Für das Bier überschreiten sie Grenzen

Attiswil

Ein Berner braut den Solothurnern ihr «Öufi»-Bier und lädt dort ab Donnerstag zum Fest der Schweizer Bierkultur. Alex Künzle wohnt seit 25 Jahren in Attiswil und kennt die Besonderheiten des täglichen «Grenzverkehrs» wie kaum ein anderer.

Drei Attiswiler: Alex Künzle (Mitte) führt das Geschäft. Sohn Moritz (links) ist diplomierter Bierbraumeister, Sohn Florian (rechts) gelernter Bierbrauer.

Drei Attiswiler: Alex Künzle (Mitte) führt das Geschäft. Sohn Moritz (links) ist diplomierter Bierbraumeister, Sohn Florian (rechts) gelernter Bierbrauer.

(Bild: zvg)

Am Donnerstag werden die 13.Solothurner Biertage eröffnet. Die Idee dazu entstand offenbar im Oberaargau? Alex Künzle: Das ist tatsächlich so. Und zwar 2002 bei der Eröffnung der Hasli-Brauerei in Langenthal. Da habe ich mich mit dem dortigen Initianten Stefan Gertsch darüber unterhalten.

Sie sind selber ein waschechter Berner... Ja, ich bin in Bümpliz aufgewachsen und habe im Ryfflihof Drogist gelernt. Mit der Familie zogen wir nach Schwarzenburg. Ich hatte einen Job bei Coop in Wangen bei Olten. Das war zu weit zum Pendeln. Wir suchten ein Haus und fanden eines vor gut 25 Jahren in Attiswil. Dort wohnen wir immer noch. Unsere vier mittlerweile erwachsenen Kinder besuchten die Schulen in Attiswil und Wiedlisbach.

... und stellen mit dem «Öufi»-Bier das neben dem bekannten Kuchen wohl prominenteste Solothurner Produkt her. Jedes Bier braucht eine Heimat, eine Stadt oder eine Region. Solothurn lag nahe. Es hatte seit 1920 keine eigene Brauerei mehr. Viele haben über mich gelacht. Den Berner hat man mir wahrscheinlich verziehen, weil die Solothurner froh waren, überhaupt wieder eine eigene Brauerei zu bekommen.

Und wie kommt ausgerechnet ein Drogist zum Bierbrauen? Ich war mal Verkaufsleiter der Valser Mineralquelle. Da die meisten Quellen Brauereien gehören, arbeitete ich gleichzeitig für Calanda. Dort lernte ich das Getränkegeschäft kennen. Wasser hat in der Gastronomie sehr viel mehr mit Bier zu tun, als man denkt. Die Brauereien sind ja schon lange praktisch die Einzigen, die der Gastronomie noch Kredite geben. Im Gegenzug diktieren sie aber weitgehend, welche Biere, Weine, Softdrinks oder eben Mineralwasser dort ausgeschenkt werden.

Sie waren also gar nie Hobbybrauer? Nein, ich stiess von der geschäftlichen Seite, vom Verkauf her, auf das Bier. Und ich wollte von Anfang an eine Grösse erreichen, von der wir leben können. Zum Start haben uns die Burgdorfer ihren Braumeister Ludwig Stranzky ausgeliehen.

Die Brauereien Burgdorf (1999), «Öufi» (2000) und Hasli in Langenthal (2002) starteten alle fast gleichzeitig. Seither haben sie sich aber sehr unterschiedlich entwickelt. Wir haben damals viel zusammen diskutiert, haben uns gegenseitig geholfen und Tipps gegeben. Jeder konnte von den Erfahrungen der andern profitieren. Mir machen jeweils die grossen Generalversammlungen in Burgdorf und Langenthal Eindruck. Zumindest in Burgdorf identifiziert sich offenbar fast jeder mit dem handwerklich wirklich fein gemachten eigenen Bier. Vom Ausstoss her liegen Burgdorfer und «Öufi» heute etwa gleichauf. Der Name Hasli in Langenthal ist ganz einfach eine unmögliche Bezeichnung. Wer kennt schon die Hasli-Quelle? Das habe ich Stefan Gertsch damals bereits gesagt. Ihn habe ich immer um seine technischen Kenntnisse als Maschineningenieur beneidet. Es zeigte sich aber, dass die Kenntnisse im Verkauf wahrscheinlich halt doch wichtiger sind. Später übernahm Peter Kläfiger die Geschäftsführung.

Der Name «Öufi» dagegen ist für Solothurn geradezu genial. Den hat mir ein Beamter der Solothurner Wirtschaftsförderung vorgeschlagen. Ich war eigentlich auf der Suche nach einem Standort. Als Berner habe ich sogar noch gefragt: Warum gerade «Öufi»? Dabei ist es doch für Stadtsolothurner die heilige Zahl. Etwas Besseres hätte uns gar nicht passieren können. Als Glücksfall erwiesen hat sich auch unser Standort etwas abseits des Zentrums.

