Sumiswald

Herrschaftliche Nächte

SumiswaldDas Bed and Breakfast im Schlossturm Sumiswald ist seit einem Monat geöffnet und wird schon rege genutzt. Wie sich zeigt, schläft es sich vorzüglich in den altehr­würdigen Räumlichkeiten. Das Schloss ist endlich erwacht.

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Zimmer 42. Vierter Stock. Ein Doppelbett, ein Tisch, ein kleiner Schrank, ein Lavabo und herrliche Ruhe. Der Blick aus dem Fenster wandert über das verschneite Tal. Er geht die ruhig ­dahinplätschernde Grüne entlang, an den Gebäuden der Drahtschweisserei Ruwa und den ­Bauernhöfen am Hang vorbei bis ­hinauf zur Anhöhe, zum Sumiswalder Dorfzentrum.Es ist Sonntag. Neun Uhr morgens.

Hinter dem Schloss klettert gerade die Wintersonne über die Hügel hervor, schickt ihre Strahlen über die noch in Kälte er­starrte Landschaft und lässt in der Ferne den Sumiswalder Kirchturm aufleuchten. Die Nacht war still, tief und überaus erholsam. Man kommt nicht umhin, das Kinn ein wenig anzuheben und sich selber ein bisschen herrschaftlich zu fühlen.

9 Zimmer mit total 20 Betten

Seit einem Monat ist das vom Dienstleistungszentrum (DLZ) betriebene Bed and Breakfast (B&B) im Turm des Schlosses Sumiswald nun in Betrieb. Ganze Heerscharen haben am Wochenende die altehrwürdigen Räumlichkeiten besucht, um sich an­zuschauen, was sich da so alles ­getan hat. Einige, wie auch ein Journalist dieser Zeitung, blieben über Nacht.

Und getan hat sich viel in den letzten Wochen und Monaten. Neben dem B&B haben sich inzwischen auch ein halbes Dutzend Läden eingenistet und so dem Schloss das langersehnte Leben eingehaucht (siehe Kasten).

Nachdem das Alterszentrum Anfang 2016 ausgezogen war, stand das Schloss leer. Verschiedene Nutzungsideen wie etwa ein Musikschloss oder der Einzug der Gemeindeverwaltung waren im Sand verlaufen.

Zum Glück, könnte man heute sagen. Denn dann kam das ört­liche DLZ, namentlich der Geschäftsführer Andreas Schneiter und der Verwaltungsratspräsident Hans Haslebacher, und brachten im Sommer 2016 die Idee von einem B&B im Schlossturm auf den Tisch. Ende Jahr war der Vertrag bereits unterschrieben. Und jetzt, gut zwölf Monate später, kann also für 80 bis 120 Franken im Schloss übernachtet werden.

Insgesamt neun Gästezimmer mit total zwanzig Betten stehen Weit- und Nahgereisten zur Verfügung. Es gibt vier schlicht eingerichtete sogenannte Businesszimmer mit Einzel-, Doppel- oder zwei Betten. Es gibt zwei Familienzimmer mit Doppel- und Kajütenbetten, eine Schlosssuite und je ein Nostalgie- und ein Goldzimmer mit entsprechender Einrichtung für den rustikal-romantischen Aufenthalt.

Gäste aus Argentinien

Auf das Angebot scheint gewartet worden zu sein. Seit es Anfang November online geschaltet ist – auf der eigenen Website und internationalen Buchungsplattformen –, laufen die Leitungen heiss. Schon am ersten Tag sei eine Buchung reingekommen, sagt Andreas Schneiter bei einem Rundgang. Inzwischen waren Gäste aus Argentinien da, Leute, die beruflich in der Region zu tun hatten, es kamen Familien aus dem Emmental oder Pärchen aus Bern, um hier eine Auszeit zu nehmen. «Das hätten wir uns nie zu träumen gewagt», sagt Schneiter, «aber wir hatten bereits jeden Tag mindestens einen Gast.»

Isabelle Simisterra, Leiterin von Emmental Tours, die das Marketing für das «Schlafschloss» übernommen hat, ist auch positiv überrascht, hat aber eine Erklärung. «Schlösser sind heute sehr beliebt und haben eine ganz eigene Anziehungskraft» sagt sie. Deshalb werde nun auch mit dem Slogan «Übernachten Sie im historischen Schloss aus dem Jahre 1225» geworben.

