Rüegsauschachen

«Er verfügt über Kräfte, die andere nicht haben»

RüegsauschachenBZ-Redaktor Hans Herrmann hat ein Buch geschrieben über den Heiler und Handaufleger Walter Wiedmer aus Rüegsauschachen. Im Laufe der Recherchen hat er sich selber den geheimnisvollen Händen anvertraut.

Ein Blick ins Verborgene: BZ-Redaktor Hans Herrmann hat sich aufgemacht, das Wirken des Handauflegers Walter Wiedmer zu ergründen.

Ein Blick ins Verborgene: BZ-Redaktor Hans Herrmann hat sich aufgemacht, das Wirken des Handauflegers Walter Wiedmer zu ergründen. Bild: Thomas Peter

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Herr Herrmann, wie steht es um Ihr Sodbrennen?
Hans Herrmann: Ich hatte einen recht guten Sommer und komme mit Medikamenten in markant tieferer Dosierung aus.

Aber losgeworden sind Sie Ihr Leiden trotz der Behandlung durch Walter Wiedmer nicht.
Nein. Aber es hat wie gesagt merklich gebessert, und bevor ich zu ihm gegangen bin, war ich recht verkrampft. Seither bin ich gelassener – wobei zusätzlich auch andere heilsame Faktoren mitspielen.

Wie war Ihnen zumute, als Sie sich in die Hände des Heilers begaben?
Wenn man als Biograf objektiv sein will, sollte man sich menschlich nicht zu stark auf die porträtierte Person einlassen. Deshalb habe ich lange gezögert, bevor ich mich von ihm behandeln liess. Aber ansonsten hatte ich keine Bedenken. Ich hatte auch keine Angst, mit irgendwelchen unsauberen Kräften kontaminiert zu werden.

Im Buch beschreiben Sie, wie die Liege unter Ihnen während der Behandlung plötzlich in Bewegung zu geraten schien. War das nicht unheimlich?
Eigentlich hatte ich damit gerechnet, unter Wiedmers Händen eine starke Wärme zu spüren, weil mir das von vielen so geschildert worden war. Doch bei mir war es anders. Plötzlich hatte ich das seltsame Gefühl, als würde das Raum-Zeit-Gefüge in einer anderen Frequenz schwingen als normal. Anders kann ich es kaum beschreiben.

Wie ist Wiedmer vorgegangen?
Er sagt, er spüre eine Wärme, wenn er eine Stelle erreiche, an der etwas nicht stimme. Recht intensiv tastete er mit seinen Händen meinen Bauch ab. Ich hatte das Gefühl, er folge seinem Instinkt und suche nach etwas. Zwischendurch plauderte er ein bisschen, erkundigte sich nach Familie und Beruf, den Essgewohnheiten und gab Tipps. Plötzlich schien er dann seine Kräfte einwirken zu lassen.

Bekamen Sie Angst?
Es war schon kurz beängstigend, weil ich überhaupt nicht mit solchen Empfindungen gerechnet hatte. Ich spürte, dass irgendetwas auf mich einwirkte. Da bekam ich Herzklopfen und musste mich mit dem Gedanken beruhigen, dass es irgendwann aufhören würde.

Konnte Ihnen Wiedmer erklären, was da passiert ist?
Ich war ja als Patient bei ihm, draussen warteten bereits die nächsten, deshalb wollte ich ihn damals nicht mit Fragen löchern. Später kam ich darauf, dass auch er nicht erklären kann, warum seine Patienten unterschiedlich reagieren. Einige empfinden eine starke Wärme, andere sprechen von einem Vibrieren, wieder andere von einem Kraftfluss.

Wiedmer hält sich mit Erklärungen zur Wirkungsweise seiner Heilmethode stark zurück. Will er sich die Aura des Geheimnisvollen bewahren?
Für seine Zurückhaltung sehe ich zwei Gründe. Erstens lassen sich Dinge, die sich dem Mess- und Wägbaren entziehen, gar nicht richtig in Worte fassen. Ein genialer Komponist kann auch kaum erklären, wie er zu seinen überragenden Einfällen kommt. Bei Walter Wiedmer ist das ähnlich: Er hat die Gabe des Heilens und kann nicht bis ins Letzte erläutern, was dabei passiert. Zweitens liegt es ein bisschen in der Volksseele der Emmentaler, dass man über gewisse Dinge nicht unbedingt gern spricht. Und letzten Endes heisst es ja, dass man Geheimnisse nicht zerreden dürfe, sie würden sonst ihre Kraft verlieren.

So kann er sein Können aber auch nicht weitergeben.
Nein, das kann er wohl nicht. Er hat mir ganz klar gesagt: «Heilen kannst du nicht lernen, das ist angeboren.» Das erinnert mich an Beethoven: Er wollte seine Gabe an seinen Neffen Karl weitergeben, scheiterte aber, weil dieser in Gottes Namen kein musikalisches Talent hatte. Punkt.

Walter Wiedmer setzt seine Gabe auch mit einem natürlichen Talent gleich – wie dem Talent für Musik.
Genau. Er nannte als Beispiel den Jodelkomponisten Adolf Stähli, der wie er eine Gabe in die Wiege gelegt bekommen habe.

Hatten Sie sich erhofft, mehr Erklärungen zu bekommen?
Nicht unbedingt. Ich wusste, dass er einer ist, der das Herz nicht auf der Zunge trägt. Wäre ich mit einem intellektuellen, wortgewandten, urbanen Heiler zusammengekommen, der seine Kunst in einem indischen Ashram erlernt hat, hätte ich wohl mit x Theorien über Chakren, energetische Meridiane, spirituelle Flüsse und dergleichen rechnen müssen.

