Langenthal

Erinnerungen an wilde Technopartys

LangenthalMirosch Gerber, der von 1993 bis 2001 die «Megaraves» auf dem Gugelmann-Areal organisiert hatte, gewährte am Freitagabend im Kunsthaus einen Einblick in die Zeit, als Roggwil zum Raver-Mekka wurde.

Mirosch Gerber (links), ehemaliger Organisator der «Megaraves», blickte am Freitagabend mit Musikjournalist Philipp Anz (Mitte) und Kunsthausleiter Raffael Dörig auf die Technopartys in Roggwil zurück.

Mirosch Gerber (links), ehemaliger Organisator der «Megaraves», blickte am Freitagabend mit Musikjournalist Philipp Anz (Mitte) und Kunsthausleiter Raffael Dörig auf die Technopartys in Roggwil zurück. Bild: Daniel Fuchs

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Es waren veritable Pilgerzüge, die sich vier Mal im Jahr auf den Weg ins beschauliche Roggwil machten. Zu Tausenden kamen sie in den 1990er-Jahren: Raverinnen und Raver (so nennen sich die Anhänger der Technoszene) aus ganz Europa, welche die Bevölkerungszahl der Oberaargauer Gemeinde über Nacht um das Fünffache ansteigen liessen.

Die einheimische Bevölkerung schaute dem bunten Treiben interessiert zu. Viele machten es sich sogar draussen bequem, um den Marsch der wilden Vögel hautnah mitzuerleben. «Es isch Chilbi gsi», sagt Mirosch Gerber, der Hauptverantwortliche dieser «Happenings», rückblickend.

Mit Technovirus infiziert

13 Jahre nach dem letzten «Megarave» auf dem Gugelmann-Areal nimmt sich das Kunsthaus Langenthal des Themas in einer Sonderausstellung an. Im Rahmen der Ausstellung diskutierte am Freitagabend Kunsthausleiter Raffael Dörig zusammen mit Mirosch Gerber und Musikjournalist Philipp Anz über die Zeit kurz vor der Jahrtausendwende, als Techno die Welt und zeitweilig auch den Oberaargau eroberte.

Gerber wie auch Anz infizierten sich Anfang der 1990er-Jahre in London mit dem Technovirus. Es war damals ein Bruch mit allen bisherigen Musikkonzepten: Laute, harte, maschinell erzeugte Rhythmen liessen die Menschen nächtelang durchtanzen. Dieses Konzept konnte auch in der Schweiz Erfolg haben, war Gerber damals überzeugt.

Die leer stehenden Hallen des Gugelmann-Areals, wo Gerber seine Elektrikerlehre absolvierte, waren als Location wie gemacht für einen solchen Event. Arealbesitzer Adrian Gasser war froh, dass er einige der 10000 Quadratmeter leer stehender Fläche vermieten konnte, und so bekamen Gerber und seine Mitstreiter den Zuschlag.

Ein lohnendes Geschäft

Und der Erfolg liess nicht lange auf sich warten. Bereits an einem der ersten Raves kamen statt der kalkulierten 1500 Leute mehr als 6000. Es mussten nach jedem Event immer mehr Hallen hinzugemietet werden. Der Erfolg verschob auch die Prioritäten in Gerbers Leben: Als Elektriker verdiente er damals im Jahr gut 50'000 Franken. Als Organisator der Raves machte er pro Jahr eine Million Franken Umsatz. Aus der Nebenbeschäftigung wurde so ein Beruf.

Es waren diese Anfangsjahre, die Gerber im Nachhinein als «eine magische Geschichte» in Erinnerung hat. Mit der steigenden Popularität setzte auch die Kommerzialisierung ein. Die Zeit der Narrenfreiheit war vorbei. «Wir hatten die Leute auf eine Reise geschickt und konnten sie nicht mehr zurückholen», sagt Gerber rückblickend etwas wehmütig.

Man war quasi gezwungen, die kommerzielle Entwicklung mitzugehen, so Gerber. Insbesondere auch, um den Standort auf dem Gugelmann-Areal halten zu können. Liegenschaftsbesitzer Gasser habe klar kalkuliert, so Gerber. «Er hatte Dossiers von anderen Veranstaltern griffbereit, die beim kleinsten Fehltritt von uns eingesprungen wären.»

Plötzlich da, plötzlich weg

So jäh das Phänomen der Megaraves den Oberaargau in Beschlag genommen hatte, so jäh verschwand es auch wieder. Nach dem grossen Brand auf dem Areal 2001 war Schluss. Heutzutage wäre so ein Erfolg mit diesen bescheidenen Mitteln kaum mehr vorstellbar, ist Gerber überzeugt: «Die Gagen, die Mieten und die behördlichen Auflagen sind seither explodiert.»

Kaum vorstellbar war auch das bescheidene Sicherheitsdispositiv, welches zur Durchführung der Anlässe aufgeboten wurde. 80 Sicherheitsleute und 10 Sanitäter trafen in den Boomjahren auf eine Masse von 12'000 tanzwütigen Ravern. «Heute würden sie dich mit einem derartigen Konzept auslachen», sagt Gerber. (Berner Zeitung)

Erstellt: 02.11.2014, 18:14 Uhr

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