gestorben. 2003 übernimmt Roger Herrmann als Drittjüngster den Hof. Mit neun Geschwistern, vier Brüdern und fünf Schwestern, ist er im Wyssbach aufgewachsen. Die kinderreiche Familie am Waldrand oben lebt für sich, gilt im Dorf unten als rebellisch. Sie hat nicht immer die beste Ordnung. Roger Herrmann stört das nicht weiter, er kennt nichts anderes.

Ein Geschwister nach dem anderen zieht weg. Die Mutter stirbt 2005. Die Buchhaltung, die sie für den Sohn erledigt hat, bleibt jetzt öfter liegen. «Die Geschwister gingen nicht aufs Mal, ich habe mich ans Alleinsein gewöhnen können», sagt Herrmann. Für ihn sei es immer klar gewesen, dass er bleibe und den Hof übernehme.

Decke fällt auf den Kopf

Als er nach fünf Wochen aus Münsingen wieder in sein Haus zurückkehrt, ist kein Mensch und bis auf den Hund und eine Katze kein Tier mehr da. Mit seiner Einwilligung hat die Gemeindefürsorge zusammen mit seinem Bruder die Wohnung geräumt und teilweise neu möbliert. Roger Herrmann kommt in ein fremdes Schlafzimmer. Der Kühlschrank ist leer. Er kann nicht schlafen und zappt sich durchs TV-Programm. «Mir ging der Laden runter», erzählt er.

In Münsingen haben sie ihn gewarnt, zu Hause werde ihm vielleicht die Decke auf den Kopf fallen, er könne jederzeit wiederkommen. Nach der zweiten Nacht fährt Roger Herrmann von seinem toten Hof, auf dem er nichts zu tun hat, wieder zurück nach Münsingen. Er bleibt noch einmal einige Tage dort und nimmt in Kauf, dass sie in Madiswil sagen: Jetzt spinnt er, jetzt bleibt er freiwillig.

Unsicherer Neustart

Nun ist er zurück auf seinem Hof. Hütet gegen Kostgeld die Kühe anderer. Trifft sich mit Tierarzt Staub und den Nachbarbauern, die ihm beim Neustart helfen. Er steht nicht immer stabil in seinem zweiten Leben. Mal hat er Geduld und hört zu. Mal wird er laut. Vor allem wenn er sich ärgert, dass ihm die Gemeinde, in der jetzt viele Verständnis hätten für ihn, nicht früher geholfen habe.

«Er wollte sich ja nie helfen lassen, er hat ja nichts gesagt, und woher soll man denn wissen, wie es bei ihm aussieht?», wehrt sich Gemeindepräsident Sigrist. Auch er findet, man hätte anders vorgehen und Herrmanns gesunde Tiere nicht schlachten sollen. Und die Solidarität der Bauern mit Herrmann sei gut. Aber es sei schade, dass sie nicht schon vorher funktioniert habe.

Er habe um Hilfe gefragt, kürzlich, widerspricht Herrmann verärgert. Weil er in den Militärdienst aufgeboten worden sei. Da habe ihm der Gemeindepräsident Sigrist gesagt, er müsse halt selber schauen. Aber womit solle er denn den Betriebshelfer zahlen, der ihn vertreten würde?

Vergangene Bauernwelt

«Wenn man nichts tut, heisst es, man schaue nicht hin und nehme seine Verantwortung nicht wahr; und wenn man hinschaut, heisst es, man mische sich ein», fasst Sigrist die vertrackte Lehre aus der Geschichte mit verwahrlosten Höfen zusammen. Was auch immer die Gemeinde getan habe, sie habe sich Vorwürfe eingehandelt: von Bauern, Tierschützern, Verbänden, übergeordneten Dienststellen. Niemand frage, wie viele Überstunden die Gemeinde im Fall Herrmann geleistet habe, was sie alles versucht habe und wie sie durch den Fall über Tage lahmgelegt gewesen sei.

Für Verena Flückiger gibt es zwei Roger Herrmanns, einen lauten und einen sanften mit einem weichen Kern, der sicher kein Tierquäler sei. Der laute lasse sich lieber nichts sagen, vor allem nicht von der Behörde und nicht bei Schwierigkeiten. «Ich weiss, dass ich für ihn ein rotes Tuch bin, auf mich will er nicht hören.» Sie sagt jetzt trotzdem, dass es in ihren Augen für Herrmann das Beste wäre, einem Nebenjob nachzugehen.

«Früher war das Bauernleben einfacher», sinniert Bäuerin Flückiger. In kaum einem Beruf habe man sich derart als sein eigener Herr und Meister fühlen können, der niemandem verpflichtet sei. Aber heute, in der komplizierten Welt der Kontrollen und Pflichten, müsse sich auch ein Bauer dreinreden lassen, da sei auch ein Bauer eigentlich ein Angestellter. Mit dieser Einsicht, sagt Flückiger, habe Roger Herrmann Mühe.

Glückliche Wende

Über den Sommer hat Herrmann diverse Nebenjobs erledigt. Trotzdem kann er sich nichts anderes vorstellen, als Bauer zu sein. Seit dem 1.November darf er wieder eigene Tiere haben, aber vorderhand nur provisorisch. Er wartet, ob er mit dem Neuaufbau einer Herde beginnen kann. Er wartet nicht gerne. Er ist ungeduldig. «Es war kein gutes Jahr», sagt er.

Vielleicht brauchte es den heftigen Februartag und den Klinikaufenthalt, damit Herrmanns tragische Geschichte eine glückliche Wende nahm und die Solidarität der Nachbarn überhaupt erst entstand. «Aber so, wie es abgelaufen ist, hätte es dennoch nie passieren dürfen», widerspricht Peter Oberli, «es wird ja einer noch Fehler machen dürfen, ohne dass ihm gleich die ganze Existenz zerstört wird.»

Noch ist Roger Herrmann nicht gerettet. Wenn es ihm nicht gut geht, weiss er jetzt immerhin, dass man reden kann, dass es einen Ausgang gibt aus dem Kampf und dem Zorn. Am Sonntag fährt er ab und zu nach Münsingen in die Klinik, zu Besuch. Gegen die Zuckerkrankheit erhält er Medikamente. Er hat den Lehrfahrausweis für Autos erhalten. Wenn er laut geworden ist, entschuldigt er sich später manchmal, hat Susanne Kohler erlebt.

Es wäre einfacher, auf dem Hof nicht alles allein machen zu müssen. Herrmann weiss das. Er habe von dieser TV-Sendung gehört, die er nicht empfangen könne: «Bauer, ledig, sucht». Eine Frau nämlich. Sucht er? Ein Lächeln erhellt Roger Herrmanns Gesicht: «Dazu sage ich jetzt nichts.»

Das Spendenkonto: PK 49-288-8, Vermerk: Zu Gunsten Roger Herrmann Anwaltskosten. «Zeitpunkt» vom nächsten Samstag, 29. November: Wie ein Betriebshelfer miterlebte, wie Bauern der Hof über den Kopf wuchs. (Berner Zeitung)

Erstellt: 24.11.2008, 10:23 Uhr

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