Ein einzelner Hausarzt als Auslaufmodell

Herzogenbuchsee

Seit zwei Jahren sucht Jürg Naef einen Nachfolger für seine Hausarztpraxis in Herzogenbuchsee. Die Suche war für den bald 65-jährigen Mediziner ernüchternd.

Er hat den Eindruck, er sei verbraucht: Haus- und Heimarzt Jürg Naef gibt seine Praxis an der Mittelstrasse in Herzogenbuchsee auf Ende März auf. Jemanden, der sein Lebenswerk weiterführen möchte, hat er nicht gefunden.

Er hat den Eindruck, er sei verbraucht: Haus- und Heimarzt Jürg Naef gibt seine Praxis an der Mittelstrasse in Herzogenbuchsee auf Ende März auf. Jemanden, der sein Lebenswerk weiterführen möchte, hat er nicht gefunden.

(Bild: Olaf Nörrenberg)

Chantal Desbiolles

In seiner Praxis, an der Wand gegenüber seinem Schreibtisch, hängt eine Fotografie seiner Söhne. Damals waren sie noch Kinder, die Aufnahme zeigt die beiden Buben im Kindergartenalter während einer Wanderung in den Bergen. «Eine Seifenkiste und ein Baumhaus habe ich ihnen damals versprochen», erzählt Jürg Naef.

Das Versprechen, das der gebürtige Solothurner vor über dreissig Jahren als Geriatrieoberarzt am Ziegler-Spital seinen Söhnen gab, liess ihn damals auf ein Inserat in der Ärztezeitung hin eine Bewerbung abschicken. Die ausgeschriebene Praxis, auf die er sich damit als Nachfolger bewarb, war in Herzogenbuchsee. «Der Zufall brachte uns hierher», sagt der vitale Facharzt für Allgemeinmedizin heute.

Die vierte Ärztegeneration

Die Familie zog also an die Mittelstrasse, als vierte Ärztegeneration in Folge in das Ärztehaus mit knapp siebzehn Aren Umschwung. Dr. Christen war es, der 1911 das Haus bauen liess, das später Dr. Lanz übernahm, auf den Dr. Lind folgte. Naefs unmittelbarer Vorgänger realisierte den einstöckigen Praxisanbau, in dem auch der aktuelle Hausmediziner praktiziert.

Zwei Tage nach ihrem Zuzug in Herzogenbuchsee nahmen Ruth und Jürg Naef ihre Arbeit auf; sie arbeitete voll in seiner Praxis mit. «Unsere Praxis», korrigiert er. Nach seinem Studium in Bern, Stationen in der Psychiatrie Waldau, dem Spital Burgdorf, dem Frauenspital und zuletzt am Ziegler-Spital wurde er mit seiner Familie in der zweitgrössten Oberaargauer Gemeinde sesshaft.

Speziell die beiden Jahre als Oberarzt im Ziegler-Spital auf der Abteilung für Geriatrie hätten seinen Werdegang als Hausarzt und Geriater entscheidend geprägt, erzählt Naef. Die Arbeit allerdings wurde mit der eigenen Praxis nicht weniger – im Gegenteil. Bis vor zwei Jahren beruhte eine normale Arbeitswoche bei ihm auf sechs Tagen, dazu kam die Büroarbeit am Sonntag. «Das beruht auch auf einer Einstellungsfrage», sagt Naef, ein wenig sei es natürlich auch der Zeitgeist gewesen, der ihn angetrieben habe.

Patienten seien bei ihm nicht einfach abgewiesen, sondern halt einfach abends noch einbestellt worden. Das spiegelt sich auch in den über 10'000 Krankenakten, die sich über drei Jahrzehnte angehäuft haben – vorerst auf Papier, später im Computer. Daneben reichte das Engagement des Facharztes mit Weiterbildungen in Manueller Medizin über die eigene Praxis hinaus: Er fungierte als Heimarzt, als Mitherausgeber der Fachzeitschrift «Hausarztpraxis» sowie «Der informierte Arzt» und politisierte als Präsident des ärztlichen Bezirksvereins.

Als es in den 90ern um die Selbstdispensation ging, machte sich Naef einen Ruf als veritabler Kämpfer seiner Gilde. Seither ist laut Naef die ärztliche Versorgung der Region Herzogenbuchsee die beste im Oberaargau: weil hier die Hausärzte selbst Medikamente an ihre Patienten abgeben dürfen, im Gegensatz zu Langenthal und anderen Orten.

Arbeitslast und Risiko

Seit fünfzehn Jahren unterrichtet Naef ausserdem Studenten der Uni Bern im Fach Geriatrie, was viele Nachwuchskräfte in seine Praxis brachte. Umso mehr schmerzt den arrivierten Mediziner, dass er keinen Nachfolger oder eine Nachfolgerin gefunden hat. Und das, obschon er und seine Frau in die Suche nach einer Nachfolgelösung viel Zeit und Geld investiert haben. Im Alter von sechzig Jahren hätten sie sich erstmals mit Gedanken an eine Ablösung auseinandergesetzt, erzählt Naef. In den vergangenen zwei Jahren schliesslich suchten zwei Büros nach jemandem, der ihr Werk fortführen könnte. Ergebnislos, bis heute.

«An Interessenten hat es nicht gemangelt», stellt Naef fest. Fünf an der Zahl – zwei Schweizer, ein deutscher Kollege sowie ein deutsches Ärztepaar – seien gar sehr konkret geworden. Doch alle bis auf einen hätten nach vier bis sechs Wochen angerufen und ihren Verzicht erklärt. «Es will niemand mehr so viel arbeiten und Verantwortung alleine tragen», stellt Naef fest. «Als Einzelkämpfer bin ich ein Auslaufmodell.»

Diesem Umstand kommen die Gemeinschaftspraxen entgegen: Das wirtschaftliche Risiko ist vergleichsweise klein, die Arbeitszeiten sind geregelt. Um das Risiko für einen Nachfolger zu minimieren, hat sich Familie Naef entschieden, die Praxis «fast gratis» zu vermieten. «Es geht uns nicht darum, Geld zu verdienen», betont Naef und stellt klar: «Und man muss mich auch nicht eins zu eins ersetzen.» Das Ergebnis indes blieb dasselbe: Sein Lebenswerk will niemand weiterführen.

Zeit, Versprechen einzulösen

Ende März ziehen Ruth und Jürg Naef daher den Schlussstrich, wenn auch schweren Herzens. Nie hätte er sich träumen lassen, dass er seine Praxis aufgeben werde, ohne einen Nachfolger gefunden zu haben, sagt ein ernüchterter Naef. Und ja, enttäuscht sei er schon. Fast täglich bekunden langjährige Patienten ihr Bedauern darob, dass er aus dem Berufsleben zurücktreten will. Nicht selten fliessen auch Tränen. Die Verantwortung werde auch für ihn nicht kleiner, die Kritik nicht leiser, hält Naef dagegen. «Die Arbeit braucht einen immer mehr.» Und: «Ich habe den Eindruck, ich bin verbraucht.»

Auf Ende Jahr gibt er auch seine Lehrtätigkeit ab, danach widmet sich der passionierte Bähnler wieder mehr seiner riesigen Garteneisenbahn. Ausserdem will Jürg Naef dann ein Versprechen einlösen. Anstelle der Seifenkiste und des Baumhauses, für die er sich so nie Zeit genommen hat, baut er mit seinem Sohn eine weitere Eisenbahnanlage in dessen Garten.

Berner Zeitung

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