Hand am Po, Blut im Mund

Langnau

Wieso lag in der Kupferschmiede plötzlich ein verletzter Gast am Boden? Mit dieser Frage beschäftigte sich das Regionalgericht Emmental-Oberaargau.

Das Kulturhaus Kupferschmitte (Kupferschmiede) in Langnau. (Archivbild/Thomas Peter)

Das Kulturhaus Kupferschmitte (Kupferschmiede) in Langnau. (Archivbild/Thomas Peter)

(Bild: Thomas Peter)

Johannes Hofstetter

Die «Bad Taste»-Party war in vollem Gange. Als der alkoholisierte Mike (alle Namen geändert) in der Langnauer Kupferschmiede von der Bar zur Tanzfläche zurückkehrte, sah er, wie seine Freundin Tina sich gegen die Annäherungsversuche des ebenfalls nicht mehr nüchternen Kurt wehrte. «Ich forderte ihn auf, Tina loszulassen. Er gab mir eine Ohrfeige. Ich brachte ihn mit einer Art Judogriff zu Boden. Als ich auf ihm lag, rann Blut aus seinem Mund. Da wusste ich: Jetzt bin ich im Scheiss», fasste Mike vor dem Regionalgericht zusammen.

Dort musste er sich zweieinhalb Jahre nach dem Vorfall wegen einfacher Körperverletzung verantworten. Um den Schaden zu begrenzen, bat Mike einen Kollegen, wider besseres Wissen zu seinen Gunsten auszusagen. Deshalb war in der Anklageschrift auch eine versuchte Anstiftung zu falschem Zeugnis vermerkt. Später versetzte der Schweizer im Berner Hauptbahnhof eine Kondukteurin in Angst und Schrecken. Dann «bislete» er auf das Perron und rannte schreiend halb nackt durch den Bahnhof, bis ihn die Polizei aus dem Verkehr zog.

Kurt erwachte nach der Sause mit drei angebrochenen Zähnen und einer demolierten Nase. An den Abend könne er sich wegen der Sturzfolgen kaum mehr erinnern, teilte er Einzelrichterin Gina Bettosini mit. Dass seine Hand Tinas Hinterteil berührt habe, schliesse er aber nicht aus. «Das kann beim Tanzen ja passieren.» Tina und die Staatsanwaltschaft sahen das anders: Die Frau verzeigte Kurt wegen sexueller Belästigung. Kurt bezahlte die Geldstrafe widerspruchslos.

An den Abend könne er sichwegen der Sturz-folgen kaum mehr erinnern.Der Beschuldigte Kurt?vor dem Regionalgericht

Sein Anwalt räumte deshalb «ein gewisses Selbstverschulden» ein. «Vielleicht hat mein Mandant die Freundin des Angeklagten tatsächlich etwas offensiv angetanzt. Und so die übertriebenen Beschützerinstinkte des Beschuldigten geweckt.» Das ändere aber nichts daran, dass Mike «mit masslos übertriebener Gewalt» auf Kurt losgegangen sei. Die Staatsanwaltschaft empfahl dem Gericht, den vorbestraften Mann für zehn Monate hinter Gitter zu schicken.

Der Pflichtverteidiger sagte, sein Klient habe aus Notwehr gehandelt. Mike beteuerte, wie leid ihm «diese Sache» tue und versicherte, seit Januar eine Alkoholtherapie zu besuchen. Die Richterin verurteilte ihn wegen einfacher Körperverletzung, versuchter Anstiftung zu falschem Zeugnis, Gewalt und Drohung gegen Behörden und Beamte, unanständigen Benehmens, Verunreinigung fremden Eigentums sowie Widerhandlungen gegen das Strassenverkehrs- und das Betäubungsmittelgesetz zu einer bedingten Geldstrafe von 170 Tagessätzen à 70 Franken und Bussen von total 2420 Franken. Dem Privatkläger muss er als Genugtuung 1000 Franken entrichten.

Gemäss Zeugen habe für Mike an dem «Bad Taste»-Abend keine Notwehrsituation bestanden. Rechtfertigungsgründe für die Tat gebe es folglich keine, stellte Einzelrichterin Gina Bettosini fest.

Berner Zeitung

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