«Hier ist Frieden»

Wer im Kuttelbad wirtet, muss die Abgeschiedenheit mögen. Jacqueline Feldkircher tut das seit drei Jahren. Im Frühling hört sie auf. Nicht, weil sie genug hätte, sondern weil das Geld nicht reicht.

Eigentlich will sie gar nicht weg: Jacqueline Feldkircher sieht sich dazu getrieben, weil die Einnahmen nicht ihre Altersvorsorge absichern.

Eigentlich will sie gar nicht weg: Jacqueline Feldkircher sieht sich dazu getrieben, weil die Einnahmen nicht ihre Altersvorsorge absichern. Bild: Thomas Peter

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Drinnen ist das Kuttelbad ein Gasthof, wie man ihn kennt. Rustikales Interieur, mit einem Tresen, der den Raum abtrennt, mit einem offenen Serviceregal, das von der Decke hängt, darin Napfgeist und andere Schnäpse, Holztische, Jassdecken. Draussen aber sind nur Bäume und Schnee und eine herrliche, friedliche schneebedeckte Stille.

Der Gasthof ist umringt von einem Kranz aus Wald. Der Blick geht nach ­Süden, hinüber zur Lüderenalp. Das Kuttelbad, 1060 Meter über Meer, ist ein Ort ab vom Lärm der Welt.Seit drei Jahren wirtet Jacqueline Feldkircher hier oben in der Abgeschiedenheit. Ende April zieht sie weiter. Aus einem ein­zigen Grund: «In meinem Alter will man nicht mehr nur von der Hand in den Mund leben», sagt die 49-Jährige, die sich an diesem Morgen gleich als Jacky vorstellt.

Somit kommt in der langen und von vielen Wechseln geprägte ­Geschichte des Kuttelbads ein weiteres Kapitel hinzu.

Denn eines ist klar: Wer hier oben wirtet, muss auch dafür gemacht sein, muss ein Leben in der Abgeschiedenheit wollen. Jetzt im Winter kommt man ohne Vierradantrieb hier kaum hinauf. Da kann es schon mal vorkommen, dass Lastwagen streiken und Lieferungen ausbleiben. Und während im Sommer die Beiz von Wanderern, Bikern und sonstigen Ausflugsgästen regelrecht überrannt wird, kommt jetzt noch höchstens eine Handvoll Menschen im Kuttelbad vorbei. Das Geld, das im Sommer verdient wird, muss über den Winter reichen.

Nur Gastronomin

Jacky Feldkircher ist dafür gemacht. Auch wenn sie das nicht von Anfang an wusste. Aufgewachsen im Walliser Rhonetal, wollte sie nie etwas anderes werden als Gastronomin. Ihre Mutter war Köchin, und die Tante führte eine Pension im Wallis. So hat Jacky Feldkircher eine Lehre zur Hotelfachangestellten gemacht, später noch Köchin gelernt, und irgendwann kam auch das Wirtepatent dazu.

Gut dreissig Jahre lang war sie in der «halben Schweiz» in verschiedenen Betrieben tätig, wie sie sagt. Zuletzt führte sie fünf Jahre lang mit ihrem Partner den Gasthof Kreuz in Hergiswil. Im November 2014 kam sie nach Wasen ins Kuttelbad.

Jacky Feldkircher sitzt am Tisch vor dem Tresen, zwischen den Händen eine grosse Tasse wärmenden Kaffee. Draussen funkelt die Sonne durch einen milchigen Himmel. Die Lüderenalp ist noch nicht zu sehen. «Es war ausgeschrieben, und ich habe mich einfach beworben», sagt sie. Als sie dann vor drei Jahren die Strasse hochgekommen sei, habe sie sofort gewusst, dass sie hier richtig sei. «Das Kuttelbad ist ein Bijou, aber mit Ecken und Kanten, so wie ich es mag», sagt sie.

Ein wohltuender Ausgleich

Es ist nicht so, dass Jacky Feldkircher sich hier oben von der Welt verstecken wollte. Dass sie bewusst die Abgeschiedenheit gesucht hätte. Es war ein Versuch. Und nach und nach hat die 49-Jährige gemerkt, dass ihr diese Ruhe hier oben richtig guttut, dass sie ein wohltuender Ausgleich ist zu den lauten Geräuschen da unten, zum Lärm der Gastrobranche.

