Kontrolle im Huttu-Schnägg eskaliert – Passagiere kriegen Pfefferspray ab

Langenthal

Wildwestszenen in der S-Bahn nach Langenthal: Vier Kontrolleure der BLS setzen gegen einen Mann ohne Billett Pfeffergel ein. Brennende Augen und Kopfschmerzen sind die Folge – auch bei unbeteiligten Passagieren.

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Bei einer Billettkontrolle zwischen Huttwil und Langenthal ist es am Montag zu Handgreiflichkeiten zwischen vier zivilen Kontrolleuren und einem Fahrgast gekommen. Mehrere Passagiere haben die Geschehnisse im BLS-Zug hautnah miterlebt. «Das war beängstigend», erzählt einer der Augenzeugen. «Ich bin masslos enttäuscht von der BLS und deren Mitarbeiter. Seither ist es mir richtig zuwider, in deren Züge einzusteigen.»

Eine detaillierte Schilderung der Ereignisse samt Fotos hat der Augenzeuge aus Huttwil, der anonym bleiben will, gestern dieser Zeitung zukommen lassen. Die BLS bestätigt den Fall grundsätzlich, will aber keine detaillierten Aussagen dazu machen. Zuerst müsse eine interne Untersuchung zeigen, ob der Eingriff des Zugpersonals verhältnismässig gewesen sei. Bis es so weit ist, könnten «mehrere Monate» vergehen, heisst es in der BLS-Mitteilung.

Karte nicht abgestempelt

Eskaliert ist die Situation kurz nach der Abfahrt um 16.16 Uhr in Huttwil: Die zivilen Kontrolleure (drei Männer und eine Frau) bitten einen etwa 50-Jährigen darum, sein Billett zu zeigen. Der Mann sei offensichtlich angetrunken gewesen, habe sich aber normal verhalten und zu keinem Zeitpunkt Gewalt angewendet, erzählt der Augenzeuge.

Statt einer gültigen Fahrkarte zückt der Mann eine Mehrfahrtenkarte aus seiner Tasche und erklärt den Kontrolleuren, er habe vergessen, diese zu entwerten. Ausweisen könne er sich nicht, sein Portemonnaie sei nämlich verloren gegangen.

Für die BLS ein klarer Fall: 80 Franken Zuschlag werden fällig. Wer nicht genug Bares in der Tasche hat, muss 100 Franken bezahlen. Über diese Konsequenzen informieren die Kontrolleure den Schwarzfahrer aber offenbar nicht. Einer habe seinen Schreibblock gezückt und damit begonnen die Personalien aufzunehmen. «Warum? Das war kein Thema», wundert sich der Augenzeuge.

Pfeffergel trifft Passagiere

Hitzige Diskussionen und Telefongespräche folgen. Mehrmals bittet der Schwarzfahrer die Kontrolleure, sie sollten ihm seine Mehrfahrtenkarte zurückgeben. Ohne Erfolg. Bei der Station Langenthal Süd wird es ihm zu bunt. Er erklärt, er wolle jetzt nach Hause und müsse hier aussteigen. Doch die Kontrolleure stellen sich quer. Mit vereinten Kräften halten sie den Mann fest, schaffen es aber nicht, ihn daran zu hindern, bis zur offenen Tür zu gelangen. Dort zückt einer der BLS-Angestellten eine Dose Pfeffergel und spritzt ihm eine Ladung mitten ins Gesicht. Dabei trifft er die Abtrennscheibe zwischen dem Einstiegsbereich und den Sitzen, wo sich weitere Passagiere aufhalten und einen Teil davon abbekommen. Kopfschmerzen und brennende Augen seien bei ihm die Folge gewesen, schreibt der Augenzeuge.

Keine Entschuldigung der BLS

Draussen wird der Schwarzfahrer zu Boden gedrückt und – als er aufstehen will – mit einer weiteren Ladung Pfeffergel eingedeckt. «Obwohl er zu diesem Zeitpunkt schon nichts mehr sehen konnte», so der Augenzeuge. Auf eine Entschuldigung wegen des aus seiner Sicht «unverhältnismässigen Einsatzes» wartet er bis heute vergebens. Noch am Montagabend habe er die Kontrolleure auf der Strecke Langenthal–Huttwil wieder getroffen und auf den Vorfall angesprochen. «Sofort war ich umringt von mehreren Personen. Ich kam mir vor, als hätte ich etwas verbrochen.»

Per Mail liess die BLS gestern ausrichten, man bedaure, «wenn bei der erwähnten Kontrolle nicht beteiligte Fahrgäste gestört wurden oder gar zu Schaden gekommen sind». In der Sache gibt sich das Unternehmen aber kompromisslos: «Beim vorliegenden Fall handelt es sich um ein Offizialdelikt. Er wird von der BLS zur Anzeige gebracht und gerichtlich beurteilt.»

Berner Zeitung

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