Ist es die Rache der Nebenfrau?

Das Regionalgericht Emmental-Oberaargau beschäftigt sich derzeit mit der Frage, ob ein Geschäftsmann aus dem Libanon die Töchter seiner zweiten Frau sexuell belästigt hat. Die Aussagen gehen diametral auseinander.

Hat ein Geschäftsmann aus dem Libanon die Töchter seiner zweiten Frau sexuell belästigt? Mit dieser Frage beschäftigt sich derzeit das Regionalgericht Emmental-Oberaargau (Archivbild).

Hat ein Geschäftsmann aus dem Libanon die Töchter seiner zweiten Frau sexuell belästigt? Mit dieser Frage beschäftigt sich derzeit das Regionalgericht Emmental-Oberaargau (Archivbild). Bild: Keystone

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«Das darfst du niemandem sagen.» So steht es in der Anklageschrift gegen einen 51-jährigen Geschäftsmann aus dem Libanon, der sich derzeit vor dem ­Regionalgericht Emmental-Oberaargau in Burgdorf verantworten muss.

Der Satz ist eine Aussage einer der beiden Schwestern, die der in der Autobranche tätige Geschäftsmann gemäss Anklageschrift sexuell belästigt haben soll. Dem Beschuldigten werden von der Staatsanwaltschaft gleich mehrere Delikte vorgeworfen: orale Befriedigung, mehrfaches Berühren der Brüste, Onanieren, Küssen, Pornografie und verbale sexuelle Belästigung.

Begangen in Hindelbank, Ostermundigen, Moosseedorf und anderswo. Dies alles in den Jahren 2012 bis 2015. Zu Beginn der mutmasslichen Taten waren die beiden Schwestern 11- und 13-jährig.Die Verhandlungen am Gericht erwiesen sich als ziemlich zäh und aufwendig.

Zum Schutz der Betroffenen fand die Einver­nahme der beiden heute knapp 16- und 18-jährigen Schwestern unter Ausschluss der Öffentlichkeit und in einem Fall mittels Videobeleg statt. Vom dreiköpfigen Gericht als Zeugin befragt wurde ebenfalls die 43-jährige Mutter der beiden Kinder.

Die aus Portugal stammende Frau ist vom Vater ihrer beiden Töchter geschieden und war mit dem Beschuldigten nach muslimischem Recht verheiratet. Er war also gewissermassen der Stiefvater der beiden Mädchen.

Am Körper gezittert

«Er wurde auch Papi genannt», sagte die Zeugin vor Gericht. In lauter Sprache schilderte sie die Vorkommnisse und erklärte, wie sie sich fühlte, als sich ihr die Kinder nach langer Zeit offenbarten. «Ich habe am ganzen Körper gezittert und nie damit gerechnet», sagte sie.

Sie sei eigentlich immer glücklich gewesen, denn er sei guter Mann gewesen. Auf die Frage von Gerichtspräsidentin Nicole Fankhauser bestätigte die Mutter, dass die Beziehung mit dem Mann nicht zuletzt auch sexueller Natur gewesen sei. «Wir hatten täglich Sex, und wir haben auch Pornofilme geschaut», erklärte sie.

Und sie bestätigte auch, dass sie vom Beschuldigten Unterhaltszahlungen zum Beispiel für die Wohnungsmiete gefordert hatte, nachdem er sich von ihr getrennt hatte. Sie zeigte sich in der Befragung ebenso überzeugt, dass ihre Töchter «nicht lügen».

«Stimmt nicht»

Ganz anders schilderte der Mann das ihm Vorgeworfene. «Das stimmt alles nicht», sagte er mehrfach und wirkte dabei ruhig. Er habe die Kinder gern gehabt und sei nicht mit ihnen allein ­gewesen. Allerdings erwies sich das sprachliche Verständnis zwischen ihm und den Fragestellern nicht immer als ganz einfach. So mussten die Richter einige Fragen mehrfach wiederhohlen.

Dass das Verhältnis zur Mutter der beiden Mädchen vorab sexueller Natur war, stellte der Geschäftsmann nicht in Abrede. Von täglichem Sex wollte er indes nichts wissen: «Ich bin schliesslich keine Maschine», sagte er. Zudem seien die Küsse mit den Kindern reine Begrüssungsküsse gewesen, wie es in der musli­mischen Kultur üblich sei.

Der Mann bestätigte auch, dass er seit 27 Jahren mit einer anderen Frau, ebenfalls nach muslimischem Recht, verheiratet ist und zwei Kinder hat. Da er sie nicht verletzen wolle, wisse sie nichts von seinem aktuellen Gerichtstermin.

Der Beschuldigte bezeichnete die Vorwürfe als Racheakt seitens seiner Nebenfrau, nachdem er gegenüber ihr auf Distanz gegangen sei und Mutter und Töchter nicht mehr finanziell unterstützte.

Zumal er während einiger Jahre unter anderem für Wohnungsmiete oder gemeinsame Ferien aufgekommen sei. Zudem habe er der Mutter für 80 000 Franken ein Blumengeschäft finanziert, um ihr die Selbstständigkeit zu ermöglichen.

Was allerdings nicht funktionierte. Im Weiteren habe die Mutter von ihm 500 000 Franken gefordert, damit sie sich nach der besagten Offenbarung der Töchter nicht bei der Polizei melde. «Was würden Sie machen, wenn Sie nicht mehr unterstützt werden?», fragte der Beschuldigte in die Runde.

Überzeugter Staatsanwalt

«Wir haben es hier mit einem klassischen Sexualdelikt zu tun», zeigte sich der Staatsanwalt in seinem Plädoyer überzeugt. Und weiter: «Die Aussagen der Kinder sind glaubwürdig und nicht auf einem Lügengebilde aufgebaut.»

Er forderte für den Beschuldigten eine Freiheitsstrafe von 33 Monaten. Unterstützt wurde er dabei von der Prozessbeiständin der beiden Mädchen, die eine Genugtuung von über 25 000 Franken geltend machte.

Ganz anders sah es der Ver­teidiger des Beschuldigten. «Ich zweifle an der Glaubwürdigkeit der Betroffenen, sehr vieles ist unpräzise», hielt er fest und plädierte auf Freispruch in allen Punkten. Das Regionalgericht entscheidet am Donnerstag. (Berner Zeitung)

Erstellt: 11.10.2017, 16:34 Uhr

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