Flückiger zwingt den Staat in die Knie

Auswil

Eine äusserst knappe Mehrheit der Berner Stimmberechtigten hat einen neuen Volkshelden: Der Garagist Hannes Flückiger besiegte mit seinem Volksvorschlag zur Motorfahrzeugsteuer Regierung und Grossen Rat praktisch im Alleingang.

Jubel an der Steuer-Bar in Auswil: Hannes Flückiger (Mitte mit weissem Kurzarmhemd) stösst mit seinen Mitstreitern an. Rechts die SVP-Grossräte Käthi Wälchli und Christian Hadorn.

Jubel an der Steuer-Bar in Auswil: Hannes Flückiger (Mitte mit weissem Kurzarmhemd) stösst mit seinen Mitstreitern an. Rechts die SVP-Grossräte Käthi Wälchli und Christian Hadorn.

(Bild: Marcel Bieri)

Um 17.18 Uhr geht ein Aufschrei durch die Ausstellungshalle der Garage in Auswil. Jetzt ist Hannes Flückiger die Erleichterung anzusehen. Es war knapp. Bloss 134 Stimmen machten den Unterschied. Den fünfstündigen Abstimmungskrimi hatte er ohne äusserliche Anzeichen von Nervosität durchgestanden. Nun klopfen plötzlich alle ihrem Hannes auf die Schulter. Champagnerkorken knallen. Am ruhigsten bleibt er selber, macht keine grossen Worte. Zu den wenigen, die bis zuletzt ausgeharrt haben, sagt er nur: «Es braucht halt einfach Leute wie euch, danke.»

Für die einen hat Flückiger Geschichte geschrieben, für die anderen wars ein Kampf David gegen Goliath, und die Gegner seines Volksvorschlags werden sich jetzt wohl doch noch genauer mit den Argumenten des aufmüpfigen Auswilers befassen müssen.

Das könnte sich lohnen: Im persönlichen Gespräch kommt Flückiger nämlich ganz anders rüber, als es der Abstimmungskampf vermuten liess. Er habe nie die Offroader fördern wollen, seine Neuwagen hätten mehrheitlich die Energieetikette A, er fordere und fördere selber ökologische Anliegen, sagt er.

«Aufgeblähte Bürokratie»

Warum denn engagierte er sich so energisch gegen das Gesetz zur Besteuerung von Strassenfahrzeugen? «Weil diese verdammte aufgeblähte Bürokratie des Staates keine nachhaltige Wertschöpfung hat», poltert Flückiger. «Und weil viele Politiker und Beamte keine Ahnung haben von den Problemen, die einen, der täglich krampfen muss, betreffen.» Flückiger schlägt vor, dass jede Person, die beim Staat einen Job bekommen will, zuerst ein paar Jahre in der Privatwirtschaft arbeiten müsse. Was er als Gewerbetreibender, Steuer- und Gebührenzahler im Umgang mit der Verwaltung täglich erlebe, sei oft reine Schikane.

Jetzt kommt Flückiger richtig in Fahrt. Es ist 16 Uhr, sein Sieg noch keineswegs sicher. Auf den Einwand, der Staat werde den Bürgern die ihm nun entgehenden 100 bis 120 Millionen Franken auf anderem Weg aus der Tasche ziehen, sagt Flückiger: «Es geht genau um dieses System. Der Staat verbraucht alles, was man ihm gibt.» Deshalb fordere er schlankere Strukturen. «Ich will nicht dort enden, wo Griechenland heute steht, und es kann auch nicht jeder Vierte in der Verwaltung angestellt sein.»

Flückiger hat sich mit den Argumenten von Regierung und Grossrat befasst. Die durch die Ecotax-Vorlage einzusparende Menge an CO2 werde durch die Passagiere des Flughafens Zürich innerhalb weniger Stunden verursacht. Noch weit schlimmer falle ein Vergleich mit den Kohlekraftwerken in Deutschland aus. «Wir müssen die Relationen sehen», sagt Flückiger.

Das Resultat wird bekannt. Christian Hadorn, Präsident der SVP Oberaargau, der im Grossen Rat ursprünglich den Regierungsvorschlag vertrat, jubelt am lautesten. Und wo beschafft der Kanton nun die verlorenen Millionen? «Wir müssen jetzt abwarten», sagt Hadorn, «niemand weiss genau, wie viel wir verlieren. Und viele Autofahrer werden ihre Fahrzeuge wieder im Kanton Bern einlösen.»

«Nicht mit uns» bleibt

Die Musikanten haben zusammengepackt. Es hat noch Hamme. In der Tombola gibt es die Motorfahrzeugsteuer für das Jahr 2012 zu gewinnen. Und die Website www.nichtmituns.ch will Hannes Flückiger jetzt keineswegs aufgeben: «Ich kann mir vorstellen, eine neue Idee zu unterstützen. Es muss aber auf jeden Fall wieder ein richtiger Volksvorschlag sein.» Bis dahin will er sich mehr um seinen eigenen Betrieb und die Familie kümmern. Einer Partei will Hannes Flückiger nicht beitreten.

Berner Zeitung

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