Idiotikon wartet auf Publikation

Dürrenroth

Es wäre das erste Wörterbuch des Oberaargaus geworden: In den 70er-Jahren schrieb Gottfried Hess an einem Idiotikon zum Dialekt um Dürrenroth. Das Buch ist nie erschienen, die Fassung liegt noch immer in einem Ordner.

Ein reicher Sprachschatz: Rolf Steffen aus Dürrenroth zeigt die Sammlung von Mundart-Ausdrücken, die ihm Dichter Gottfried Hess vermacht hat. Das schwarzweisse Bild im Ordner zeigt Gottfried Hess mit dessen Frau.<p class='credit'>(Bild: Thomas Peter)</p>

Ein reicher Sprachschatz: Rolf Steffen aus Dürrenroth zeigt die Sammlung von Mundart-Ausdrücken, die ihm Dichter Gottfried Hess vermacht hat. Das schwarzweisse Bild im Ordner zeigt Gottfried Hess mit dessen Frau.

(Bild: Thomas Peter)

«Er hat auf eine sehr währschafte Art geschrieben, mit einem gewissen Schalk», erzählt Rolf Steffen. Vor ihm liegt ein Ordner gefüllt mit dünnem Schreibmaschinenpapier: Es ist das einzige Exemplar des Wörterbuchs von Gottfried Hess.

In den 70er-Jahren hatte Steffen den Berndeutschschriftsteller kennen gelernt. Gottfried Hess war damals beinahe achtzig Jahre alt. Er war lange in Zollikofen Lehrer gewesen. Daneben schrieb er Geschichten. «Ich bin durch eine Radiosendung auf ihn aufmerksam geworden», erzählt Rolf Steffen. Gottfried Hess war in Heimigen bei Dürrenroth aufgewachsen. Der Dialekt, den Steffen hier hörte, hatte für ihn etwas Urvertrautes. So schrieb Steffen dem Schriftsteller einen Brief und besuchte ihn schon bald in Zollikofen. «Er hat sich gefreut, dass da jemand von seinem Heimatort Dürrenroth mit ihm Kontakt aufnimmt», erinnert sich Rolf Steffen.

Der Wörtersammler

Eines Tages erzählte Gottfried Hess dem Besucher aus Dürrenroth von seinem letzten grossen Projekt. «Es sollte ein rotes Idiotikon werden», erzählt Steffen, ein Wörterbuch von Dürrenroth. Sein Leben lang hatte Gottfried Hess schon berndeutsche Ausdrücke auf handgeschriebenen Zetteln notiert und gesammelt. «Wenn er etwas hörte, schaute er in seinem Kasten nach, ob er dieses Zettelchen schon habe», erzählt Steffen. Doch der Wörtersammler wusste, dass nach seinem Tod wohl niemand etwas mit der Sammlung würde anfangen können.

111 Seiten in einem Ordner

So fing er an, seine Zettel auf seiner Schreibmaschine abzutippen. Ende September 1976 kamen die ersten 33 Bogen per Post zu Rolf Steffen: Die Buchstaben A bis F. «Was sagst du dazu?», fragte Gottfried Hess im Begleitbrief. Wieder zwei Monate später – und die letzten Blätter lagen im Briefkasten. 111 Seiten, mehrere tausend berndeutsche Ausdrücke und Redensarten. Steffen heftete alles in einen Ordner ab. Im Sommer des folgenden Jahres starb Gottfried Hess im Alter von 83 Jahren. Sein «Rotes Idiotikon», sein letztes Werk, ist nie erschienen.

Rolf Steffen, der ehemalige Bankleiter der Ersparniskasse Dürrenroth, blättert in der Schreibmaschinenfassung. «Ich habe es wirklich veröffentlichen wollen», sagt er. «Doch wusste ich auch, dass es eine grosse Aufgabe ist. Mehrere 100 Stunden müsste ich investieren.» Einige Anläufe hatte er genommen. «Es wäre eine systematische Fleissarbeit geworden.» Aber er sei kein Systematiker.

Von Greyerz und Bietenhard

Ein Jahr bevor Gottfried Hess starb, erschien das Berndeutsche Wörterbuch von Otto von Greyerz und Ruth Bietenhard. Es ist bis heute das umfangreichste Wörterbuch über das Berndeutsche. Doch konzentriert sich Bietenhard auf den Dialekt der Stadt Bern. Den Oberaargau und das Emmental klammert sie aus. Diese Mundarten seien zu verschieden, als dass sie alle hätte unterbringen können, befindet die Autorin. Bis heute gibt es also kein Wörterbuch für dieses Gebiet – ausser auf den dünnen Seiten in einem alten Ordner.

Berner Zeitung

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