Thunstetten

Ein Jungautor mit Gehör für Flüchtlinge

ThunstettenIn seinem Debütroman «Am Fusse der Festung» porträtiert der in Thunstetten wohnhafte Johannes Bühler Flüchtende, die auf ihrem Weg ins vermeintliche europäische Paradies in Marokko gestrandet sind.

Erstlingswerk in den Händen: Johannes Bühler präsentiert seinen Roman «Am Fusse der Festung».

Erstlingswerk in den Händen: Johannes Bühler präsentiert seinen Roman «Am Fusse der Festung». Bild: Hans Wüthrich

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Strassenkontrolle in der Camargue, einer Provinz im Süden Frankreichs: Drei Polizisten umringen einen jungen Mann. «Guten Tag, Monsieur, Police Nationale, Ausländerkontrolle, Ihre Papiere bitte, woher sind Sie, wohin gehen Sie, was machen Sie hier, wer war das, der eben mit Ihnen war?»

Bei dem jungen Mann handelt es sich um Johannes Bühler, Jahrgang 1988, auf einem Bauernhof in Thunstetten gross geworden. In dieser Szene seines Erstlingsromans beschreibt Bühler eindrücklich ein Privileg, das den meisten von uns wohl gar nicht bewusst ist. Bühler schreibt: «Ich reiche ihnen das rote Büchlein, welches es mir als Geburtsrecht erlaubt, in solchen Fällen keine Probleme zu haben.»

Acht Monate recherchiert

Genau diesem Geburtsrecht geht Bühler in seinem Buch «Am Fusse der Festung» auf den Grund, und zwar in Marokko, einem Land, das Bühler vor sechs Jahren zum ersten Mal bereist hat und ihn seither nicht mehr loslässt. Acht Monate lang recherchierte er in verschiedenen Städten des nordafrikanischen Staates. Er suchte Menschen auf, die auf ihrer Flucht von ihrem afrikanischen Ursprungsland nach Europa in Marokko gestrandet sind. Oft kommen sie weder weiter noch zurück. Sie stecken fest und kämpfen täglich ums Überleben in einer Gesellschaft, in der sie nicht willkommen sind.

Bühler trug Erzählungen von fünfzehn betroffenen Frauen und Männern zusammen. Jedes Protokoll erzählt die Geschichte eines Menschen, der vom Privileg eines roten Büchleins, mit dem er überall hinkommen könnte, nur träumen kann.

Bühler liefert Hintergründe

Anstatt wie Politiker oder Experten die Flüchtlingsproblematik theoretisch abzuhandeln, betreibt Bühler mit seinem Buch Feldstudien vor Ort. Bühlers Buch liefert aber auch immer wieder politische Hintergründe, etwa über die Europäische Nachbarschaftspolitik, in der die Europäische Union Marokko dazu verpflichtet, die irreguläre Migration zu stoppen, und ihm als Dank dafür mehr EU-Entwicklungshilfegelder überweist, als jedem anderen Land auf der Welt. Während seiner Zeit in Marokko konnte Bühler hautnah miterleben, was diese «europäische Flüchtlingspolitik» für das einzelne Individuum bedeutet: prekäre Lebensbedingungen, Aussetzungen in die Wüste und brutale Gewalt durch Sicherheitskräfte.

Einfache Lösungen, um diese offensichtlichen Missständen in Ländern wie Marokko zu beseitigen, gibt es nicht. Für Bühler ist aber klar, dass diese direkt mit uns verbunden sind. «Unser materieller Wohlstand basiert auf der Ausbeutung und der Instabilität anderer Länder – und Flucht und Migration sind eine direkte Folge davon», sagt Bühler.

Per Autostopp nach Marokko

Neben den abenteuerlichen Geschichten der verschiedenen Protagonisten erfährt man beim Lesen auch mehr über Bühlers eigene Reise. Und die ist nicht minder ereignisreich. Statt von Basel das Flugzeug in die marokkanische Metropole Casablanca zu nehmen, absolvierte Bühler die gesamte Strecke per Autostopp. «Man legt sein Schicksal in die Hände eines anderen», bejaht Bühler das Risiko hinter dieser Art zu reisen.

Angst hatte er deswegen aber nie. Und so entstanden auch wieder ganz besondere Begegnungen, von denen es einige auch ins Buch geschafft haben. «Am Fusse der Festung» erscheint nächste Woche im Stuttgarter Schmetterling Verlag und kann bereits online bestellt werden. Marokko lässt den jungen Autor aber vorerst nicht los. «Ich werde im März wieder dorthin reisen und hoffentlich einige der porträtierten Menschen wiedersehen», sagt Bühler. (Berner Zeitung)

Erstellt: 02.02.2015, 08:58 Uhr

Artikel zum Thema

Schülerin schreibt mutig über homosexuelle Liebe

Münsingen Nicht «irgendeine Schatzsuchergeschichte» wollte sie schreiben. Alina Zumbrunn (14) hat mit der Kurzgeschichte «Die andere Seite» einen Schreibwettbewerb gewonnen. Mehr...

Zwei Männerleben in Moll

Ein bisschen rau, ein bisschen poetisch: Melancholisch grundiert feiert die Uraufführung von «Fred und Franz» des Bündners Arno Camenisch Stationen einer Männerfreundschaft. Mehr...

Newsletter

Das Beste der Woche.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitag um 16 Uhr Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Gartenblog Bastelanleitung für einen Blumenbogen

Bern & so Flöten gehen

Die Welt in Bildern

Ab in den Matsch: Teilnehmer der Ostfriesischen Wattspiele versuchen im Schlamm Fussball zu spielen. (19. August 2017)
(Bild: Carmen Jaspersen) Mehr...