Gehörlose hört den Beat

Krailigen

Die 21-jährige Cornelia Käsermann aus Kräiligen kann erst seit 12 Jahren Töne wahrnehmen. Die passionierte Tänzerin und Malerlehrtochter will sich an der Miss- Handicap-Wahl für eine bessere Integration von Gehörlosen einsetzen.

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Ihr grösster Traum? «Als Tänzerin an einem Wettkampf teilnehmen», lässt sich die 21-jährige Cornelia Käsermann aus Kräiligen auf der Homepage von Miss-&-Mister-Handicap zitieren. Für jemanden, der gehörlos zur Welt kam, ist das ganz schön mutig. Andererseits: Käsermanns Hobby ist neben der Fotografie der Hip-Hop-Tanz. Seit sie sich mit 9 Jahren Implantate ins Ohr einsetzen liess, kann sie die Beats wahrnehmen und – wenn die Musik laut genug ist – auch die Töne hören.

Wie hört sich ein Auto an?

«Es war ein grosses Erlebnis für Cornelia, nach dem Implantieren Laute und Geräusche ganz anders wahrzunehmen als mit den vorher getragenen Hörgeräten», erzählt Michelle Zimmermann, Co-Organisatorin der Miss-&-Mister-Handicap-Wahl. «Überhaupt musste Cornelia erst lernen, die vielen unbekannten Töne zu deuten. Wie klingt zum Beispiel ein Vogel? Wie hört sich ein Auto an? Wie tönen Stimmen? Das war und ist heute noch eine Herausforderung.»

Die 21- jährige selbst hatte für ein kurzes Gespräch spontan leider keine Zeit. Sie arbeitet – auf dem Bau. Die Bernerin besucht die Berufsschule für Gehörlose in Zürich Oerlikon und wird mit der letzten Praktischen Prüfung im November ihre Malerlehre abschliessen. «Cornelia beherrscht die Gebärdensprache und kann von den Lippen ablesen, ausserdem hat sie in der Gehörlosenschule sprechen gelernt», sagt Michelle Zimmermann. Auf dem Bau mache Käsermann die Behinderung kaum zu schaffen. Das meiste sei eh «learning by doing». Dass es im Alltag einer Gehörlosen jedoch auch zu Missverständnissen kommt, nimmt die Kräiligerin gelassen. Selbst zu Hause bei ihrer Familie, die die Gebärdensprache beherrscht, passieren immer wieder teils lustige Irrtümer.

Sie hört nichts, also kann sie auch nicht reden

An der Miss-&-Mister-Handicap-Wahl, die am 13. Oktober im KKL Luzern stattfindet, nimmt Käsermann teil, weil sie «als Botschafterin Berührungsängste in der Kommunikation zwischen Hörenden und Menschen mit Hörbehinderung» abbauen will. Sie selbst hat im Laufe der Jahre gelernt, sich zu integrieren, auch wenn es ihr in unserer schnelllebigen, auf mündliche Kommunikation ausgerichteten Gesellschaft nicht immer leicht fiel. Zu oft würden die Leute leider meinen: Sie hört nichts, also kann sie auch nicht reden. Weit gefehlt: Zu ihrem Freundeskreis zählt Käsermann Hörende wie Gehörlose, ihr Freund ist hörend. «Unter den diesjährigen Kandidatinnen und Kandidaten ist Cornelia Käsermann die einzige Gehörlose», sagt Zimmermann. «Sie kann sich aber bestens mitteilen und hilft auch den anderen, wenn sie ihrerseits an die Grenzen stossen.»

Wer für eine Kandidatin oder einen Kandidaten abstimmen möchte, kann auf www. misshandicap.ch per SMS sein Voting abgeben.

lm

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