Gericht sagt: Vergewaltigung war frei erfunden

Burgdorf

Wurde die Frau vergewaltigt oder nicht? Mit dieser Frage hatte sich am Dienstag das Regionalgericht Emmental-Oberaargau zu befassen. Der Richter glaubte dem Mann und verurteilte die Frau wegen falscher Anschuldigung.

Richter Samuel Schmid hatte keine Zweifel bei der Urteilsverkündung.

Richter Samuel Schmid hatte keine Zweifel bei der Urteilsverkündung.

(Bild: Hans Wüthrich)

Es war ein heikler Prozess. Aussage stand gegen Aussage. Frau gegen Mann. Wer log? Was geschah wirklich an jenem Abend im Januar 2010? Eine 33-jährige Frau musste sich am Dienstag wegen falscher Anschuldigung vor dem Regionalgericht Emmental-Oberaargau in Burgdorf verantworten. Ihr Vorwurf war happig: Ein 49-jähriger Mann habe sie vergewaltigt. Die Frau, die vor Richter Samuel Schmid sass, war abgemagert, von langjährigem Drogenkonsum gezeichnet.

Die Angeklagte und der 49-Jährige aus der Region verabredeten sich am besagten Abend vor einem Restaurant in Bärau bei Langnau. Sie kannten sich kaum. Die Frau hatte ihm zuvor eine SMS geschickt, hatte davon gesprochen, dass sie in ihrer Beziehung nicht glücklich sei, hatte ihn gefragt, ob er Lust auf einen Quickie habe. Die beiden gingen ins Restaurant, tranken ein paar Kafi Luz, unterhielten sich. Die Version der Angeklagten sieht ab diesem Punkt so aus: Als sie auf die Toilette gegangen sei, sei er ihr nachgekommen, habe sie zurückgedrängt und vergewaltigt. Sie war den Tränen nahe, als sie vor Gericht aussagte. Sie sei danach nach Hause gerannt, habe noch eine SMS geschrieben und sei ins Bett gegangen. Ihr damaliger Freund und jetziger Ehemann hätte bereits geschlafen. Ihm habe sie erst später davon erzählt.

Sie zeigte den angeblichen Vergewaltiger an. Was aber die Staatsanwaltschaft stutzig machte, waren die diversen SMS, die sie dem Mann nach dem Vorfall geschrieben hatte. Darin stand, dass sie sich in ihn verguckt habe, dass es ein schöner Abend gewesen sei, dass sie ihn vermisse, dass sie sich eine Beziehung mit ihm vorstellen könne. Einige hatte sie noch in derselben Nacht und am folgenden Tag geschrieben, andere erst später. In der Folge wurde das Verfahren wegen Vergewaltigung eingestellt, zu dünn war die Beweislage. Die Angaben der Frau waren nicht stimmig und unglaubwürdig.

Eine andere Version

Stattdessen wurde die Frau nun wegen falscher Anschuldigung angeklagt. Sie sagte gestern vor Gericht, der Mann habe sie dazu gezwungen, diese SMS zu schreiben und zu behaupten, dass sie es freiwillig getan habe. Er habe gedroht, sonst ihrem Mann und der Tochter etwas anzutun. «Ich wollte meine Familie schützen», begründete die Angeklagte. «Er hat mich vergewaltigt. Das ist die Wahrheit», betonte sie immer wieder. «Jemanden einfach so anschwärzen, das mache ich nicht.» Dennoch, ihre Antworten auf die Fragen des Richters waren oft verworren und unklar.

Als Zeuge trat auch der vermeintliche Vergewaltiger auf. Er bestritt die Tat und erzählte eine andere Version. Laut ihm seien er und die Angeklagte vom Restaurant aus zum Schützenhaus in Langnau gefahren, wo es im Auto zum einvernehmlichen Geschlechtsverkehr gekommen sei. Er habe nie grosses Interesse an ihr gehabt und keine Beziehung gewollt.

Die zweite Zeugin, die Wirtin des Restaurants, hatte die beiden am jenem Abend beobachtet. Auf der Eckbank seien sie sich näher gekommen, hätten angefangen zu schmusen. Sie hätte sie zurechtgewiesen, weil sie das in ihrer Gaststätte nicht toleriere. Mehr hätte sie nicht gesehen.

Keine Zweifel

In seinem Plädoyer berief sich der Anwalt auf den Grundsatz «Im Zweifel für den Angeklagten». Es blieben gewisse Fragezeichen, ob es sich nicht doch so zugetragen hätte, wie die Angeklagte es geschildert habe.

Richter Schmid dagegen war «fern davon, Zweifel zu haben», wie er in der Urteilsbegründung betonte. Er sprach die Angeklagte in allen Punkten schuldig. Das Urteil: 270 Tagessätze à 30 Franken bedingt, mit einer Probezeit von zwei Jahren. Wenn sie sich bewährt, muss sie nicht zahlen. Hinzu kommen eine Busse von 900 Franken und eine Übertretungsbusse von 200 Franken wegen eines anderen Delikts. Damit folgte der Richter grundsätzlich dem Antrag des Staatsanwalts, wählte aber die mildere Strafart. Zwar seien zwei Varianten möglich, was damals wirklich passiert sei. Schmid glaubte aber aus verschiedenen Gründen der Variante des Mannes. Zu schwer lasteten vor allem die SMS. Es seien zu viele gewesen, zu unmittelbar, zu fantasievoll und zu innig geschrieben. «Das sind keine SMS, die jemand schreibt, der vergewaltigt wurde», so Schmid.

Berner Zeitung

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