«Früher hätte er uns in einer solchen Situation vielleicht gewürgt»

Bärau

Im Erlenhaus der ­Stiftung Lebensart wohnen Menschen, die eine besonders intensive Betreuung nötig ­haben. Hier lernen sie, ihre Bedürfnisse auszudrücken, ohne dabei für sich und andere zur Gefahr zu werden.

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«Wir gehen jetzt dein Zimmer fotografieren.» Die Ankündigung richtet sich an einen jungen Mann, der im Gang grusslos an der Besuchergruppe vorbeigehen wollte. Er bleibt stehen und schaut Sofia Emmenegger an – mit einem regungslosen Blick, der zwischen Ärger und Einverständnis alles bedeuten kann. «Willst du mit aufs Bild?», fragt die Leiterin des Erlenhauses. Das unwirsche Kopfschütteln lässt keinen Raum offen für Interpretationen.

Im Zimmer hat es einen eingebauten Wandschrank, ein kleines Tischchen, ein Bett und an der Wand ein Brett mit einer Art Dienstplan. Gerade will Iolanda Aegerter, die in der Geschäftsleitung der Stiftung Lebensart die Betreuung unter sich hat, erklären, was es mit dem Plan auf sich hat, als der Bewohner ­zurückkommt. Stumm nimmt er ihren Arm und zieht sie Richtung Tür. Sofia Emmenegger bedeutet dem Fotografen und der Journalistin, das Zimmer ebenfalls zu verlassen.

Grosser Fortschritt

Später werden die beiden Fachfrauen diese Szene als Erfolgserlebnis bezeichnen: «Vor drei Jahren hätte er uns in einer solchen Situation vielleicht gewürgt, wäre wild auf und ab gehüpft und hätte laut geschrien», sagt Aegerter. Inzwischen hat der junge Mann gelernt, seine Bedürfnisse auszudrücken.

Den Fotografen, der nicht dazu kam, das Zimmer abzulichten, findet er sympathisch. Er klopft ihm auf die Schulter. «Früher hätte es Sie weggespickt», sagt Emmenegger – und freut sich, dass der gross gewachsene Mann seine Gefühle dosierter zeigen kann.

«Vor drei Jahren hätte er uns in einer solchen Situation vielleicht gewürgt, wäre wild auf und ab gehüpft und hätte laut geschrien.»Iolanda Aegerter, Geschäftsleitungsmitglied Stiftung Lebensart

Im Erlenhaus leben acht Männer mit «äusserst herausforderndem Verhalten». So die offizielle Diktion des Kantons Bern. Iolanda Aegerter spricht lieber von «Menschen mit Autismusspektrumsstörung, die einer besonders intensiven Betreuung bedürfen». Es sind Menschen, die sich und anderen gegenüber zuweilen aggressiv sind und deshalb nicht selten von Institution zu Institution geschoben wurden, bevor sie in der Stiftung Lebensart einen Platz fanden.

Eine Luke in der Tür

Ehe Sofia Emmenegger eine weitere Türfalle herunterdrückt, guckt sie durch eine Luke ins Zimmer. «Das wirkt jetzt wie in einem Gefängnis», meint sie. Aber dank der Luke könne der ­Bewohner nicht nur überwacht werden, er könne sich gleichzeitig auf die Person einstellen, die im Begriff sei, sein Zimmer zu betreten.

Der Raum ist leer, bis auf die Schlafstätte in der Ecke. Dabei handelt es sich um aufeinanderliegende, mit reissfestem Leder überzogene Matratzen. «Zuerst meinten wir, der Mann brauche doch ein richtiges Bett», erzählt Emmenegger. Aber er habe mit blossen Fingern die Matratze aufgerissen, das Material herausgezupft und sich hineingelegt.

«Inzwischen toleriert er das Kissen, die Wolldecke und die Lederdecke.» Im Bad hängen keine Tücher. Einzig ein Bild in weichen Pastellfarben hängt an der Wand. Mit Blicken und Berührungen habe der junge Mann gezeigt, dass er sich davon angesprochen fühle, sagt Sofia Em­menegger. Verbal ausdrücken kann er sich nicht. Sechs der acht Bewohner haben keine Sprache entwickelt.

Olivenöl gegen den Durst

Im Erlenhaus leben Schweizer und Ausländer. Etwa jener, der mit seiner Familie in die Schweiz geflüchtet ist. Unterwegs verlor die Familie ihren Vater, die Mutter reiste allein weiter – mit drei weiteren Kindern nebst dem schwerstbehinderten Sohn. «Wir haben keine Ahnung, ob er immer genug zu essen hatte», sagt Emmenegger. Jedenfalls müsse die Küche seit seinem Eintritt stets abgeschlossen werden. «Er isst und trinkt, was ihm in die Finger kommt. Die Flasche mit dem Olivenöl würde er ebenso ansetzen wie jene mit dem Sirup.»

Für die Betreuung der Erlenhaus-Bewohner existieren keine Leitfäden. «Wir müssen sehr viel improvisieren», sagt Sofia Emmenegger. Dabei kommt ihr entgegen, dass sich das 23-köpfige Team aus neun verschiedenen Nationalitäten zusammensetzt. Wohl auch deshalb könne es immer wieder neue, kreative Ideen entwickeln.

«Er isst und trinkt, was ihm in die Finger kommt. Die Flasche mit dem Olivenöl würde er ebenso ansetzen wie jene mit dem Sirup.»Sofia Emmenegger, Geschäftsleitungsmitglied Stiftung Lebensart

Hier zu arbeiten, erfordere Offenheit, Flexibilität und wechselnde Konfliktstrategien. Am Anfang habe es ein- bis zehnmal pro Tag einen aggressionsbedingten Zwischenfall gegeben, heute noch etwa einmal pro Monat. «Man muss immer mit einer Eskalation und Gewaltübergriffen rechnen», sagt Sofia Emmenegger, die selber auch schon eine Schramme am Kopf hatte oder gebissen wurde.

Dankbare Eltern

Iolanda Aegerter gibt zu bedenken: «Alle acht Bewohner haben schwere Traumen erlebt.» Einige seien wegen ihrer Aggressionen ans Bett fixiert, andere von mehreren Polizisten in die psychiatrische Klinik eingeliefert worden. «Ich ziehe den Hut vor den Eltern, die bei der Betreuung vielfach auf sich allein gestellt waren.»

Zum Eindrücklichsten, was Sofia Emmenegger und Iolanda Aegerter bisher erfahren haben, gehörte der Dank eines Elternpaares, das nach Jahren zum ersten Mal in die Ferien verreisen konnte. Einmal seien die beiden schon am Flughafen gewesen, als sie von einer Institution ange­rufen wurden und es hiess: «Ihr Sohn ist untragbar. Sie müssen ihn abholen. Jetzt.»

Erklärtes Ziel der Stiftung Lebensart ist es, den einzelnen Bewohner so lange zu behalten, bis er stabil genug ist, in eine Regelwohngruppe zu wechseln, wo er keine 1:1-Betreuung mehr erfahren wird. Aber die Umplatzierung dürfe nicht zu früh erfolgen, betont Iolanda ­Aegerter. «Sonst fängt alles wieder von vorne an.»

Berner Zeitung

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