Elisabeth Zächs Verteidigung von Burgdorf

Burgdorf

Burgdorfs Stadtpräsidentin Elisabeth Zäch vertritt ihre Kleinstadt mit Leidenschaft und Energie als Regionalzentrum, das sein Hinterland belebt und so den Kanton voranbringt.

Stadtpräsidentin Elisabeth Zäch vor dem Gymnasium Burgdorf, auf dem Hügel mit all den Bildungsinstituten, die das Gehirn der «Stadt im Emmental» bilden.

Stadtpräsidentin Elisabeth Zäch vor dem Gymnasium Burgdorf, auf dem Hügel mit all den Bildungsinstituten, die das Gehirn der «Stadt im Emmental» bilden.

(Bild: Thomas Peter)

Stefan von Bergen@StefanvonBergen

Elisabeth Zächs Laune ist trotz Eiseskälte glänzend. Es geht aufwärts mit ihrem Burgdorf. Die Stadtpräsidentin marschiert im Sauseschritt über das Bahnhofgelände und beschwört mit ausgreifenden Armbewegungen das neue Leben herauf, das einziehen werde in die Gebäude der umgezogenen Landmaschinenfabrik Aebi. Wer Zäch zuhört, kann den Eindruck bekommen, dass am Bahnhof Burgdorf gerade Berns lukrative Zukunft beginnt.

Glamour und Aufbruchsgeist

Strahlend erwidert Zäch unterwegs Grüsse der Passanten. Viele duzen sie. Man liebt sie. Die energische St.Gallerin verleiht der Kleinstadt einen Hauch von Glamour und überzeugt Burgdorf, an seinen Aufbruch zu glauben.

Darauf vertrauen auch andere. Die Alfred Müller AG – die Zuger Immobilienfirma, die das Bahnhofareal besitzt – setzt auf dessen Potenzial. Der Kanton hat es zum Entwicklungsschwerpunkt erhoben. 1200 Neuzuzüger, die seit 2007 nach Burgdorf kamen, glauben an die Lebensqualität der beschaulichen und erschwinglichen Stadt. Und rund 7000 Pendler frequentieren täglich ihren Bahnhof, die Mehrzahl, um hier zu arbeiten. Burgdorf scheint ein Erfolgsmodell zu sein, nach dem Prinzip «small is beautiful».

Im letzten März wurde der Glaube daran erschüttert. Die Kantonsregierung wollte die Fachhochschule in Bern und in einem neuen Campus in Biel konzentrieren. Burgdorf wäre leer ausgegangen. Wie eine Löwin kämpfte Zäch zäh für ihre Stadt. Im Grossen Rat, in dem sie für die SP einsitzt, schmiedete sie eine Landallianz, die durchsetzte, dass Burgdorf Fachhochschulstandort blieb. Das Seilziehen wurde im ganzen Land kommentiert. Als Beispiel für die Unfähigkeit der Berner, ihre verzettelten Strukturen zu zentralisieren.

Regionales Credo

Dezentral gegen zentral: Elisabeth Zäch kann es nicht mehr hören. «Ein Projekt im Grossraum Bern gilt als Projekt für den Kanton, eines in Burgdorf aber ist bloss regional», ärgert sie sich. Heftige Atemwolken sondert sie dabei in die kalte Luft ab. «Wir sind hier keine Hinterwälder, auch wir wollen ein starkes Zentrum Bern.» Aber Bern sei nun mal ein Flächenkanton mit vielen Regionen, kommt Zäch zu ihrem Credo: «Der Kanton braucht eine Idee, wie er seine Regionen vor dem Ausbluten bewahrt.» Sie ist überzeugt, dass es dazu regionale Zentren braucht.

Der Kanton sei weniger in einem Stadt-Land-Gegensatz blockiert als in der Schwarzweisssicht, dass alles Städtische gut, das Regionale aber schwach und teuer sei. Ist das ein Plädoyer für den Fortbestand der teuren Infrastruktur in jeder Landregion? Zäch schüttelt den Kopf. Beim anstehenden Sparprogramm müssten sich «alle Regionen und Politiker in einem Gesellschaftsvertrag einigen, was dem Kanton wichtig ist und worauf er verzichtet». Wie der Grosse Rat jüngst schnell 130 Millionen Franken gespart habe, sei konzeptlos und mache bloss alle wütend.

Burgdorfs Gehirn

In Zächs Vertrag muss auch die regionale Perspektive einfliessen. Was das heisst, erläutert sie beim Marsch auf Burgdorfs Bildungshügel. Wir passieren das kantonale Technikum, das Burgdorf 1891 zugeteilt wurde. Es begründete eine Bildungstradition, auf die sich Zäch gerne beruft. Hinter dem altehrwürdigen Hauptgebäude erheben sich jüngere Trakte, die zu einem Bildungsviertel zusammengewachsen sind. Es ist Burgdorfs Gehirn. «Das kann man uns doch nicht wegnehmen», sagt Zäch. Es wäre nicht nur traurig, sondern auch unvernünftig, findet sie. Boden und Gebäude gehören dem Kanton. Der könnte hier mit Neubauten verdichten – und einige der 8 Millionen Franken einsparen, die die Miete der in der Stadt Bern verzettelten Fachhochschulstandorte im Jahr kostet.

