Hellsau

Ein Dorf setzt auf die Sonne

HellsauDas kleine Bauerndorf Hellsau schafft Aussergewöhnliches: Es kann den eigenen Strombedarf praktisch vollständig durch Sonnenenergie decken.

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Hellsau, Emmentaler Kleinstgemeinde an der Grenze zum Oberaargau: 190 Einwohner, 72 Haushalte, keine Fusionsgelüste und autark. Autark? Was den Stromverbrauch betrifft, ist sie das. Hellsau deckt den Strombedarf aller Haushalte allein durch die Sonnenenergie ab, weil genug Fotovoltaikanlagen auf den Gebäuden im Dorf existieren. Die Gemeinde versorgt sich selber mit grünem Strom, so lautet die These: Auf Anfrage dieser Zeitung machte sich Markus Aebi, Bauer, Grossrat und Ex-Gemeindepräsident von Hellsau, daran, die Daten zusammenzutragen. Er fand die Annahme bestätigt.

Die Rechnung geht fast auf

Alle fünf landwirtschaftlichen Betriebe von Hellsau haben eine Fotovoltaikanlage auf Haus, Stall oder Schopf montieren lassen; drei Einfamilienhäuser haben eine auf dem Dach. Sie liefern zusammen 204 Kilowatt Peak Strom pro Jahr. Hinzu kommen die Anlagen auf dem Schulhaus (30 Kilowatt Peak) und jene auf dem Werkhof der Sutter Bauunternehmung AG (100 Kilowatt Peak). Letztere ist die grösste Anlage, von der Hauptstrasse aus kaum zu übersehen und seit 2012 in Betrieb. Der Strom wird ins Netz eingespeist.

Kilowatt Peak ist der Spitzenwert, den die Solarzellen an elektrischer Leistung erbringen können. Diese schwankt je nach Sonneneinstrahlung, Dachwinkel, Ausrichtung des Daches sowie Temperatur.

Die Rechnung geht unter dem Strich nicht schlecht auf: Das Potenzial der 10 Anlagen liegt gesamthaft bei 334 Kilowatt Peak im Jahr. Eine genaue Umrechnung ist zwar nicht möglich, doch laut Hans Leuenberger, Landwirt und Fotovoltaikspezialist aus Hellsau, entspricht dies in einem durchschnittlichen Jahr in Hellsau etwas über 300000 Kilowattstunden. Geht man davon aus, dass ein Vierpersonenhaushalt durchschnittlich 4500 Kilowattstunden pro Jahr benötigt, ergibt sich bei 72 Hellsauer Haushalten ein Stromverbrauch von 324000 Kilowattstunden jährlich. Hellsau kann damit seinen Energieverbrauch zumindest theoretisch so gut wie decken.

Bauern mit Pionierleistung

Eine beachtliche Leistung für die kleine Gemeinde: Die Onyx Energie Netze AG muss jetzt sogar neue Leitungen legen. Die Stromkapazitäten müssen wegen der Fotovoltaikanlagen verstärkt werden. Die Freileitungen werden neu in die Erde verlegt.

Die Anlagen sind alle in den letzten zwei Jahren installiert worden. Aber warum hat gerade Hellsau so viele davon? «Das ist der Verdienst einiger weniger Bauern mit Pioniergeist. Sie gaben den Anstoss», sagt Hans Leuenberger. Der Hellsauer Landwirt ist nebenberuflich Geschäftsführer der Schmidt Consulting und Vertrieb West Schweiz GmbH mit Sitz in Herzogenbuchsee. Seine Firma ist auf das Beraten, Planen und Verkaufen von Fotovoltaikanlagen spezialisiert und hat an verschiedenen Orten in der Schweiz Projekte umgesetzt, vier in Hellsau.

Leuenberger brachte das Thema Solarstrom vor vier Jahren aufs Tapet. Er meldete sich an einer Gemeindeversammlung zu Wort, damals war er selbst noch nicht im Solarbusiness tätig. Er fragte, ob es nicht Möglichkeiten gäbe, die brach liegenden Dächer sinnvoll zu nutzen. Noch bevor die Gemeinde den Faden aufnahm, ergriffen die Bürger die Initiative, der Stein kam ins Rollen. Die ersten Solaranlagen wurden montiert. An einer Infoveranstaltung begann die Gemeinde später für das Thema zu sensibilisieren, weitere Einwohner sprangen auf den Zug auf. Beiträge hat die Gemeinde nie gesprochen, Hellsau entwickelte sich praktisch von selbst zum «Solardorf». Die Privatleute stemmten die Ausgaben alleine.

Umwelt und Geld

«Mit der Anlage wollten wir einen gewissen Beitrag an die Umwelt leisten», erklärt Hanspeter Sutter, Geschäftsführer der Sutter Bauunternehmung. Ins gleiche Horn stossen die Landwirte Beat Grütter, der mit der Anlage auf seinem Schweinestall die erste im Dorf besass, und Hanspeter Hofer. Vizegemeindepräsident Hofer sagt, dass Hellsau «den Auftrag zum Ausstieg aus der Atomenergie ernst» nehme.

Doch nicht nur der Umweltgedanke, auch die Wirtschaftlichkeit mag eine Rolle spielen. Nach und nach kommen die Solaranlagen in Hellsau in den Genuss der kostendeckenden Einspeisevergütung (KEV) des Bundes. Die Warteliste ist lang, jetzt kommt dran, wer seine Anlage im Sommer 2011 bei der Netzgesellschaft Swissgrid angemeldet hat. Die KEV deckt die Differenz zwischen Produktion und Marktpreis ab und garantiert den Produzenten von erneuerbarem Strom einen Preis, der ihren Produktionskosten entspricht. Statt der KEV können die Betreiber kleiner Fotovoltaikanlagen auch einen einmaligen Beitrag an die Investitionen erhalten, höchstens aber 30 Prozent. Die sogenannte Einmalvergütung gibt es seit 1.April dieses Jahres als Fördermassnahme.

Noch Potenzial

Markus Aebi ist überzeugt, dass in Hellsau immer noch Kapazitäten für Solaranlagen vorhanden sind. Einerseits habe es noch freie Dächer, andererseits seien die Anlagen teilweise erweiterbar.

Damit nicht genug: Drei innovative Bauern haben den Wärmeverbund Hellsau realisiert. Die Schnitzelheizung auf dem Areal von Martin Lüdi bereitet Warmwasser für das Dorf – inklusive dem Schulhaus – auf. Sie ist gut sieben Jahre alt und ebenfalls Teil des Versuchs, als Gemeinde unabhängig und ökologisch zu sein. (Berner Zeitung)

Erstellt: 08.08.2014, 07:27 Uhr

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