In die Therapie statt ins Gefängnis

Burgdorf

Um ein Haar hätte er seine Ex-Freundin getötet. Er stellte ihr nach und schlug sie. Doch hinter Gitter muss der Mann nicht.

Johannes Hofstetter

Von einem «Beziehungsdrama» sprach Evelyne Halder, die Präsidentin des Kreisgerichts Burgdorf, als sie gestern Abend das Urteil über einen Schweizer sprach. Der Mann habe nicht verwinden können, dass seine Ex-Freundin nichts mehr von ihm wissen wollte. «Aus purem Egoismus» habe er sie immer wieder genötigt, ihm zuzuhören und mit ihm zu reden.

Brutale Methoden

Wenn sie nicht spurte, schlug der Kampfsportler zu. Nach einer dieser Attacken war die Frau eine Woche lang arbeitsunfähig. Einmal hätte er sie fast erwürgt. Er sperrte sie in seiner Wohnung ein und stellte ihr monatelang nach, bis sie, mit den Nerven am Ende, den Arbeitsplatz wechselte. Er lauerte ihr vor dem Wohnzimmerfenster auf und stand auf einmal im Türrahmen des Solariums, in dem sie Entspannung gesucht hatte. An Flucht war für die Frau angesichts der imposanten Statur des Mannes nicht zu denken.

Wegen Gefährdung des Lebens, mehrfacher einfacher Körperverletzung, sexueller Nötigung, Freiheitsberaubung, Gewalt und Drohungen gegen Beamte und einer Reihe weiterer Delikte verurteilte das Gericht den Mann zu einer Freiheitsstrafe von 2 Jahren, einer Geldstrafe von 500 Franken und einer Übertretungsbusse von 2200 Franken. Der Mann muss der Frau zudem 2000 Franken Schadenersatz und 6000 Franken Genugtuung zahlen. Dazu kommen die Verfahrenskosten von knapp 19'000 Franken.

Frau trägt gemäss dem Täter Mitschuld

Halder sagte, dass die Frau «einen nicht unwesentlichen Anteil» an ihrer misslichen Lage gehabt habe. Immerhin habe sie dem Mann nie klar zu verstehen gegeben, dass sie nichts mehr von ihm wissen wolle. Stattdessen habe sie seine SMS beantwortet und ihn in ihre Wohnung gelassen. Damit habe sie Signale ausgesendet, die der Verurteilte immer wieder falsch – zu seinen Gunsten – interpretierte.

Während der Einvernahmen war die Öffentlichkeit ausgeschlossen. Bei der öffentlichen Urteilsverkündung sagte Halder, der Angeklagte habe sich für «die brutalen und unbeherrschten Übergriffe» mit seinem übermässigem Alkoholkonsum zu rechtfertigen versucht. Nur – auf seine Entscheidungsfähigkeit habe der Alkohol keinen Einfluss gehabt: «Sie wussten immer, was Sie taten.»

Hinter Gitter muss der Mann trotzdem nicht. Die Zuchthausstrafe wurde zugunsten einer stationären Therapie aufgehoben. Seit ein paar Wochen befindet sich der Schweizer in einer Suchtklinik. Und trinkt, wie er sagt, nur noch «kontrolliert» Alkohol.

Berner Zeitung

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