Mit der Idee, im Bahnhofareal einen Technikcampus für die Fachhochschule einzurichten, ist Burgdorf im Grossen Rat abgeblitzt. Entstehen soll er nun in Biel. Bloss 25 Kilometer entfernt wird der Campus von Neuenburg gebaut. Macht diese Doppelspurigkeit Sinn, wo doch Neuenburg zur Berner Hauptstadtregion gehört, in der Aufgaben auch über die Kantonsgrenzen hinweg konzentriert werden sollen?

Urbanes Selbstbewusstsein

Elisabeth Zäch will sich zu den gefällten Standortentscheiden nicht mehr äussern. Aber sie beharrt auf dem Grundsatz, dass der Kanton Schwerpunkte nicht zwingend nur in grossen Städten setzen müsse. In Burgdorf könnte man im bestehenden Campus rasch und günstig die restlichen Fachhochschulbereiche konzentrieren, ist sie überzeugt. Ihre Stadt sei bloss 12 Zugsminuten von Bern entfernt und so zentraler gelegen als manches Stadtberner Aussenquartier. Burgdorfs Gegner erwidern, eine Hochschule entfalte an Kraftorten Wirkung und Synergien, wo der nationale Standortwettbewerb abläuft. Also in Bern und Biel.

Von der Aussichtsterrasse des nahen Gymnasiums blickt Zäch ins Emmental und erteilt eine kleine Lektion in Marketing. Burgdorf nenne sich nicht mehr «Tor zum Emmental», sondern «Stadt im Emmental». Es fühle sich dem Land verbunden und wolle seine Entwicklung unterstützen. Berner vom Land haben eine reservierte Haltung gegenüber Städten. Zäch setzt dennoch auf das Label Stadt, mit dem man Aufbruch, Attraktivität verbindet. «Burgdorf ist keine Schlafstadt von Bern, wir sind eine Regionalstadt mit einem Eigenleben», bekräftigt sie.

In Burgdorfs Altstadt ist es still an diesem kalten Morgen. Viele Läden sind ausgezogen. Die nahe Fachmarktmeile an der Autobahn in Lyssach bietet mehr Verkaufsfläche. «Ja, es gab einen Turnaround in der Altstadt, das Wohnen ist wichtiger geworden», bestätigt Zäch. Aber das löse durch neue Restaurants und Fachgeschäfte überall neues Leben aus. Wir betreten das mächtige Kornhaus, das jahrelang leer stand. Statt auf Musealität setzt die Stadt nun auf Geschäftigkeit und verpachtet das Kornhaus an die Firma Burgdorfer Bier, die gerade ihre neue Brauerei einbaut.

Burgdorfs beschränkte Kraft

Es geht etwas an der Emme. Aber das «Small is beautiful»-Modell bringt den Kanton Bern dennoch kaum voran. Burgdorfs Steuerkraft pro Person legt zwar zu, liegt aber trotz Neuzuzügern unter dem kantonalen Schnitt, und es bezieht Unterstützung aus dem innerkantonalen Lastenausgleich. Viele Zuzüger seien Familien, der erst mittelfristig mehr Steuern zahlen, erklärt Zäch. «Aber wir können besser werden, wir wollen es schaffen», spricht sie sich Mut zu.

Der Kanton Bern ist nicht nur auf mutige, sondern auch auf starke Regionen angewiesen. Denn er liegt als Rekordbezüger aus dem nationalen Finanzausgleich dem Land auf der Tasche und muss sich eine unangenehme Frage gefallen lassen: Wie viel Bern braucht die Schweiz? Das könne sie nicht beantworten, sagt Elisabeth Zäch. Aber sie sei überzeugt, dass die Schweiz viel Burgdorf brauche, regionale Zentren also, die die überteuerten Städte nah am Verkehrskollaps entlasten und die ökologisch sinnvolle Verbindung von Arbeit und Wohnen vorantreiben.

Wenn sich nun auch andere Berner Orte nach dem Burgdorfer Modell als regionale Wachstumszentren verstehen, dann wird eine kostensparende Schwerpunktsetzung misslingen. Oder nicht, Frau Zäch? Die regionalen Zentren seien historisch gewachsen und dadurch definiert, erwidert sie. Und Burgdorf strebe «kein Wachstum um jeden Preis an», sondern eines, das Bern nütze. Der Kanton müsse handlungsfähig bleiben und etwa die dringend nötige Zufahrt Emmental von der Autobahn her bauen, fordert die Wachstumsskeptikerin Zäch. Allerdings dürfte das teure Strassenprojekt auf der Verzichtliste landen.

Was, Frau Zäch, ist Burgdorfs Verzichtsbeitrag? Logisch, dass die clevere Politikerin ihre Karten nicht vor den 2013 anstehenden Verteilkämpfen aufdeckt. Sicher ist: Sie kämpft weiter für Burgdorf.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt