Exoten, die die Landschaft pflegen

Trub

Am Samstag findet in Langnau die erste nationale Elitezuchtschau der Alpakas und Lamas statt. Der Truber Michael Flückiger findet, diese Exoten seien prädestiniert für ein Leben im Emmental.

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Ihre lustigen Augen blicken freundlich, der Mund im spitzen Gesicht scheint sich zu einem ­Lächeln zu verziehen. Die Ohren stellen die Alpakas, die auf einem Hof im Truber Twärengraben zu Hause sind, steil auf. «Sie sind interessiert, was da Neues auf sie zukommt», erklärt ihr Halter Michael Flückiger. Und schon wechselt die Ohrposition in die Waagrechte.

«Es ist alles in Ordnung», übersetzt Flückiger, während er das mitgebrachte Futter im Becher schüttelt und so die Stuten mit ihren Jungtieren zum Fotografen lockt. 13 Tiere gehören zu Flückigers Zucht. Die Hengste hat er bei Freunden in Ersigen einquartiert. «Es ist besser, sie haben keinen Sichtkontakt – sonst müsste ich den Zaun höher ziehen.»

Pilot statt Landwirt

Michael Flückiger und seine Frau Anne, die soeben ihr drittes Kind geboren hat, leben seit einem Jahr in der Twärschür in Trub. Vorher waren sie in Ersigen zu Hause, wo sie für ihre Tiere bloss eine Weide gemietet hatten. Lange hätten sie gesucht, bis sie endlich ein Heimet fanden, auf dem sie Platz haben für die vor fünf Jahren aufgebaute Alpakazucht. Flückiger wäre gerne Landwirt geworden, doch mangels eines Hofs sei aus seinem Bubentraum nichts geworden. Er studierte dann Elektrotechnik, liess sich zum Militärpiloten ausbilden und untersucht heute zivile Flugunfälle. Seine Frau ist Maschineningenieurin. Die Alpakas sind ihr Hobby – noch. «Wir hoffen schon, dass mit der Zeit ein Betriebszweig entsteht, der etwas hergibt», sagt er.

Während Lamas als Lasttiere gezüchtet werden, dienen die kleineren Schwestern, die Alpakas, als Wolllieferantinnen. Sie werden einmal jährlich geschoren. «Doch für die Wolle gab es in der Schweiz bislang überhaupt keinen Markt», sagt Flückiger. Zusammen mit Freunden aus Riggisberg arbeiten er und seine Frau an einem Projekt, das es möglich machen soll, dass das wertvolle Vlies der Alpakas zu Bettwaren und Kleidung verarbeitet werden kann.

«Für Alpakawolle gab es in der Schweiz bislang überhaupt keinen Markt.»Michael Flückiger

«Heute hat jeder Alpakazüchter zu viel Wolle zum Wegschmeissen und zu wenig, um selber etwas daraus herzustellen», sagt Flückiger. Die Firma mit Sitz in Riggisberg, die er aufbauen half, dient als Drehscheibe, damit die Wolle zu hochwertigen Duvets verarbeitet werden kann. Aus den besten Teilen liesse sich noch mehr herausholen, ist Flückiger überzeugt. Noch kann das Vlies in der Schweiz nicht in grossem Stil in strickbare Wolle verarbeitet werden.

Auf die Wolle kommt es an

Wenn am Samstag in der Langnauer Markthalle die erste nationale Elitezuchtschau der Alpakas und Lamas stattfindet, wird genau die Beschaffenheit der Wolle ausschlaggebend sein, ob eine Stute mit einem Miss-Titel ausgestattet wird oder nicht. Zugelassen sind Tiere, die bei der linearen Beschreibung mindestens 95 Punkte erreichten. Das heisst: Experten kamen auf den Hof und bewerteten die äusseren, messbaren Merkmale. Während Viehschauen etwa in der Kritik stehen, weil Züchter Kühe mit überfüllten Eutern präsentieren , müssen die Alpakas keine Strapazen gewärtigen – auch kein aufwendiges Styling. «Würden wir sie bürsten oder waschen, würden wir bloss die Struktur ihrer Vliesdecke zerstören», erklärt Flückiger.

Sauber und schonend

Der Truber Hobbyzüchter ist froh, dass die erste Eliteschau am Samstag ausgerechnet in Langnau stattfindet. Sein Ziel ist es, das Alpaka bei den Landwirten im Emmental bekannt zu machen. Denn kaum ein Tier sei so gut geeignet, Waldränder und Alpen abzugrasen und so der drohenden Verbuschung entgegenzuwirken. Im Gegensatz zu Rindern verursache das 60 bis 80 Kilo schwere Alpaka keine Trittschäden, da es nicht über Hufe, sondern über feine Schwielensohlen verfüge. Als schonend bezeichnet er auch die Art, wie es sich über Gras und Sträucher hermacht. «Das Alpaka ist ein Kurzhalmfresser, es beisst die Blätter und Gräser ab und reisst sie nicht aus», erklärt Flückiger. Zudem lebt es bei Wind und Wetter draussen.

Nur bei der Geburt ist es auf trockene Verhältnisse angewiesen. Dabei weiss sich das Tier selbst zu helfen: Während die normale Tragezeit 355 Tage betrage, könne die Geburt auch wesentlich später stattfinden. «Die Stuten warten, bis die Sonne scheint, damit die Fohlen trocknen können. In Regenzeiten gebären sie einfach nicht», erklärt Flückiger. Obwohl Alpakas also wenig zu tun geben, empfiehlt es sich nicht, sie tagelang sich selber zu überlassen.

«Die Stuten warten, bis die Sonne scheint, damit die Fohlen trocknen können. In Regenzeiten gebären sie einfach nicht.»Michael Flückiger

Ihr Feind seien die Parasiten, die sie mit dem Futter aufnehmen könnten, sagt der Züchter. Deshalb gelte es, den Kot regelmässig zu kontrollieren. Die Bällchen sind also wichtig für den Alpakahalter. Sie könnten aber auch als Düngemittel eingesammelt und in Wert gesetzt werden, nennt Flückiger eine weitere potenzielle Verdienstquelle.

Doch vorerst hofft der Neuzuzüger, die Emmentaler Bauern mit dem Feldversuch zu überzeugen, den er diesen Herbst mit seinem Nachbarn gestartet hat. Von ihm konnte Flückiger eine Weide pachten. Die Alpakas sollen nun beweisen, wie sauber und schonend sie Waldränder pflegen können.

Berner Zeitung

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