Hätten Sie sich einem solchen Heiler auch anvertraut?
Eher nicht. In diesem Kontext ist es oft eine allzu abgehobene Sache, ausgeübt von Leuten, die das Gefühl haben, sie möchten noch ein bisschen heilen, nachdem sie mit ihrem bisherigen Leben nicht mehr recht zufrieden waren. Für mich persönlich ist das zu wenig authentisch.

Verstehen Sie jetzt, was bei Walter Wiedmer passiert?
Ich verstehe es insofern besser, als ich mich damit auseinandergesetzt habe. Wiedmer selber hat mir das Tor zum Geheimnis nicht aufgetan. Aber ich habe mich mit dem Placeboeffekt befasst und erkannt, wie mächtig dieser ist. Dann stiess ich auf Wissenschaftler, die attestieren, dass es beim Handauflegen zu Effekten kommen kann, die deutlich über jenen des Placebo hinausreichen. Dabei würden Schaltstellen im Hirn neu vernetzt, sodass es zu manchmal geradezu verblüffenden Selbstheilungen komme.

Selbstheilung?
Im Körper wohnt der «innere Arzt». Zuweilen schläft er aber auch. Heiler haben irgendwie die Fähigkeit, diesem einen Tritt in den Hintern zu verpassen, damit er wieder sein Bestes gibt.

Warum aber gehen die Leute erst zum Heiler, wenn die Schulmedizin versagt hat?
Handauflegen gehört zur Volksmedizin wie zum Beispiel Kräuterkunde oder Schröpfen. Gegen das beeindruckende Heilmittelarsenal der akademischen Medizin nimmt sich das fast ein wenig wie «Steinzeit» aus. Zudem lässt sich der Wirkungsmechanismus moderner Pharmapräparate rational erklären. Heute leben wir in einer wissenschaftsgläubigen Welt. Was wissenschaftlich nicht erklärbar ist, schiebt man beiseite. Entsprechend wartet man mit dem «Wunderheiler» bis zuletzt. Am besten wäre, wenn sich Schul- und Volksmedizin harmonisch ergänzen würden.

Wiedmer sagt, Krankheiten könnten auch Teil des Schicksals sein. Wer zum Heiler läuft, akzeptiert demnach sein Schicksal nicht.
Nun gut. Man hatte eine Zeit der Gesundheit, dann wird man vielleicht chronisch krank und denkt, Donnerhagel, es wäre doch schön, wenn es wieder wäre wie einst in jungen Jahren. Können weder Arzt noch Heiler helfen, muss man sich irgendwann mit der Krankheit arrangieren. Auch da kann einer wie Wiedmer mit seinem Tiefblick helfen, indem er einen aufbaut und zeigt, wie man die Krankheit besser erträgt. Das wäre ja auch die Aufgabe eines Arztes. Aber diese haben heute oftmals schlichtweg keine Zeit mehr dafür.

Wie viel kostet eine Behandlung bei Wiedmer?
Im Buch wollte er diese Frage nicht beantwortet haben, ich fühle mich deshalb nicht berechtigt, die Preise auszuplaudern. Aber seine Tarife sind günstig.

Wer sich auf seinen Schragen legt, liefert sich unbekannten Kräften aus. In christlichen Kreisen heisst es, es seien dämonische Kräfte. Was sagen Sie dazu?
Wenn ich Walter Wiedmer zugestehe, dass er über Kräfte verfügt, die andere nicht haben, anerkenne ich, dass es Kräfte gibt, die sich der wissenschaftlichen Erforschung entziehen. Dann kann ich nicht gleichzeitig behaupten, es gäbe keine dunklen Kräfte. Für mich bin ich zum Schluss gekommen, dass die Gesinnung hinter dem Tun entscheidet, ob etwas gut oder böse ist. Walter Wiedmer habe ich als Mann kennen gelernt, der seine Gabe zu nichts anderem als zu Heilungszwecken einsetzen will.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 24.10.2012, 08:37 Uhr

Das Buch

Unter dem Titel «Der Chüscheler» hat der Burgdorfer Autor Hans Herrmann über den Emmentaler Handaufleger Walter Wiedmer ein Buch geschrieben. Der ehemalige Fabrikarbeiter mit den heilenden Kräften hatte von sich aus nach einem Biografen gesucht. Als Herrmann dann in dessen Stube in Rüegsauschachen sass, floss ihm das Material aber nicht immer in gewaltigen Redeschwällen zu. Wiedmer ist kein Mann der grossen Worte. Der Heiler war offenbar auch nicht übermässig daran interessiert, alle Geheimnisse zu lüften und die Wirkungsweise seiner Heilmethode detailliert zu erklären. Vieles bleibt auch nach der Lektüre des Buches unbeantwortet. Dennoch gelingt es Herrmann, der intensiv recherchiert hat, ein bisschen Licht in die geheimnisvolle Welt der Handaufleger zu bringen. Was rational erklärbar ist, erklärt er. Dass nicht alles erklärbar ist, stört ihn nicht: «Liegt nicht gerade im Verhüllten, im grossen Geheimnis eine Kraft, die uns Menschen immer wieder im Innersten berührt, belebt und antreibt?», schreibt er im Nachwort.
Herrmann arbeitet als Redaktor bei der Berner Zeitung, Redaktion Emmental. Er ist 49, verheiratet und hat zwei Söhne.

Hans Herrmann: «Der Chüscheler»,
ISBN 978-3-905980-12-7,
www.landverlag.ch

Walter Wiedmer, der Mann mit den heilenden Händen. (Bild: Hans Wüthrich)

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