Krise im Sozialdienst

Innerhalb des ­Sozialdienstes Region Trachselwald brodelt es. Mitarbeitende ­beklagen sich öffentlich über den Leiter und fühlen sich vom Verbandsrat nicht ernst genommen.

Sandra Lambroia Groux, Präsidentin des Verbandsrats und Gesamtleiter Roland Arni.

Sandra Lambroia Groux, Präsidentin des Verbandsrats und Gesamtleiter Roland Arni. Bild: Thomas Peter / zvg

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Es klingt nach einem Hilfeschrei. Die Mitarbeitenden scheinen das Arbeitsklima im Sozialdienst Region Trachselwald (SRT) kaum mehr auszuhalten. Wie sonst lässt sich erklären, dass sich die Belegschaft der Sozialarbeiterinnen an die Präsidenten der angeschlossenen Gemeinden, an das Regierungsstatthalteramt und nun auch an die Medien wendet?

Es ist ein Dossier ohne Absender, das Anfang Woche per Post zugestellt wurde. Darin befindet sich erstens ein anonymer Brief. Zweitens ein Schreiben an das Regierungsstatthalteramt Emmental, das ohne Unterschriften zwar, jedoch mit «Belegschaft SRT» gezeichnet ist.

Drittens ­E-Mails der Verbandsratspräsidentin an die Belegschaft und viertens ein Brief an alle Mit­glieder des Verbandsrats und an den Gesamtleiter, versehen mit 17 Unterschriften.

Kontrollen und Drohungen

Es sind zum Teil schwere Vorwürfe, welche die «Belegschaft» in den Briefen erhebt. Und sie richten sich fast alle nur gegen eine Person: Roland Arni, seit ­November Gesamtleiter des SRT.

Das Arbeitsklima sei zunehmend geprägt von Misstrauen, Überwachung, Kontrollen, ja gar Einschüchterungen und Drohungen, heisst es etwa. Mitarbeitende würden während Teamsitzungen fachlich diskreditiert und blossgestellt. Andere seien als Lügner bezeichnet worden.

«Es herrscht Chaos»

Der Brief an das Regierungsstatthalteramt ist auf den 5. Juni datiert. Jener an die Mitglieder des Verbandsrates wurde Mitte Mai verfasst, nachdem offenbar bereits erste Gespräche stattgefunden hatten.

Darin steht etwa, dass sich die Mitarbeitenden fürchten, ihren Job zu verlieren. Die Leitung halte Strukturen und ­Abläufe nicht ein. Es herrsche Chaos. Einige Mitarbeitende seien bereits körperlich und seelisch beeinträchtigt. Die Unterschreibenden fühlen sich zudem vom Verbandsrat nicht ernst genommen.

Die Bedenken bezüglich ­Gesamtleiter Roland Arni würden als irrelevant angesehen. Weiter heisst es, dass mehrere Versuche, dem Geschäftsleiter die Situation im Gespräch darzulegen, nicht gefruchtet hätten.

Im anonymen Schreiben an diese Zeitung wird zudem die Befürchtung geäussert, dass den Gemeinden, also den Steuerzahlern, ein grosses finanzielles Fiasko drohe, wenn der führungsschwache Verbandsrat die Situation weiterhin verkenne.

Coaching vorgesehen

Die beigelegten E-Mails sind auf den 22. Mai beziehungsweise den 1. Juni datiert und sind von der Verbandspräsidentin Sandra Lambroia unterzeichnet. Darin ist zu lesen, dass die Sorgen der Belegschaft sehr wohl ernst genommen und Gespräche gesucht würden. Der Verbandsrat hat ­offenbar vorgeschlagen, die Unstimmigkeiten mit einem Coach und Mediator in den Griff zu bekommen. Eine erste Sitzung ist für Mitte August vorgesehen. Offenbar ist das für die Belegschaft aber zu spät.

Gesamtleiter Roland Arni will sich nicht selber zu den Vorwürfen äussern. Er verweist auf San­dra Lambroia als Ansprechperson. Sie bestätigt die schwierige Situation innerhalb des SRT. Das habe ihrer Meinung nach aber vor allem mit dem starken Wandel zu tun, in dem sich der Sozialdienst befinde.

«Das Problem ist systemisch und nicht personell.»Sandra Lambroia

«Das Problem ist systemisch, nicht personell.» Die letzten Jahre seien turbulent gewesen. Sie spricht etwa vom stetig wachsenden Spardruck, von immer neuen Herausforderungen, die der SRT zu bewältigen habe.

So seien schon nur durch das neue Kindes- und Erwachsenenschutzgesetz rund ein Dutzend neue Aufgaben auf den SRT zu­gekommen. Der vom Kanton bestimmte Stellenetat hinke aber ständig hinterher. «Es geht alles unglaublich schnell, und der Druck auf alle ist gross», sagt Lambroia.

Dazu kommt, dass auf Anfang 2016 der Vorstand mit 14 Mitgliedern auf 7 verkleinert wurde, was zu einer Professionalisierung führte, für die Beteiligten aber auch mehr Aufwand bedeutete.

Belastend seien zudem die sonstigen personellen Veränderungen. Im Sommer 2016 etwa ist der Finanzverwalter des Verbandsrats unter Protest zurückgetreten. Dann hat der langjährige Gesamtleiter, das Gründungsmitglied Thomas Eggler, den SRT verlassen. Roland Arni ist sein Nachfolger.

Es brauche immer Zeit, sich an eine neue Person und einen neuen Führungsstil zu gewöhnen, sagt Lambroia. Man sei nun bemüht, Tempo herauszunehmen, indem etwa betriebliche Abläufe nicht gleich wieder verändert würden. Über einen Coach werde zudem das Gespräch mit den Mitarbeitenden gesucht.

Sitzung einberufen

Auch die dreizehn angeschlossenen Gemeinden aus dem Emmental und dem Oberaargau haben die Briefe erhalten. Weder in Huttwil noch in Affoltern oder in Dürrenroth wollen sich die Gemeindepräsidenten derzeit zu der Angelegenheit äussern. Allfällige Massnahmen würden erst dann ins Auge gefasst werden, wenn sich beide Seiten zu der ­Sache geäussert hätten, so der allgemeine Tenor.

Das sagt auch Regierungsstatthalterin Claudia Rindlisbacher. Es sei ihr noch nicht ganz klar, wer genau hinter dem Brief stehe, weil die Unterschriften fehlten. Ob es sich wirklich um die ganze Belegschaft handle, müsse zuerst eruiert werden.

Um beide Sichtweisen zu der Sache zu erhalten, finde bereits an diesem Samstag eine Sitzung mit den Verbands­räten und den Gemeindepräsidenten statt. Erst nachher könne entschieden werden, wie es weitergehe. (Berner Zeitung)

Erstellt: 14.06.2018, 06:15 Uhr

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