Langnau

Im Zweifel für den Teppichhändler

Langnau Mit einem «un­guten Gefühl» sprach das Regionalgericht einen Mann vom Vorwurf des versuchten Wuchers frei. Er wollte einem älteren Ehepaar Teppiche verkaufen.

Für das grösste Stück verlangte der Angeklagte die Summe von 23'000 Franken.

Für das grösste Stück verlangte der Angeklagte die Summe von 23'000 Franken. Bild: Max Spring

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Mit Wuchergeschichten muss sich das Regionalgericht Emmental-Oberaargau nur höchst selten befassen. «Der letzte solche Fall liegt wohl Jahrzehnte ­zurück», sagte Gerichtssekretär Richard Suter am Rande Verhandlung am Donnerstag.

Des Wuchers macht sich schuldig, «wer die Zwangslage, die Abhängigkeit, die Unerfahrenheit oder die Schwäche im Urteilsvermögen einer Person dadurch ausbeutet, dass er sich oder einem anderen für eine Leistung Vermögensvorteile gewähren oder versprechen lässt, die zur Leistung in einem offenbaren Missverhältnis stehen», heisst es im Strafgesetzbuch.

Vor Einzelrichterin Muriel Mallepell sass ein Mann, der diese Kriterien nach Ansicht der Staatsanwaltschaft erfüllte: Der 39-Jährige versuchte mit einem Komplizen vor zwei Jahren, einem Ehepaar aus Langnau an der Haustür angeblich hand­geknüpfte Seidenteppiche aus dem Orient zu verkaufen. Als ­Verhandlungsbasis für alle drei Teppiche nannten die Männer 35'000 Franken. Für das grösste Stück verlangten sie die Summe von 23'000 Franken.

«Wertloser Ramsch»

Das Duo konnte nicht ahnen, dass sich seine potenziellen Kunden mit Teppichen bestens auskannten. Nach ihren eigenen Aus­sagen erkannten die Senioren ­sofort, dass ihnen «wertloser Ramsch» angeboten wurde. «Um diese unseriösen Geschäftspraktiken zu entlarven», seien sie pro forma auf den Handel eingestiegen, gaben sie später zu Protokoll.

Daraufhin schlugen die Fremden den Eheleuten vor, mit ihnen nach Bern zu fahren, um das Geld auf der Bank abzuheben. Die Rentner baten die Männer ihrerseits darum, den teuersten Teppich übers Wochenende zur Ansicht behalten zu können, und stellten ihnen in Aussicht, die Ware am Montag bar zu bezahlen. Das akzeptierten die Herren. Als einer von ihnen zur vereinbarten Zeit erneut bei dem Paar klingelte, wurde er von der Polizei empfangen.

Die Staatsanwaltschaft bestrafte den Deutschen mit osteuropäischen Wurzeln wegen versuchten Wuchers und unbewilligter Erwerbstätigkeit mit einer bedingten Busse von 800 Franken. Dazu kamen Gebühren von 3000 Franken und Auslagen von gut 600 Franken. Von seinem Partner fehlt jede Spur.

Der Beschuldigte schwieg

Der Gebüsste zog den Fall weiter ans Regionalgericht Emmental-Oberaargau. Die erste Verhandlung im Februar brach Einzelrichterin Muriel Mallepell nach der Zeugenbefragung ab, weil der Verteidiger des Angeklagten noch anderweitig engagiert war (wir berichteten).

Auf Anraten seines Verteidigers verweigerte der Beschuldigte am Donnerstag praktisch jede Aussage. Der Anwalt wies in seinem Plä­doyer darauf hin, dass weder von unbewilligter Erwerbstätigkeit noch von Wucher die Rede sein könne.

Sein im Handelsregister eingetragener Mandant sei aufgrund einer Bewilligung «in guten Treuen» davon ausgegangen, in der Schweiz vorübergehend arbeiten zu dürfen. Weiter – oder vor allem – habe er nie vorgehabt, das Ehepaar über den Tisch zu ziehen.

Ein Sachverständiger sprach hingegen von einem handgeknüpften Kaschmirteppich aus Kunstseide.

Von der Verteidigung befragte Experten – «Fachmänner von untadeligem Ruf», wie der Anwalt anmerkte – hätten übereinstimmend bestätigt, dass es sich beim Corpus Delicti um einen hand­geknüpften Seidenteppich handle.

Ein Sachverständiger, den die Staatsanwaltschaft zurate gezogen hatte, sprach hingegen von einem handgeknüpften Kaschmirteppich aus Kunstseide mit einem Wert von gut 6000 Franken.

Sein Klient habe dem Paar so oder so «einen werthaltigen Teppich» angeboten, konstatierte der Verteidiger. Eine Zwangslage, Abhängigkeit, Unerfahrenheit oder Schwäche im Urteilsvermögen sei aufseiten der Beinahegeschädigten nicht erkennbar – im Gegenteil: Die Rentner hätten gemäss ihren eigenen Angaben von Anfang an gewusst, womit sie es zu hatten, und seien erwiesenermassen nie ernsthaft an einem Deal interessiert gewesen. Deshalb fordere er für seinen Klienten einen Freispruch in beiden Anklagepunkten.

Obwohl sie von seiner Unschuld «nicht überzeugt» war, entlastete die Richterin den Mann nach einer kurzen Bedenkpause von den Vorwürfen des Anklagebehörde. Die Kosten für das Verfahren und die Auslagen für den Verteidiger auferlegte sie dem Kanton Bern.

«Ein bisschen merkwürdig»

Über eine befristete Arbeitserlaubnis habe der Beschuldigte damals verfügt, konstatierte Muriel Mallepell in ihrer Urteilsbegründung. Und daran, dass er ­vorhatte, ein Wuchergeschäft abzuschliessen, bestünden «nicht zu überwindende Zweifel».

Bei diesem Geschäft sei zwar einiges ein bisschen sehr merkwürdig gelaufen, stellte sie weiter fest. Die gesetzlich definierten Wuchermerkmale seien aber nicht erfüllt. Aus den Akten gehe hervor, dass der Mann mit seinem Kollegen genau deshalb bei dem Ehepaar vorsprach, weil er gewusst habe, dass es schon anderswo Teppiche erstanden hatte. Folglich habe er kaum geplant, ahnungslose Leute hinters Licht zu führen, um ihnen Geld abzuknöpfen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 19.04.2018, 15:06 Uhr

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