Er lernt mit den Tigers fürs Leben

Langnau

Als die SCL Tigers den Ligaerhalt auf sicher hatten, atmete Hanspeter Haldemann auf. Seit 47 Jahren verfolgt er praktisch jedes Heimspiel. Dabei geht es ihm um mehr als um ein paar Punkte.

Manchmal, wenn er in der Ilfishalle auf der Tribüne sitzt und dem Kampf der SCL Tigers auf dem Eis zuschaut, fragt er sich: «Hämpu, musst du dir das wirklich noch antun?» Nie fragt sich das Hanspeter Haldemann während der normalen Meisterschaft. Da steht es für den 55-Jährigen ausser Frage, dass er dort sein will, wo sein «Herzblut» fliesst: bei dem Eishockeyclub, dessen Spiele er schon als kleiner Junge besuchte. Zweifel kommen in dem Malermeister mit eigenem Geschäft erst dann auf, wenn es wieder um so viel wie einen Auf- oder Abstieg geht.

Dann sitzt Haldemann, äusserlich ruhig, auf seinem Sitzplatz in der zweitobersten Reihe im Sektor E und leidet. Selten bricht der Frust aus ihm heraus, so wie damals im letzten Winter, als die Tigers im fünften Spiel gegen Olten, im Kampf um den B-Meister-Titel, blöd verloren. «Da habe ich auch einmal ein bisschen getobt und ‹Verdammte Nashörner› gerufen», sagt er. Das fiel auf in der Umgebung. Prompt wurde Haldemann vorgestern, nachdem die «Nashörner» den EHC Biel doch noch bezwungen hatten, an seinen damaligen Ausbruch er­innert.

Kritik an der Gewalt

Es fällt tatsächlich schwer, sich den ruhig sprechenden Mann als hitzigen Fan vorzustellen, der während des Spiels alles vergisst, was ihn die Kinderstube einst gelehrt hat. Er hat auch wenig Verständnis für das Verhalten der Fans, die pfeifen, sobald die Schiedsrichter und Gegner aufs Eisfeld kommen.

Vor allem die Gästefans würden eine immer aggressivere Stimmung verbreiten, was natürlich Gegenreaktionen erzeuge, kritisiert er. Angesichts des Polizeiaufgebots, das jeweils bereitsteht, sagt Haldemann: «Mir macht das Angst, dass un­sere Gesellschaft offenbar bereit ist, gewalttätig zu handeln.» Und dann sagt er etwas, von dem er sich einst vorgenommen habe, es nie zu sagen: «Früher.» Früher hätten die Fans ihre Aufgabe darin gesehen, die eigene Mannschaft anzufeuern, und nicht, die gegnerische niederzubrüllen.

Vom Vater auf den Sohn

Doch Hanspeter Haldemann wird seinen Terminkalender in den Wintermonaten weiterhin nach dem Spielplan der SCL Tigers richten. Seine Frau und die 13-jährige Tochter würden das akzeptieren, obwohl sie selber seine Leidenschaft nicht teilen. Der 23-jährige Sohn jedoch ist ebenso infiziert von dem Virus wie der Vater. Mit ihm fiebere nun die dritte Generation für die Tigers, sagt Hanspeter Haldemann, der seinerzeit als Bub von Signau mit seinem Vater an die Matchs fahren durfte. Angefangen hat es vor 47 Jahren – zu einer Zeit, als der SCL noch unter ­freiem Himmel spielte und einige ennet der Ilfis «in den Tannen hingen», um die Spiele gratis verfolgen zu können.

«Faszinierende Mentalität»

Fragt man Hanspeter Haldemann nach der Bedeutung, die die Tigers für ihn haben, ringt er um die treffenden Worte. Es geht ihm um viel mehr als darum, ob die Mannschaft ein paar Punkte mehr oder weniger hat. «Die Zeiten, da ich wegen der Tigers nicht schlafen konnte, sind längst vorbei», sagt er und sinniert: «Es geht um eine Geschichte, die mich von Kindesbeinen an begleitet.»

Um Erinnerungen an seinen Vater und den 80-jährigen Grossvater, der sich, ohne es zugeben zu wollen, ebenfalls zu interessieren begann. Es gehe aber auch «um eine Mentalität, die mich fasziniert», sagt Haldemann und denkt dabei an die vielen Leute, die er Winter für Winter an der gleichen Stelle im Stadion antreffe. Es geht um Treue, um Beständigkeit. Und um die Identität einer Region, in der man eine Zeit lang das Gefühl gehabt habe, sie würde alles ver­lieren. «Die Tigers sind der Ge­genpol, sie zeigen, dass man auch im Emmental etwas erreichen kann.»

Die Lebensschule

Seit Donnerstag ist klar, dass der SCL auch nächste Saison in der höchsten Liga spielen wird. «Das freut mich für den Verwaltungsrat und die Gemeinde Langnau, die sich so grosszügig eingesetzt haben für die Tigers», sagt Haldemann. Das freut ihn aber natürlich auch für sich selbst, jedenfalls hat er die Tatsache, dass die Saison doch noch erfreulich ausgegangen ist, «bei zwei Bier mit Kollegen» ein bisschen gefeiert. Wäre es anders herausgekommen, hätte sich Haldemann auf dem Heimweg vielleicht gefragt, warum er sich dieses Leiden wieder angetan habe.

Aber dann hätte er das Spiel als das betrachtet, was es ist: «Bloss ein Spiel.» Ein Spiel allerdings, das für Haldemann das Leben widerspiegelt. «Wir haben immer wieder mit Niederlagen und Abstiegen zu kämpfen, und trotzdem geht das Leben weiter», sagt er und stellt fest: «Als Langnau-Fan kommt man besser durchs Leben.» Weil man diesen Kampf immer wieder üben könne.

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