Nichts fehle ihr hier oben. Nichts vermisse sie. Nie sei ihr in den drei Jahren die Ruhe zu viel geworden. «Hier ist Frieden», sagt Jacky Feldkircher. «Ich liebe den Wald.» Ganz besonders jener im Emmental, der irgendwie herzig sei, grüner und gepflegter also anderswo. «Hier fühle ich mich einfach wohl.»

Und sie hat ja beides. Die Ruhe und den Trubel. Im Sommer und Herbst sind die Arbeitstage lang und die Nächte eher kurz. Und auch jetzt, bei einem halben Meter Schnee vor der Türe, gibt es immer etwas zu tun. Mindestens ein Gast komme immer vorbei. Und es gebe ja noch anderes. Lesen etwa, kochen, spazieren, Schnee schaufeln, am Abend eine Naturdokumentation am TV schauen – sie wisse sich immer zu beschäftigen, sagt sie.

Seit drei Jahren geht Feldkircher auch auf die Jagd. Und wenn nötig könne sie auch gut einmal einfach etwas länger liegen bleiben. «Langeweile ist hier oben», sagt Feldkircher und tippt auf die Stirn. «Die kenne ich nicht. Das ist vielleicht auch ein Geschenk.»

Keine Zukunft

Die Wohnung im oberen Stockwerk ist warm und auf eine urchige Art und Weise gemütlich. Hier lebt Jacky Feldkircher noch vier Monate mit ihrem Hund und den drei Katzen. «Eigentlich möchte ich hier gar nicht weg», sagt sie. Aber die Rechnung gehe für sie nicht mehr auf. Von dem, was sie im Sommer verdiene, bleibe kaum mehr etwas übrig – nicht genug jedenfalls, um eine Zukunft aufzubauen. Deshalb höre sie auf und ziehe weiter. Wohin, wisse sie noch nicht, sagt Feldkircher. «Vielleicht ein paar Monate auf eine Alp.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 30.12.2017, 08:17 Uhr

Geschichte

Die Geschichte des Kuttelbads geht bis ins frühe 19. Jahrhundert zurück. Bereits 1805 wurde es offiziell als Badewirtschaft anerkannt. Gebadet wurde, so ist es überliefert, ganz freizügig in einem offenen Schuppen. Die Badekästen standen Seite an Seite. Bekanntlich zelebrierte man anno dazumal die Körperpflege noch und verband sie etwa mit feinem Essen, Wein und geselligem Zusammensein.

Durch Jeremias Gotthelfs Erzählung «Michels Brautschau» erlangte das Kuttelbad knapp fünfzig Jahre später sogar eine gewisse Berühmtheit. Dann wurde die Liegenschaft von der Gemeinde Ittigen gekauft und zum Ferienheim für Kinder umgewandelt. 1919 war dann auch der Badebetrieb passé.

1949 kaufte die Burgergemeinde Sumiswald das Bedli, und das Kinderheim ging zu. Das Haus bekam ein Facelifting und wurde erstmals erschlossen. Während zweier Generationen führte die Familie Geissbühler als Pächter den Bauernbetrieb inklusive Restaurant. 1996 musste erneut renoviert werden. Das Wirtepaar Pia Jaeger und Kurt Tschannen machte später mit Freilichttheateraufführungen das Kuttelbad weitherum bekannt.

Danach durchlebt es unruhige Zeiten. Ab 2005 bis heute gab es vier Pächterwechsel. Was nicht überrascht. Denn der Gasthof ist nichts für schwache Nerven. Tief im Wald gelegen auf über 1000 Metern über Meer und nur über eine geschlängelte Strasse zu erreichen, ist es als Ausflugsziel zwar überlebensfähig. Die Rechnung aber ist stets knapp. Frühling- und Sommersaison müssen den schwachen Winter quasi querfinanzieren. Nicht wenige Pächter kamen über kurz oder lang in finanzielle Nöte. Jacqueline Feldkircher will es nicht so weit kommen lassen. Sie geht auf Ende April. Bis jetzt hat die Burgergemeinde weder einen Nachfolger noch eine Nachfolgerin finden können. mbu

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