Jetzt sind sie froh, steht die «Hütte» noch

Rüderswil

Was haben sie doch gestritten: Als es darum ging, ob im Gemeindehaus Rüderswil Wohnungen eingebaut werden sollen, kochten die Emotionen hoch. Wenigstens teilweise gibt die Zeit den Gegnern nun recht.

Das Volk wird entscheiden, ob das erste Obergeschoss des Gemeindehauses Rüderswil zu Schulraum umfunktioniert werden soll.

Das Volk wird entscheiden, ob das erste Obergeschoss des Gemeindehauses Rüderswil zu Schulraum umfunktioniert werden soll.

(Bild: Thomas Peter)

Die Geschichte hätte auch ganz anders ausgehen können für das inzwischen 118-jährige Haus. Vor zehn Jahren fiel den Rüderswiler Behörden auf, dass das Gebäude «etwas nötig» habe, wie der damalige Gemeinderat und spätere Gemeindepräsident Jürg Ro­thenbühler dem Volk mitteilte.

Das ursprüngliche Schulhaus, das im Laufe der Zeit zum Gemeindehaus wurde, war alt und sanierungsbedüftig geworden. Noch bevor entschieden war, ob Rüderswil mit Lauperswil fusioniere und die Verwaltung in Zollbrück zentralisiert werden würde, machte sich der Rat Gedanken über dessen Sanierung. Zwei Jahre später, als längst klar war, dass die Lauperswiler nicht mit den Rüderswilern zusammenspannen wollen, präsentierte Rothenbühler das Sanierungskonzept.

Im Untergeschoss sollte die Kochschule Platz finden, und weitere Schulräume waren geplant. Dann hatte man vor, im ­ersten und zweiten Obergeschoss insgesamt fünf Wohnungen einzubauen. In einer vierten und letzten Etappe sollten im Erdgeschoss die Räume der Gemeindeverwaltung saniert werden. Für das Ganze rechnete der Rat mit einem Kredit von gut 4,8 Millionen Franken.

«Gescheiter abreissen»

Die Pläne stiessen auf Kritik. Es gab Bürger, die fanden, es wäre gescheiter, «die Hütte» gleich ­abzureissen und an ihrer Stelle einen «zweckmässigen Neubau» zu erstellen. Doch das mächtige Haus mitten im national geschützten Rüderswiler Ortsbild liess sich nicht ohne weiteres wegputzen.

Im kantonalen Bauinventar ist es als erhaltenswert eingestuft. Ein Abriss hätte mit einer «unverhältnismässigen Sanierung» begründet und der Neubau wieder gleich gross werden müssen. Deshalb war für die ­Exekutive klar, dass das Gemeindehaus stehen bleibt.

Immerhin brachte sie aber zwei Sanierungsvarianten zur Abstimmung: Die eine beinhaltete nach wie vor den Einbau eines Lifts und den Bau neuer Wohnungen, die andere hätte sich auf die nötigsten Massnahmen zum Erhalt des Hauses beschränkt. Sie hätte gut eine Million weniger gekostet. Nach einem heftig geführten Abstimmungskampf, in dem auch ein anonymes Flugblatt eine Rolle spielte, sagten die Bürger aber mit 404 zu 318 Stimmen Ja zur teureren Sanierungs- und Ausbauvariante.

«Wirklich glücklich» sei er, sagte Jürg Rothenbühler nach der Abstimmung 2010. Inzwischen war er Gemeindepräsident geworden. Obwohl die Baukommission den Umbau im März 2011 an die Hand nahm und es keine Einsprachen gab gegen das Projekt, sollte Rothenbühler in seiner Karriere als Gemeindeoberhaupt noch einmal unglücklich werden. Wieder spielte das Gemeindehaus dabei eine Rolle.

Damals nämlich, als der Gemeinderat beim Schulhaus Than oberhalb Zollbrück einen Anbau realisieren wollte, um neuen Schulraum zu schaffen. Die gleichen Bürger, die schon an vorderster Front gegen die Sanierung des Gemeindehauses gekämpft hatten, wehrten sich nun auch gegen diesen Anbau.

Gemäss ihrem Flugblatt warben sie unter anderem für ein Nein, damit die Chance entstehe, beim Gemeindehaus noch einmal «zwischen den Interessen der öffentlichen Hand (Bau von Schulraum) und politischen Fehlentscheiden (Schaffung von Wohnraum durch die Gemeinde) abzuwägen». Aus dem Anbau im Than wurde dann tatsächlich nichts, diemal folgte das Volk dem Komitee und sagte Nein. Rothenbühler musste eine Denkpause einlegen.

Neuer Präsident, neue Lage

Der Gemeinderat entschied dann, im ersten Obergeschoss, wo zwei Wohnungen geplant waren, vorerst bloss stützenfreie Räume zu realisieren, die eine ­flexible Nutzung ermöglichen würden. Dienstag nun teilte die Exekutive, die inzwischen von einem anderen Rothenbühler, von Roland, geleitet wird, mit, dass es wohl genau so herauskommt, wie es sich das Komitee seinerzeit erhofft hatte: «Der Gemeinderat Rüderswil will aufgrund der engen Platzverhältnisse im Schulhaus Rüderswil das erste Obergeschoss des Gemeindehauses in Schulraum umnutzen.» Darüber wird die Gemeindeversammlung im Dezember abstimmen.

Freie Besichtigung

Die Gemeindeverwaltung, die seit letztem Sommer im Schulhaus Niederbach zu Hause ist, wird die neuen Räume auf den 1. November beziehen. Am Samstag steht das renovierte Haus, das einige lieber abgerissen hätten, der Bevölkerung zur freien Besichtigung offen.

Tag der offenen Tür: Mitglieder der Baukommission beantworten im Gemeindehaus Rüderswil Fragen zum Umbau und zur Sanierung. Zu jeder vollen Stunde finden Führungen statt, die erste um 10 Uhr, die letzte um 15 Uhr.

Berner Zeitung

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