«Schlösser sind heute sehr beliebt.»Isabelle Simisterra
Leiterin Emmental Tours AG

Es sind aber nicht nur die alten Gemäuer, die anlocken. Es ist auch die Lage und natürlich die Region. Die Gegend ist prädestiniert für Spaziergänge und Wanderungen. Es gibt den Täuferpfad und den Handwerkerweg in der Nähe. Dann bietet das Forum Sumiswald gleich in der Nachbarschaft Sauna, Kletterhalle und Schwimmbecken an. Künftig wird auch die Napf-Schleife der Herzroute beim Schloss vorbeiführen. Ideale Voraussetzungen sind das, die aber auch nötig sind. Denn laut Schneiter braucht es tausend Übernachtungen pro Jahr, damit das B&B auch rentiert.

Die Schlossherrin

Seit knapp einer Woche hat das Schloss auch wieder eine Herrin. Maria Holzkamp ist in der Emmentaler Gastroszene bekannt. Sie hatte elf Jahre lang den Be­sucherbereich der Emmentaler Schaukäserei betreut und betrieb dann ebenso lange das Kunstcafé Incontro in Alchenflüh. Jetzt ist sie mit ihren 70 Jahren von Rüdtligen ins Schloss Sumiswald ge­zogen, um hier die Gäste in Empfang zu nehmen, die Betten zu machen und das Frühstück zu­zubereiten. «Einfach nur zu Hause rumzusitzen, ist nichts für mich», sagt sie. «Und wer kann schon von sich sagen, in einem Schloss zu wohnen.» Holzkamp arbeitet nach Aufwand. Sollte es mal zu viel werden, hat sie jederzeit auch Personal aus dem DLZ zur Verfügung.

«Wer kann schon von sich sagen, in einem Schloss zu wohnen?»Maria Holzkamp, Gastgeberin

Mehrere Hundert Leute sind am Samstag an den Tag der offenen Tür gekommen. Bis spätabends sassen sie im Schlosscafé, tranken Weisswein und assen Raclette. Erst gegen 22 Uhr kehrte langsam Ruhe ein. Nach einem letzten Spaziergang rund um das Schloss zog sich auch der Journalist in seine Gemächer zurück.

Sonntagmorgen, neun Uhr. Maria Holzkamp serviert in bester Laune ein wunderbares Frühstück mit Backwaren von der Bäckerei Bieri. Es gibt Aufschnitt, Müesli, Orangensaft, Emmentaler und Kaffee. Draussen leuchtet die Sumiswalder Kirche in der Morgensonne. «Wie haben Sie geschlafen?», fragt Maria Holzkampf den gähnenden Journalisten. «Sehr guet. Wie nes Bébé.»

(Berner Zeitung)

Erstellt: 03.12.2017, 19:45 Uhr

Das Schloss lebt

Lange Zeit ging nichts. Und dann plötzlich erwachte das Schloss. Nachdem bekannt geworden war, dass im Schlossturm ein Bed and Breakfast eingerichtet wird, wurde die Gemeinde Sumiswald als Besitzerin des Schlosses von Anfragen nur so überhäuft. Inklusive des B&B ist inzwischen gut die Hälfte des Schlosses vermietet. Total sind bereits fünf Geschäfte ein­gezogen.

So gibt es im Erd­geschoss etwa das Nordic Home, einen Laden mit nordischen Möbeln, und im ersten Stock einen Schönheitssalon. Im zweiten Stock haben sich ein Raum für Mal- und Basteltherapie, ein Yogastudio und eine Gesundheitspraxis eingerichtet. Bald schon eröffnet eine Kinesiologie für Tiere auf der dritten Etage. Im Frühling kommt noch ein Coiffursalon dazu. Nach Ge­sprächen mit den Ladenbe­treibern wurde klar, dass sie eine Zusammenarbeit mit dem B&B durchaus anstreben. Wer im Schloss übernachtet, wird sich künftig wohl auch eine Massage, eine Yoga- oder Pilates-Stunde gönnen können.mbu

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