Kräiligen

Ein Run auf Egli und Co.

KräiligenSeit fünfzig Jahren züchtet die Familie Hostettler in Kräiligen Forellen. Und fast ebenso lange verkauft sie die Fische auf dem Markt. Nie hat die Familie so viel zu tun wie am Gründonnerstag.

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Es ist ein lauschiges Plätzchen. In Weihern drehen Fische ihre Runden. Schäferhund Niki döst am Schatten. Hahn Fridolin stolziert durch die Gegend. Zwei Fischer werfen in der Morgensonne gerade ihre Leinen aus.

Doch wer meint, hier sei eben ein ruhiger Tag angebrochen, irrt. Heute herrscht Hochbetrieb in der Fischzucht der Familie Ho­stettler in Kräiligen. Alle paar Minuten fährt ein Auto auf den Parkplatz. Und alle wollen sie nur eines: Fisch. Während des ganzen Jahrs hat die Familie nie so viel zu tun wie am Gründonnerstag. Denn nie essen die Menschen so viel Fisch wie in der Osterzeit.

Den Grund erläutert der Pfarrer der Kirchgemeinde Bätterkinden, Dieter Alpstäg: «Christen ­essen am Karfreitag Fisch, weil er eines der ältesten christlichen Symbole ist.» Das deutsche Wort Fisch heisse auf Griechisch «ichthys». Das seien die Anfangsbuchstaben von «iesos christos theou yios soter», was auf Deutsch «Jesus Christus, Gottes Sohn, Retter» bedeute, so Alp­stäg. «Darüber hinaus ist es christliche Tradition, dass an Fasttagen generell auf Fleisch verzichtet wird.» Wie hält es der Pfarrer selbst mit dieser Tradition? «Ich mag Fisch auch montags oder mittwochs.»

15-mal mehr Fisch als sonst

In der Familie Hostettler dreht sich alles um Fisch – um Forellen im Besonderen. Und das schon seit fünfzig Jahren. Drei von vier Familienmitgliedern haben sich beruflich ganz dem Lachsfisch verschrieben: Vater Ueli, Mutter Vreni und Sohn Beat. Für Tochter Anita kommt der Fisch erst an zweiter Stelle. Sie arbeitet normalerweise in einem Architekturbüro in Burgdorf.

Doch heute steht sie in Kräiligen hinter der Fischtheke und hat alle Hände voll zu tun. Bis zu 350 Menschen werden bis zum Abend bei ihr vorbeikommen, um sich für die Feiertage mit Fisch einzudecken. Zu fünft sind die Anbieter seit vier Uhr morgens auf den Beinen. Die Vorbereitungen begannen vor zwei Tagen. Eigens für den Gründonnerstag haben Hostettlers einen Verkaufsstand vor ihrem Haus eingerichtet. Heute gehen gut 15-mal mehr ­Fische über den Ladentisch als an gewöhnlichen Tagen. In der Vitrine liegt allerlei: Dorsch, Zander, Egli, Lachs und auch Meeresfrüchte. Nur die Forellen stammen aus dem Hause Hostettler. Alle andern Fischsorten wurden am Tag zuvor angeliefert.

Der Verkaufsschlager an diesem Tag ist neben der Forelle der Egli. Wieso das schon immer so war, erklärt Vater Ueli Hostettler: «Viele essen nur aus Tradition am Karfreitag Fisch, obwohl sie Fisch gar nicht wirklich mögen.» Diesen komme der Egli gerade recht. «Der hat einen sehr neu­tralen Geschmack.» Bei Forellenzüchter Hostettler ist das natürlich anders. «Ich mag lieber Fische mit viel Geschmack, mit Charakter.»

Das Hobby zum Beruf

Die Forelle kam durch Ueli Ho­stettlers Vater in die Familie. Dieser war Schreiner in Kräiligen. Als Hobby begann er, im Weiher neben der Schreinerei Forellen zu züchten. Irgendwann wurde die Fischzucht grösser, und auch die beiden Söhne und ihre Ehefrauen stiegen mit ein. Weil es zu jener Zeit in der Baubranche ­immer mehr Konkurrenz gab, gleichzeitig aber die Nachfrage nach Fisch stets grösser wurde, sattelten Hostettlers um.

Heute ist der Betrieb eine GmbH, zu der in Utzenstorf mehr als 20 Weiher gehören, wo die Forellen schonend herangezüchtet werden – anders als in Industriebetrieben, wie Hostettler betont. Hier lasse man den Fischen Zeit, rund ein Jahr länger würden die Fische ­gehegt und gepflegt. Wenn sie dann eine stattliche Grösse erreicht haben, kommen sie nach Kräiligen, wo sie verarbeitet ­werden. Dann werden sie verkauft: an Restaurants, an Kunden, die selbst vorbeikommen, oder auf dem Märit.

Der Kopf am Stand ist wichtig

Der Märit ist auch der Grund, weshalb Ueli Hostettler an ­diesem Gründonnerstagmorgen nicht zu Hause in Kräiligen anzutreffen ist. Er ist in Burgdorf und führt dort den Märitstand. Seine Frau Vreni ist mit Sohn Beat in Grenchen, auch am Märit. An beiden Orten herrscht heute ebenfalls Hochbetrieb. «Märkte sind speziell», erklärt Ueli Hostettler. «Der Märitbesucher sieht gerne immer dieselben Köpfe.» Personelle Wechsel am Märitstand kämen deshalb nicht gut an. Deshalb springe am Gründonnerstag, wenn in Kräiligen Hochbetrieb herrscht, jeweils auch seine Tochter ein.

Wenn nicht gerade Feiertage anstehen, geht die Familie jede Woche auf den Markt. Dass sie auch Meeresfische und -früchte im Angebot führen, hat wirtschaftliche Gründe: «Forellen alleine rentieren nicht», sagt der Vater. (Berner Zeitung)

Erstellt: 26.03.2016, 10:56 Uhr

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