«Heroin ist eine fordernde Geliebte»

Burgdorf

Seit vierzehn Jahren gibt es in Burgdorf die Drogenabgabestelle Biwak. Patienten aus dem Heroin- und Methadonprogramm gehen dort täglich ein und aus. Die meisten von ihnen haben ein bewegtes Leben hinter sich. Eine Reportage.

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Esther F.* ist 62 Jahre alt. Mit 40 hat sie sich das erste Mal Heroin gespritzt. «Heroin ist eine fordernde Geliebte», sagt die attraktive Frau, die man gut zehn Jahre jünger schätzt. «Abgeneigt war ich Rauschmitteln gegenüber nie», gibt sie offen zu. Es war die Angst, in ihrem Beruf den steigenden Anforderungen nicht mehr zu genügen, die sie in die Heroinsucht trieb. «Zu meinen besten Zeiten habe ich 3000 Franken pro Monat für Drogen ausgegeben», sagt Esther F., die mittlerweile vom Heroin los ist, dank der Burgdorfer Drogenabgabestelle Biwak. Dennoch geht sie immer noch einmal pro Woche dorthin, um ihre Rationen Subutex abzuholen, ein Medikament, das in Tablettenform verabreicht wird. «Es lindert die Entzugsschmerzen, high wird man davon aber nicht», erklärt sie und vergleicht das Medikament mit demjenigen, das den Alkoholikern bei einem Entzug verabreicht wird.

Es gibt klare Regeln

Auch Susanne M.* ist beim Biwak angemeldet. Die 30-Jährige ist heroinsüchtig und kommt wie alle Patienten, die Heroin spritzen, am Morgen und am Abend hierher. Vor der Tür zum Abgaberaum bleibt sie stehen und wirft einen Blick auf das Wandregal. «Aha, ich kann rein», stellt sie fest und nimmt ein kleines gelbes Servicetableau aus dem Gestell. «Im Zimmer hat es Platz für vier Personen.» Jeder, der hineingehe, nehme ein Tablett mit. Solange noch eines im Regal stecke, bedeute dies, dass es einen freien Platz habe, erklärt sie das System. Der Abgaberaum ist mit vier kleinen Tischen, Stühlen und einer Theke ausgestattet. Heute hat Verena Keller, die Leiterin des Pflegedienstes, gemeinsam mit einer anderen Mitarbeiterin Dienst. «Wir sind immer zu zweit», erklärt Keller. Es könne vorkommen, dass beispielsweise jemand einen epileptischen Anfall erleide. «Der Ablauf ist genau geregelt», kommt Verena Keller auf die Abgabe zurück. So sei es etwa ein Muss, dass die Patienten, nachdem sie sich die Injektion gesetzt hätten, ihr die leere Spritze zeigten und anschliessend in einen Papierkorb würfen.

Vor jeder Abgabe wirft die Mitarbeiterin einen Blick in den Computer. Dort sind alle Patientenangaben gespeichert. Auch, ob die Leute allenfalls noch andere Medikamente wie Blutdrucktabletten benötigen. «Wir verabreichen auf Anordnung des Arztes auch andere Mittel», erklärt Keller und legt einen Trockentupfer und ein Pflaster auf das Tablett. Ersichtlich im Computer ist zudem, wie sich der Patient die Spritze setzt. Susanne M. zum Beispiel spritzt sich das Heroin in den Muskel im Oberschenkel. Das heisst für Verena Keller, dass sie eine Spritze mit einer längeren Nadel aufziehen muss als bei jemandem, der sich in die Vene spritzt. «Teilweise sind die Arme stark zerstochen, darum erfolgt die Injektion in die Muskeln.» Es gebe aber auch Patienten, die sich nicht in die Vene spritzen wollten, sagt Verena Keller und fügt hinzu: «Spritzt man das Heroin intravenös, so tritt das sogenannte Flash innert Sekunden ein, bei den Muskeln erst nach rund vier Minuten.»

Ging auf den Strich

Der Aufenthalt in der Abgabestelle dauert für Susanne M. kaum fünf Minuten. Sie sei derzeit ohne Arbeit, sagt sie und erzählt ihre Lebensgeschichte. «Als ich 13-jährig war, hatte ich einen doppelt so alten Freund.» Durch ihn habe sie Bekanntschaft mit Heroin gemacht. Jahrelang ging sie auf den Strich, um das nötige Geld zu beschaffen. Dank des Biwaks gehört dies der Vergangenheit an. Susanne M. wurde durch ihren Therapeuten dort angemeldet. Es besteht auch die Möglichkeit, sich selber bei der Drogenabgabestelle zu melden. Wer aufgenommen werden will, muss einige Kriterien erfüllen. Wie beispielsweise 18 Jahre alt und seit mindestens zwei Jahren schwer heroinabhängig zu sein.

Susanne M. kämpft sich schrittweise ins Leben zurück. «Ich will von dem Zeug loskommen.» Nicht ohne Stolz sagt die junge Frau, dass sie mittlerweile pro Mal nur noch eine Dosis von rund 50 Milligramm Heroin benötige. Das sei wenig, bestätigt Verena Keller. «Wir haben Patienten, die 300 Milligramm pro Mal brauchen, also 600 Milligramm im Tag.» Keller ist es auch, die rund einmal pro Monat das Heroin bestellt. Dieses wird in Pulverform in kleinen Fläschchen angeliefert und danach mit einer speziellen Flüssigkeit gelöst. Aufbewahrt wird die Trockensubstanz in einem Tresor.

Methadon wird getrunken

Offen schildert auch Beat W.* seine Geschichte. Der heute 48-Jährige geht einer geregelten Arbeit nach und ist im Methadonprogramm. Methadon ist ein Opioid wie Subutex, nur stärker und wird flüssig eingenommen. Auch hier bleibt das Glücksgefühl aus. «Als ich 18 Jahre alt war, verkehrte ich in einer Clique, in der Drogen an der Tagesordnung waren», erzählt er. Beat W. kommt zweimal in der Woche ins Biwak, um sich seine Rationen für die ganze Woche zu holen. «Nicht alle Patienten müssen täglich herkommen», sagt Verena Keller. Zudem gebe es auch die Möglichkeit, wenn jemand ein paar Tage in die Ferien fahren möchte, das Heroin durch Methadon zu ersetzen. Anders sieht es bei einer Krankheit aus. «Wer mit einer Grippe im Bett liegt, der bekommt nichts.» Wenn der Zug Verspätung habe, der Patient anrufe und nachher eine Bestätigung der Bahn mitbringe, bekomme er auch ausserhalb der regulären Öffnungszeiten Einlass. Denn die Drogenabgabestelle hat morgens und abends während einer gewissen Zeitspanne geöffnet.

Drei verschiedene Personen, drei verschiedene Lebensgeschichten. Doch mit seinem Schicksal zu hausieren, käme niemandem der drei in den Sinn. «Wir wägen genau ab, wem wir von unserer Sucht erzählen», spricht Esther F. im Namen von allen. Denn die Gesellschaft betitle sie oft als Junkie. «Das tut weh.» Sie wünschte sich, dass die Leute ihre Sucht als Krankheit akzeptierten. So wie bei den Menschen, die mit dem Alkohol ein Problem haben.

*Name von der Redaktion geändert

Berner Zeitung

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