«Ein gutes Leben ist die beste Rache»

Burgdorf

Volles Haus im Casino-Theater Burgdorf: Auf der Bühne unterhielten witzige Kurzacts das Publikum. Die neunte Krönung bot Kleinkunst vom Feinsten.

Der König der Freitagnacht: Jess Jochimsen. Das Duo Luna Tic setzt ihm die Krone auf.

Der König der Freitagnacht: Jess Jochimsen. Das Duo Luna Tic setzt ihm die Krone auf.

(Bild: Hans Wüthrich)

Wie immer liessen Fanfarenklänge das Burgdorfer Casino-Theater schon zum Auftakt vibrieren, und die güldene Krone auf rotem Samt verlockte zum Griff nach den Sternen. An einem der beiden Krönungsabende Königin oder König samt exquisitem Hofstaat zu werden, das war das Ziel der Teilnehmer des Kleinkunstfestivals, das zeitgleich auch im thurgauischen Aadorf stattfand.

Am Freitag um Mitternacht fiel die Königswahl auf Jess Jochimsen. Seine trockenen Beobachtungen zu leger gekleideten Businessmen bei der Leergutrücknahme oder seine Erinnerungen an den netten Naziopa samt Trümmerfrauoma waren umwerfend. Er betonte, er sei ein guter Deutscher, der nur kurz in der Schweiz arbeite und dann wieder heimfahre. Jochimsen empfahl, die täglichen Zumutungen einfach wegzusingen, und zeigte in der Videoshow so herrliche Plakate wie: letzter Sexshop vor der Jungfrau. Seine Empfehlung ans Publikum: «Ein gutes Leben ist die beste Rache.»

Wie wird man Politikerin?

Auch die übrigen Akteure boten Kleinkunst vom Feinsten. Als einzige Frau des Abends zeigte Lisa Catena den unkomplizierten Weg einer steilen Politkarriere in der Schweiz. Dafür sei kein KV-Abschluss nötig, zahlreiche Workshops böten genügend Wissen, und beim Thema Transparenz – der eigenen – sei eisernes Schweigen angebracht. Ebenfalls aus der Schweiz stammt Patrick Boog, der sich ausdrucksstark Gedanken zum Wunsch «es schööns Tägli» und generell zur Zeitspanne von Wünschen und deren Haltbarkeit machte. Die Burgdorfer Schnouzfäuer widmeten ihre absurden Pointen der digitalen Welt.

Liebenswert schüchtern trat Fabian Flender aus Deutschland vor sein Publikum. Mit Jonglage und Slapstick ohne Worte kämpfte der Buchhalter im korrekten Anzug und mit der braven Brille gegen die Tücken des Alltags. Ganz anders flitzte Itrakon (D) querbeet durch Charaktere und Objekte, quoll von Ideen über und liess mit wilder Mimik und rasanten Sprüngen dem Publikum kaum Verschnaufpausen. Am Piano griff Matthias Ningel (D) kräftig in die Tasten und trug schmalzige Songs über die Liebe und das Balzverhalten vor.

Unterhaltsames Duo

Im Alter von 13 Jahren kam Aydin Isik aus der Türkei nach Köln, verbrachte danach Jahre in Izmir und macht sich heute höchst gescheite und vergnügliche Gedanken zu Leben, Prioritäten und Sprachenvielfalt. Seine moderne Interpretation von Goethes «Erlkönig» ist eine Wucht.

Das Gleiche gilt für die Moderation des bekannten Frauenduos Luna Tic: Was die kleine, freche Göre aus Berlin und die parkettsichere Dame aus Paris boten, war spitze. Da wurde zwei- und vierhändig am Klavier neben- und übereinander gespielt und gesungen. Im duftigen Kleid mit eleganten Schrittchen trippelte die eine, und die andere zerrte ständig am unmodischen Rock mit Bluse – dazu grinste sie entwaffnend ins Publikum. Der zweite Abend der Krönung bot ebenfalls Kleinkunst auf hohem Niveau.

In einem Jahr wird es heissen: die Krönung zum Zehnten. Die Organisatoren Nicole D. Käser und Tobias Kälin stehen bereit.

Berner Zeitung

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt