«Es ist schlimmer geworden»

Das Verschwinden des jungen Paars aus Langnau weckt bei Elizabeth Neuenschwander Erinnerungen an ihre eigene Zeit als Entwicklungshelferin.

Chauffeure und Wächter gehörten für Elizabeth Neuenschwander schon in den späten 1980er-Jahren zum Alltag.

Chauffeure und Wächter gehörten für Elizabeth Neuenschwander schon in den späten 1980er-Jahren zum Alltag.

(Bild: zvg)

Stephan Künzi

Zu behaupten, dass das in Pakistan verschleppte junge Paar aus Langnau an seiner misslichen Situation letztlich «selber schuld» sei – nein, davon ist Elizabeth Neuenschwander weit entfernt. Nur allzu schnell füllten sich die Leserbriefspalten mit solchen und ähnlichen Vorwürfen, als die Medien Anfang Monat vom Verschwinden des 31-jährigen Polizisten David O. und dessen 28-jähriger Freundin Daniela W. berichteten. Wie gefährlich es in der betroffenen Provinz Belutschistan sei, wisse man ja längst – aber eben, jetzt nimmt Elizabeth Neuenschwander die zwei jungen Weltenbummler etwas aus der Schusslinie und betont: «Die beiden hatten auch Pech.»

Die 81-jährige Schangnauer Ehrenbürgerin, die heute in Bern lebt, spricht aus Erfahrung. Immerhin hat sie fast ein Jahrzehnt lang als Entwicklungshelferin in Belutschistan gelebt. Im Auftrag der UNO und einer privaten Organisation leitete sie ab 1986 afghanische Flüchtlingsfrauen, die in diesem pakistanischen Landstrich nahe ihrer Heimat gestrandet waren, im Nähen an.

Zuerst tat sie dies von der Provinzstadt Loralai aus, wo das junge Paar Anfang Monat noch heil durchgekommen war. Später zog sie ins Regionalzentrum Quetta, das die beiden schon nicht mehr erreichten – aus ihrer Arbeit heraus sind ein Frauenzentrum für 70 Näherinnen und eine Grundschule für mehr als 1300 Kinder entstanden, zwei Werke, in denen bis heute junge Menschen ausgebildet werden.

Rätselhafter Unfalltod

Bei alledem stellt auch Elizabeth Neuenschwander fest, dass «es schlimmer geworden ist». Sie erinnert daran, dass auf der Route von David O. und Daniela W. – immerhin eine der grossen Transitachsen von Indien in den Iran – noch zu ihrer Zeit regelmässig ausländische Reisende anzutreffen waren. Und daran, dass der Islam gerade in der Grenzregion von Pakistan zu Afghanistan radikaler geworden ist.

Ihren Teil dazu trügen die immer zahlreicheren Koranschulen bei, erzählt sie. Anders als früher, wo sich der Unterricht nicht nur auf religiöse Themen beschränkt habe, gehe es dort heute vor allem noch darum, den Koran in einseitiger Art auf Arabisch auswendig zu lernen. Diese Entwicklung sei umso verhängnisvoller, als die Schulen mit ihrem Angebot, die Kinder gleich auch zu verpflegen, vornehmlich die ärmeren Familien ansprächen.

Für ihre zwei Werke hat Elizabeth Neuenschwander daraus die Konsequenzen gezogen. Schon vor ein paar Jahren hat sie das Frauenzentrum von Belutschistan weg nach Afghanistan verlegt, den Ausschlag gaben damals der rätselhafte Unfalltod der Leiterin vor Ort sowie die ständigen Ängste, die die Nachfolgerin ausstehen musste. Dem Leiter der Grundschule, der heute von einer Filiale in Afghanistan aus arbeitet, rät sie neuerdings sogar gänzlich von Reisen in die Zentrale in Belutschistan ab.

Wie es ist, dauernd auf der Hut sein zu müssen, hat Elizabeth Neuenschwander selber erlebt. Bereits zu ihrer Zeit musste sie sich, sobald sie die Stadt verliess und zu einem der vielen Flüchtlingslager fuhr, von Wächtern begleiten lassen.

Auf den Vorteil aus

Schlecht bezahlt seien die Männer gewesen und deshalb nicht immer gleich motiviert. Dennoch glaubt sie, dass ihre Präsenz ein gewisses Mass an Schutz garantierte. Auch wenn ihre dürftige Bewaffnung gegen ein hoch gerüstetes Kommando wohl wenig hätte ausrichten können: Die Wächter, sagt sie, wären sehr schlecht dagestanden, wenn es just in ihrer Gegenwart zu einem Überfall gekommen wäre.

Ohnehin geht Elizabeth Neuenschwander davon aus, dass in solchen Momenten Absprachen zwischen Freund und Feind laufen. Und dass beide Seiten stets auf den finanziellen Vorteil aus sind – dass solch persönliche Kontakte auch mal nützlich sein können, hat sie ebenfalls erfahren. Damals, als bewaffnete Einheimische ihr Auto an der Weiterfahrt hinderten und schliesslich nur von ihr abliessen, weil sie den Chauffeur kannten.

Eng mit diesem Chauffeur verknüpft ist eine der schmerzlichsten Erinnerungen an Belutschistan. Eines Tages war der junge Mann nämlich verschwunden, er sei, so hiess es später, auf einer Fahrt im Dienst überfallen worden. Obwohl Elizabeth Neuenschwander Nachforschungen anstellen liess, kam er nie mehr zum Vorschein. Sehr vorsichtig habe sie ans Werk gehen müssen, «um meine eigene Sicherheit nicht auch noch zu gefährden», schrieb sie damals. Dass sie beim Überfall nicht zugegen war, verdankte sie übrigens einer Einladung, die sie just zu der Zeit in die USA geführt hatte. Und so fragt sie sich heute nachdenklich: «Wäre ich sonst auch nicht mehr da?»

Ein VW-Bus fällt auf

Natürlich hofft Elizabeth Neuenschwander, dass der aktuelle Fall anders ausgeht und David O. mit Daniela W. rasch freikommt. Unvermittelt gerät sie nochmals ins Sinnieren: Mit dem blauen VW-Bus und den Berner Kennzeichen seien die beiden als Ausländer sofort erkennbar gewesen. Wo doch die Einheimischen im Pick-up unterwegs seien – «mein Schulleiter fährt absichtlich mit einem staubigen Auto herum. So fällt er weniger auf.»

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt

Loading Form...