Geifernde Weiber und Schnecken im Nacken

Moosegg

Nur das Wetter hätte besser sein können. Sonst liess die Premiere des Freilichttheaters «Hansjoggeli, der Erbvetter» auf der Moosegg keine Wünsche offen.

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Eigentlich hätte die Premiere am Mittwoch stattfinden sollen. Regisseur Peter Leu war auch fest entschlossen, diese durchzuziehen. Von ein bisschen Regen auf der Moosegg wollte er sich nicht davon abhalten lassen, endlich zu zeigen, wie er Jeremias Gotthelfs «Hansjoggeli, der Erbvetter» interpretiert. Doch es regnete Bindfäden. Der grosse Moment wurde verschoben.

24 Stunden später war es immer noch kalt und nass am Waldrand auf 1000 Metern über Meer. Einige Plätze auf der Zuschauertribüne blieben leer. Doch wer wiedergekommen war, war nur noch besser ausgerüstet und ebenso entschlossen wie der Regisseur, dem Wetter zu trotzen. Und der Himmel hatte Erbarmen.

Gotthelfs bilderreiche Sprache

Es nieselte bloss noch, als die Zuschauer Platz nahmen und auf die Front eines stattlichen Emmentaler Bauernhauses mit gepflegtem üppigem Garten davor blickten. Aus dem Stall daneben hörte man das Muhen einer Kuh. Doch bald war es vorbei mit dem Frieden und der Ruhe auf dem Nidlebode. Denn der reiche, kinderlose Bauer Hansjoggeli war in die Jahre gekommen. Und seine Verwandten witterten die Chance auf eine erkleckliche Erbschaft. Zwar wurden auch aus reiner Nächstenliebe ein paar Tirggeli auf den Nidlebode gebracht.

Aber die meisten Besucherinnen und Besucher, die kamen, um sich vordergründig um Hansjoggelis Wohlergehen zu sorgen, hofften insgeheim, er möge endlich sterben – und sie zu Erben machen. Die falschen Weiber und prahlerischen Männer meinten tatsächlich, der Erbvetter durchschaue ihr Scharwenzeln nicht. Er liess sich nicht anmerken, wie ihn ekelte, «wie we eim e Schnägg dr blutt Äcke ache geit», ob all dem Verlogenen, das er zu hören bekam. Den lieben Besuchern «stinkt die Seele aus dem Mund», stellte er fest. Dass sich Hansjoggeli zu helfen wusste und am Schluss jene zum Zug kamen, die reinen Herzens sind, versteht sich bei einem Gotthelf-Stück von selbst.

Reines Vergnügen in Gotthelf-Sprache

Es war das reine Vergnügen, einen Abend lang den lebhaften Dialogen in der bilderreichen Gotthelf-Sprache und dem breiten Berndeutsch mit vielen fast vergessenen Ausdrücken zuzuhören. Umso mehr als jede Schauspielerin und jeder Schauspieler seine Rolle so überzeugend spielte, dass man bei einigen geradezu befürchten musste, sie spielten gar nicht, sondern seien auch im privaten Leben so – so zänkisch und geifernd.

Peter Leu und sein Team haben für die Inszenierung nicht Gewänder aus Gotthelfs Zeiten gewählt, sondern lassen das Stück etwa um 1930 herum spielen. Die bunten Kostüme der Frauen mit den kecken Hüten betonen die unterschiedlichen Charaktere zusätzlich.

Mit «Hansjoggeli, der Erbvetter» bringt das Freilichttheater Moosegg ein rasantes, kurzweiliges Stück mit viel Witz und Tiefgang zur Aufführung. Ein Genuss für die Seele. Man stelle sich jetzt noch vor, es würde an einem warmen Sommerabend gespielt

Berner Zeitung

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