Hasli braut heute rund 1000 Hektoliter. In Burgdorf sind es dagegen über 5000 und in Solothurn demnächst wohl auch. Woran liegt das? Mein Sohn Moritz ging in München bei Professor Blümelhuber zur Schule. Der sagte: «Bier brauen kann jeder Depp – aber verkaufen nicht.» Bier verkauft sich tatsächlich nicht von selber. Aber ich kann mir zum Beispiel nicht erklären, warum Langenthal dafür ein härteres Pflaster sein soll. An der Qualität kann es nicht liegen. Uns hat man die Kinderkrankheiten, die wohl jede Brauerei einmal hatte, jedenfalls längst verziehen. Das Image ist wichtig. Gerade beim Bier gibt es immer dumme «Schnurihüng», die Blödsinn behaupten.

Das Burgdorfer gewinnt regelmässig Auszeichnungen. Das «Öufi» ist in Solothurn sehr präsent und lancierte 2002 die Solothurner Biertage. Man muss etwas investieren, wenn man Erfolg haben will. Wir werden demnächst auch Radiowerbung schalten.

Das Bernbiet ist offenbar ein gutes Pflaster für Kleinbrauereien. Rund 100 der circa 400 Schweizer Kleinbrauereien stehen im Kanton Bern. Stimmt. Auch das «Öufi»-Wirtschaftsgebiet reicht übrigens bis etwa Biel, Bern, Burgdorf und Langenthal. Zudem führen mittlerweile Coop und Denner unsere Produkte – nachdem man uns dort zuerst ausgelacht hat.

Was führte zum Wandel? Die Grossen wollen heute auch regionale Produkte verkaufen. Und wir können mittlerweile die geforderte Qualität und Quantität garantieren. Im Nachhinein bin ich sogar froh, dass wir erst jetzt im Zuge eines grossen Ausbauschrittes unsere eigene Flaschenabfüllerei einrichten. Bis jetzt hat die Brauerei Felsenau das Lagerbier nach unserem Rezept gebraut und abgefüllt. Ab August wollen wir alles selber in Solothurn machen. Das ist auch eine Frage der Glaubwürdigkeit.

Am Donnerstag eröffnen Sie die 13.Solothurner Biertage. Welche Trends wird man dort feststellen können? Unter den Kleinbrauern gibt es zwei Glaubensfragen: Die Craftbrewer brauen ausschliesslich obergärig, foutieren sich um das Reinheitsgebot, sind experimentierfreudig und würzen ihr Bier mit Kräutern und Früchten. Einige schwören sogar auf saure Biere. Teilweise werden Eichenfässer eingesetzt. Ich gehöre zur andern Fraktion. Wir orientieren uns mehr an den traditionellen, deutschen Bieren. Wir wollen schliesslich davon leben.

Jeder Schweizer trinkt angeblich durchschnittlich 58 Liter Bier. Das ist so. Lange galt Bier als billiges Proletariergetränk. Bier ist sehr wahrscheinlich das älteste von Menschenhand hergestellte Getränk. Die Anfänge liegen knapp 10'000 Jahre zurück. Sie liegen in Mesopotamien und Ägypten. Das erste Kornfeld stand wahrscheinlich in Anatolien. Bier dürfte sogar älter sein als Brot, weil es einfacher zu machen ist. Seit es wieder viele kleine Brauereien gibt, entsteht bei uns eine neue Bierkultur. Bier ist absolut salonfähig geworden.

Zudem wird Bier wieder ein sehr regionales Produkt. Wir sind gerade dabei, ein «Südfuss» aus einheimischen Rohstoffen zu kreieren. Die Braugerste stammt aus Altreu. Wir müssen sie in Deutschland mälzen lassen, weil es keine Schweizer Mälzerei gibt. Der Hopfen stammt vom Schlatt-Hof in Wolfwil.

Sie leben und arbeiten am Jurasüdfuss in zwei Kantonen. Gefühlsmässig sind wir Attiswiler mehrheitlich Solothurner. Es ist nicht natürlich, wenn ein Attiswiler Schüler nach Langenthal in den Gymer muss. Früher war die Kantons- hier auch eine Konfessionsgrenze. Das zumindest hat sich gelockert. Ihre ganze Familie arbeitet im Biergeschäft? Fast. Tochter Sophie ist zurzeit im Ausland. Meine Frau Barbara macht das Büro. Tochter Louise hilft im Service. Sohn Moritz ist Braumeister, Florian Bierbrauer. Ich mache die Geschäftsführung.

Berner Zeitung

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